«Tiere fast aller Arten werden heute in Zoos älter als in freier Wildbahn»
Von Barbara Reye. Aktualisiert am 11.12.2011 20 Kommentare
Jörg Junhold: Der Tierarzt und Geschäftsführer des Zoos Leipzig ist seit zwei Monaten Direktor des Weltverbandes für Zoos und Aquarien (Waza) in Gland VD. (Bild: PD)
Delfinarien: Austausch zwischen Zoos
Die Todesursache der beiden Delfine Shadow und Chelmers aus dem Schweizer Bodensee-Freizeitpark Conny-Land, die kurz nacheinander im November gestorben sind, steht bislang noch nicht fest. Der Oberstaatsanwalt des Kantons Thurgau, Andreas Zuber, der den Fall übernommen hat, sowie auch Geschäftsführer Erich Brandenberger von Conny-Land wollen sich derzeit nicht dazu äussern und geben auch nicht bekannt, wann sie dies vorhaben.
Zwischen Zoos ist es üblich, dass Delfine ausgetauscht und von einem Ort zum anderen transportiert werden, wenn dort zum Beispiel durch den Tod eines Delfins Bedarf an einem Grossen Tümmler besteht. Für den Transport werden die Meeressäuger dann in eine circa 3,5 m lange und 1,5 m breite Spezialbox auf eine Schaumstoffmatratze gelegt und während der Fahrt permanent mit Wasser bespritzt und befeuchtet.
«Bei solchen Transporten wird das Tier die ganze Zeit von einem Tierarzt und Pfleger beobachtet», sagt Lorenzo von Fersen vom Tierpark Nürnberg, der in diesem Sommer sein Delfinarium mit einer grossen Aussenanlage erweitert hat. Wichtig sei es, dass der Delfin zuvor auf diese Situation gut vorbereitet sei, um ihn nicht noch mehr zu stressen. Denn eine solche Fahrt sei anstrengend.
Im Rahmen des europäischen Erhaltungszuchtprogramms werden nun vier Delfine aus dem Allwetterzoo in Münster bis Ende kommenden Jahres abgegeben. «Anhand von Zuchtbüchern entscheiden Experten, wo die vier Tiere hinkommen und in welche Gruppe sie am besten passen», sagt Lorenzo von Fersen. (bry)
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Der Eisbär Knut, das schielende Opossum Heidi und die beiden Conny-Land-Delfine Shadow und Chelmers sind dieses Jahr gestorben. Herr Junhold, geht es den Tieren im Zoo tatsächlich gut?
Man darf hier nicht zwei Dinge miteinander vermischen. Tiere fast aller Arten werden heute in Zoos älter als in freier Wildbahn. Die überwiegende Zahl der Zootiere stirbt wegen des erreichten Alters oder aufgrund einer nicht heilbaren Krankheit. Zooleute haben sich dem Leben und dem Schutz der Tiere verschrieben. Den Tieren geht es gut, wenn sie in wissenschaftlich geführten Zoos von Experten gepflegt und ihrer Art gemäss gehalten werden.
Wenn ein Zoo wie jetzt in Münster beschliesst, seine dressierten Delfine abzugeben, verkauft er sie dann an andere Zoos?
Auf keinen Fall. Es gibt ethische Grundregeln beim Management von Zootieren. Demnach ist ein Tier keine Ware, sodass mit ihm auch kein Geschäft gemacht werden darf. Man einigt sich unter den Tiergärten meistens so, dass der Empfängerzoo die Kosten für den Transport übernimmt.
Wer entscheidet, welches Tier wohin kommt?
Für viele Tierarten gibt es Zuchtprogramme, die von einem bestimmten Zoo international koordiniert werden. Informationen über jedes einzelne Zootier werden in einer internationalen Datenbank erfasst, für viele Arten gibt es ein Zuchtbuch. Dies ist quasi eine Identitätskarte, auf der Name, Alter und Geschlecht, aber auch sein Stammbaum über mehrere Generationen festgehalten ist. Mit diesen Informationen beurteilen Experten, wo ein bestimmtes Tier am besten platziert werden sollte. Oberstes Ziel ist es, Inzucht zu verhindern und in der Zoowelt eine möglichst gesunde und stabile Population mit einer hohen genetischen Variabilität zu erreichen.
Und was ist mit Wildfängen?
Diese sind im Zoo des 21. Jahrhunderts zum Glück nur noch die Ausnahme. Inzwischen ist es teilweise eher andersherum. Und wir wildern stark gefährdete Tierarten sogar wieder aus.
Ist der moderne Zoo eine Art Arche Noah für gefährdete Tierarten?
In der Tat verfügen wir zum Teil über Tierarten, die in der Natur im Laufe der Zeit ausgestorben sind. Das beste Beispiel dafür ist das Urwildpferd Przewalski, das zuletzt Ende der 60er-Jahre in freier Wildbahn gesehen wurde. Erst durch die Unterstützung mehrerer Tierparks liess sich die Art in der Mongolei erfolgreich wiederansiedeln.
Kommt ein in Gefangenschaft gross gewordenes Tier in der Wildnis allein zurecht?
Bei Huftieren wie etwa seltenen Antilopenarten klappt dies gut, bei Grosskatzen dagegen weniger. So ist der Versuch in den 70er-Jahren, den Amurtiger in seine sibirische Heimat zurückzubringen, gescheitert. Er hatte sich zu sehr an Menschen gewöhnt und die Scheu vor ihm verloren, sodass es zu Konflikten mit der Bevölkerung kam, weil diese sich bedroht gefühlt hat. Wichtig ist es deshalb, dass bei einem so grossen Projekt auch der Lebensraum des Tiers etwa vor Wilderern gut geschützt wird und die Bewohner der Gegend über die Wiederansiedlungen informiert sind.
Was heisst das konkret?
Zum Beispiel bauen wir derzeit zusammen mit Forschern vom Leibniz-Institut für Wildtierforschung in Berlin eine Zuchtstation für Nashörner auf Borneo auf und achten darauf, dass das Projekt nachhaltig ist. Eine geplante Freilassung funktioniert nur mit entsprechenden Schutzmassnahmen des Lebensraumes.
Ist nicht ausgerechnet die Zucht von Nashörnern besonders schwierig?
Das stimmt. Doch die Berliner Forscher waren die Ersten, die beim Nashorn eine künstliche Befruchtung mit erfolgreicher Trächtigkeit und Geburt erzielten. Sie sind Experten bei der assistierten Reproduktion von Nashörnern und Elefanten, die ebenfalls zu wenig Nachwuchs für eine ausreichend grosse Population im Zoo haben. So müssen auch Elefanten oft künstlich besamt werden, was bei Nutztieren längst gang und gäbe ist.
Einige Zootiere bekommen indes zu viele Junge. Was passiert mit ihnen?
Wenn es im eigenen Zoo keinen Platz mehr hat, versucht man, sie woanders unterzubringen. In seltenen Fällen werden sie auch eingeschläfert, wie etwa die zwei von vier Löwenbabys im Zoo Basel vor ein paar Jahren.
Ist dies nicht eine Fehlplanung?
Auch in der Natur sterben viele Jungtiere. Man muss stets von Fall für Fall abwägen. Denn unter Umständen ist für das Muttertier die Paarung, Trächtigkeit und Aufzucht der Jungen von grosser Bedeutung. Solche Entscheidungen über Leben und Tod sind immer sehr schwierig und müssen deshalb von mehreren Leuten getroffen werden.
In ihrem Zoo werden überzählige Ziegen und Schafe geschlachtet und an Raubtiere verfüttert. Das Töten eines Lippenbär-Babys hat ihnen dagegen eine Anzeige wegen Tierquälerei gebracht. Würden Sie heute anders handeln?
Nein. Wir haben damals sehr verantwortungsvoll abgewogen und würden dies auch heute tun. Die Entscheidung ist damals bewusst gegen eine Handaufzucht des Lippenbär-Babys gefallen, das von seiner Mutter nicht versorgt wurde. In der freien Natur hätte das Jungtier keine Überlebenschance gehabt. Dies ist immer eine Einzelfallentscheidung, bei der mögliche negative Folgen einer Handaufzucht und die aktuelle Situation in einer Population sorgfältig abgewogen werden müssen.
Werden Verhütungsmittel benutzt?
Zuerst versucht man, ohne Hormone auszukommen und wenn es geht, Männchen und Weibchen während einer bestimmten Zeit voneinander zu trennen. Allerdings muss man dafür den Zyklus des Weibchens sehr gut kennen. Bei einigen Tieren wie dem Brillenbären setzt man für eine Geburtenkontrolle Hormonpräparate ein. Doch solche Wirkstoffe haben Nebenwirkungen und können zu Gebärmutterveränderungen führen. In anderen Fällen wie etwa beim Elefanten ist eine Verabreichung von Verhütungsmitteln nicht nötig, da immer noch jedes Jungtier willkommen ist, um eine selbsterhaltende Population zu erlangen.
Zum Zoomanagement gehört auch der Transport der Tiere. Wie bekommt man einen Pandabären aus China nach Europa?
Bei Reisen mit dem Flugzeug ist bei grösseren Tieren meistens ein Experte im Frachtraum, damit das Tier gegebenenfalls bei Stress ein Beruhigungsmittel bekommen kann. Innerhalb von Europa werden die Tiere meistens von spezialisierten Logistikunternehmen transportiert.
Sollten Zoos noch eine grössere Rolle beim Artenschutz spielen?
Als Zoomann versteht man sich als Botschafter der Tiere. Zum einen sorgt man dafür, dass sie sich dort, wo sie in der Obhut des Menschen sind, wohlfühlen, und übernimmt dafür die Verantwortung. Zum anderen möchte man aber auch, dass ihre Lebensräume nicht weiter zerstört werden. Weltweit investieren Zoos deshalb 350 Millionen US-Dollar in Artenschutzprojekte, um insbesondere Wiederansiedlungsprojekte und den Erhalt der Lebensräume mitzufinanzieren. Wir haben somit nicht nur einen Bildungsauftrag gegenüber unseren Zoobesuchern, sondern engagieren uns auch für den Artenschutz vor Ort. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.12.2011, 09:18 Uhr
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20 Kommentare
Ausgerechnet bei Delphinen trifft es nicht zu: Sie werden in Gefangenschaft kaum je so alt, wie in der Wildbahn. In freier Natur erreichen sie ein Alter von 40-50 Jahren, in Gefangenschaft sind 30-jährige Tiere eine absolute Seltenheit. Ein deutliches Zeichen völlig ungenügender Haltungsbedingungen weltweit! Und generell: Die höhere Lebenserwartung ist kein Grund, Tiere in Zoos zu sperren! Antworten
Mir persönlich ist es lieber wenn Tiere aussterben (wir Menschen tragen in vielen Fällen selber die Schuld), als dass sie in Gefangenschaft leben oder von Zoo zu Zoo verschoben werden wo sie manchmal ein total anderes , schlechteres ''Leben'' führen müssen. Oder wo sie so saublöd eingefangen werden (Strausse, Vogelgrippe) oder zusammengeführt werden (Tiger) wie im Zoo Züri. Antworten
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