Wirtschaft
Konsumenten und Kleinfirmen zahlen Zeche für freien Strommarkt
Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 14.11.2009 3 Kommentare
Statt tiefere Preise hat die Liberalisierung einen Kostenschub gebracht. Davon profitieren einzelne Grosskunden - aber auch nur so lange, wie Rezession herrscht. Wenn ein Markt liberalisiert wird, entsteht Wettbewerb, die Preise sinken. So steht es im Lehrbuch. Aber der Schweizer Strommarkt funktioniert nach eigenen Regeln. Der Bund und die mit der Energiewirtschaft verfilzte Politik wollten daran nur wenig ändern.
So kam es, dass die zaghafte und auf Grosskunden beschränkte Teilöffnung auf Anfang 2009 nicht die erhofften Einsparungen, sondern Aufschläge zwischen 10 und 20 Prozent, in Einzelfällen gar bis 30 Prozent brachte. Der Löwenanteil der Aufschläge bestand aus höheren Gebühren für die Nutzung der Schweizer Stromnetze - und zwar für alle Strombezüger, also auch für alle Haushalte und KMU, die frühestens im Jahre 2014 ihre Stromlieferanten frei wählen können sollen. Dieser Kostenschub habe mit der Liberalisierung aber gar nichts zu tun, bemängelt Urs Meister, Energiespezialist bei Avenir Suisse: «Hier hatte die Strombranche Mängel in der Regulierung schamlos ausgenützt.»
Schwacher Regulator
Die Aufsichtsbehörde Elcom hat die Aufschläge bei der Netznutzung zwar etwas zurückgestutzt. Mehrheitlich konnten sich die grossen Elektrizitätsfirmen, die ihre Übertragungsnetze in die neu gegründete Swissgrid ausgelagert haben, dennoch durchsetzen. Sie haben ihre längst abgeschriebenen Netze aufwerten und die künstlichen Mehrkosten zum grossen Teil auf alle Strombezüger überwälzen können. Für 2010 hat die Elcom immerhin einen Marschhalt bei den Netzkosten verfügt. Die Regeln geben dem Vernehmen nach aber in den nächsten Jahren weitere Aufschläge her. Kurz: Den meisten Haushalten und den Klein- und Mittelfirmen hat diese sogenannte Liberalisierung nur Mehrkosten gebracht. Einzelne Versorger, die sich wie das Zürcher EWZ trotz vergleichsweise tiefer Strompreise mit Erhöhungen stark zurückgehalten haben, sind die Ausnahme.
Im zweiten Jahr der Liberalisierung blieben die Stromkosten für die Haushalte «praktisch stabil», verkündete der Dachverband der Elektrizitätswerke VSE im Oktober. Die Preise stiegen nur um rund ein Prozent. Im Detail sieht es weniger gut aus. Immerhin 40 Prozent der Stromfirmen schlagen auf, nur 10 Prozent senken die Preise. Die Aufschläge blieben mit wenigen Ausnahmen laut VSE unter 10 Prozent.
Hohe Preise trotz Rezession
Die Preise für die Haushalte steigen auf dem Energieteil des Strompreises um 3,6 Prozent, hat Stefan Krummenacher vom Luzerner Beratungsunternehmen Enerprice Partners errechnet. Als Basis nahm er die publizierten Preise der 60 grössten Anbieter, die rund 80 Prozent des Marktes abdecken (siehe Grafik).
«Ich kann die Erhöhungen für 2010 nicht nachvollziehen», sagt Krummenacher, der Grosskunden beim Abschluss von Stromlieferverträgen berät: «Europa steckt in einer tiefen Rezession, im Ausland sind die Preise für Bandenergie für das nächste Jahr 40 Prozent tiefer als 2008. Doch in der Schweiz macht der Strompreis bei den meisten Bezügern keinen Wank nach unten.» Das nähre den Verdacht, dass das Geld «in den Taschen der Stromwirtschaft bleibt».
Nur Einzelne profitieren
Diesen Vorwurf will Dorothea Tiefenauer vom VSE nicht gelten lassen. Der europäische Preis für Bandenergie, mit der sich Grossbezüger an der Börse in Leipzig eindecken, habe sich 2007 und 2008 um rund 50 Prozent erhöht. «Aber diese Steigerungen haben die Schweizer Stromunternehmen nicht unmittelbar überwälzt», betont Tiefenauer, «die Senkung ab dem Spitzenpreis ist deshalb nicht möglich.» «Die Preise, die Haushalte und KMU in der Schweiz auf dem Energieteil des Strompreises zahlen, liegen im Schnitt immer noch tiefer als in umliegenden Ländern», sagt auch Harry Graf vom Zürcher Versorger EWZ: «Darum tangieren Preisschwankungen im Ausland Schweizer Endkunden weniger.»
Fakt bleibt indes, dass die Elektrizitätsfirmen die lange Zeit günstigen Strompreise stetig ans Ausland angepasst haben. Und dies auch für Grosskunden. «Die Schweizer Stromwirtschaft profitiert über den Energiehandel schon lange von Europa», sagt Meister von Avenir Suisse, «dank der Liberalisierung profitiert sie noch stärker, weil sie jetzt vermehrt die Preise der Schweiz an das tendenziell höhere Niveau im Ausland heranführen kann.»
Erst seit an der Börse in Leipzig die Grosshandelspreise unter das Niveau von 2007 gefallen sind (siehe Grafik), gelingt es einzelnen Grossverbrauchern, vom Preisrutsch zu profitieren. So hat laut Berater Krummenacher kürzlich ein Grossbezüger mit einem regionalen Elektrizitätswerk einen Liefervertrag zu wenig über 40 Euro pro Megawattstunde abgeschlossen. «Aber spätestens wenn der Aufschwung kommt und die Nachfrage wieder zulegt, dürften auch hier die Preise wieder scharf anziehen», sagt Krummenacher.
Aufschwung zieht Preise hoch
Dieser Meinung ist auch Meister. Liberalisierung bedeute Marktpreise. Für diese sei der Grosshandel massgeblich, sagt Meister: «Und die Grosshandelspreise orientieren sich am höheren Niveau der umliegenden Länder.» Die Preise im europäischen Grosshandel waren bis im Sommer 2008 laut dem Energiespezialisten von Avenir Suisse «unglaublich hoch, weil sich Gas und Kohle massiv verteuert hatten». Heute sind die Preise etwa in Deutschland deutlich gesunken, wegen der Rezession und tieferer Gas- und Kohlepreise. Aber sobald der Aufschwung kommt, ist es damit vorbei.
Den Haushalten und KMU dürfte unter diesen Vorzeichen die Lust auf Liberalisierung vergangen sein. Nachricht per e-mail senden
Empfänger
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.11.2009, 07:19 Uhr
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3 KOMMENTARE
Der Bundesrat zahnlos, wirtschaftshörig und immer volksfremder zugelassen das die Elektrizitätswirtschaft ihre längst abgeschriebenen Altanlagen in einer neuen Gesellschaft (Swisssgrid) wieder aktiviert hat. Eigentlich Betrug sowas aber man ist ja unter sich. Sogenannte Liberalisierungen führen nur zu einer Verbesserung für Grosskunden. Nebenbei wird ja jetzt noch gerade die Post kaputt gemacht.
Antwort Preisüberwacher auf meinen Brief (Zitat): "Die Kompetenz, Elektrizitätstarife zu überprüfen, ist auf diesen Zeitpkt. hin an die ElCom übergegangen." Antwort ElCom (Zitat): "Der Preis ist Ergebnis des freien Markts. Solange es Kunden gibt, - die aus welchen Gründen auch immer - freiwillig bereit sind, einen solchen Preis zu bezahlen, gibt es grundsätzlich keinen Grund, dagegen vorzugehen."
Jedermann wusste vor der Abstimmung der Strommarkliberalisierung, dass die Strompreise dann extrem ansteigen werden. Man musste nur nach D schauen! Die Strompreise bedrohen Existenzen von Industrie und Gewerbe, aber diese wollten die Liberalisierung, für was weiss ich nicht und heute das kollektive Heulen! Alles was die EU uns aufzwingt ist Verteuerung und Globalisierung! Muss das Sein?
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