Wegen einer Allergie müssen alle verzichten
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 18.01.2012 35 Kommentare
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Das Schulhaus meiner Kinder ist von der Schulleitung zur nussfreien Zone erklärt worden. Nüsse in jeglicher Form (Farmerstängel, Studentenfutter etc.) sind strikt verboten. Der Grund: Eine Schülerin leidet unter einer äusserst heftigen Nussallergie. Ist das ein Grund zur Freude, weil wir als Gesellschaft so rücksichtsvoll und tolerant sind, dass ein ganzes Schulhaus wegen einer Einzelperson auf Nüsse verzichtet? Oder ist es absurd, dass eine ganze Schule sich darauf einstellen muss? M.W.
Liebe Frau W. 2008 stellte Nicholas A. Christakis, Arzt und Professor für Medizinsoziologie in Harvard, im «British Medical Journal» die Diagnose, dass die in Schulen grassierende «Nut free»-Praxis die Züge einer «mass psychogenic illness» – einer Massenhysterie – trage. Allerdings kritisiert er dabei nicht Schutzmassnahmen, die wegen eines bestimmten Kindes getroffen wurden, sondern die generalisierte Allergie-Panik, die etwa dazu führt, dass ein Schulbus wegen einer am Boden liegenden Erdnuss evakuiert wird.
Dass es absurde Auswüchse der Prophylaxe gibt, muss natürlich nicht heissen, dass jede Vorsicht in konkreten Fällen unangebracht ist. «Vielleicht denken Sie, dass das Kind geschützt ist, wenn es selber diese Nüsse nicht isst», heisst es in dem Informationsschreiben der Schule, das Sie Ihrer Anfrage beigelegt haben. «Das ist leider nicht der Fall. Schon wenn kleinste Nusspartikel in der Luft schweben und das Kind diese einatmet, kann es zu einer gefährlichen Reaktion kommen.» Wer wollte da ein Menschenrecht seiner Kinder auf einen nusshaltigen Znüni-Snack einklagen, wenn dieser «für das betroffene Kind lebensbedrohlich werden» kann? (Man fragt sich freilich: Wie schützt die Familie sonst ihr Kind vor diesen Minimal-Immissionen, z. B. in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Strasse?)
Doch möglicherweise liegt das Problem gar nicht in den Alternativen Rücksicht vs. Absurdität, sondern ganz woanders: nämlich in der Frage, ob man den anderen Schulkindern zumuten kann, sich selbst ständig als potenzieller Todbringer betrachten zu müssen. Das kleinste Fehlverhalten, das dazu führt, dass «kleinste Nusspartikel» die Luft kontaminieren, reicht aus, um einen Klassenkameraden in Lebensgefahr zu bringen. Was passiert, wenn ein Kind trotz der Warnungen einen Farmerriegel auf dem Schulweg kauft? Was ist, wenn es in seiner Manteltasche ein paar Erdnüsse vergessen hat?
Das nussfreie Klima bringt eine Unfreiheit mit sich, die nicht nur das untergeordnete Recht auf einen Farmerstängel tangiert. Denn hier wird den Kindern ungefragt und unterschiedslos eine Verantwortung aufgebürdet, welche viele Erwachsene – zum Beispiel Pflegeheimmitarbeiter, die sich weigern, sich zum Schutz ihrer Klientel gegen die Grippe impfen zu lassen – keineswegs selbstverständlich auf sich nehmen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.01.2012, 07:47 Uhr
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35 Kommentare
Als betroffene Mutter eines Kindes bin ich schwer schockiert über diesen Artikel, aber auch über die Reaktionen der Leser!! So etwas kann nur jemand schreiben, der nicht genug recherchiert hat, geschweige denn sich die Mühe gemacht zu haben, vorab mit einem Betroffenen zu sprechen!! Ich kann nur hoffen, dass nicht alle Mitmenschen so intolerant reagieren!!! Antworten
Ich bin Lehrperson + Erdnussallergikerin. In meinem Schulzimmer werden keine Nüssli gelagert, gegessen, keine Schalen im Abfalleimer entsorgt. Im Lehrerzimmer werden zu keiner Zeit in keiner Form Erdnüsse aufgetischt. Neben meiner Familie, meinen Freunden und meinen Arbeitskollegen halten sich auch die Leute vom Sportclub an mein Erdnussverbot. 1000 Dank an diese verständnisvollen Menschen!!! Antworten
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