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Der Grossbetrüger und seine Mittäter

Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 17.02.2011

Bernard Madoff wirft den Banken vor, seinen Betrug durchschaut und trotzdem mitgespielt zu haben, um am Gewinn teilzuhaben.

Gibt den Banken Mitschuld: Bernard Madoff.

Gibt den Banken Mitschuld: Bernard Madoff.
Bild: Keystone

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Der für den Rest des Lebens inhaftierte Milliardenbetrüger sieht mehrere Grossbanken und Fondsmanager als bewusste Mittäter seines Schwindels. Seine Familie hingegen habe nichts gewusst, ebenso wenig wie die Besitzer des Baseballclubs New York Mets, die dank ihm massive Gewinne einstrichen.

In seinem ersten, auszugsweise veröffentlichten Interview seit der Verhaftung im Dezember 2008 vollzieht Madoff eine Kehrtwende. Entgegen früherer Behauptungen, den Schwindel völlig allein aufgezogen und durchgehalten zu haben, macht er nun die ihm zudienenden Geldmanager mitverantwortlich. «Ich sage, dass die Banken und Fonds in der einen oder anderen Form Mitwisser waren», so Madoff gegenüber der «New York Times». «Sie mussten es gewusst haben. Aber ihre Haltung war, nicht wissen zu wollen, wenn ich etwas Krummes drehen sollte.» Dieses Teilhaben an einem 16 Jahre lang operierenden Betrugsring machte Madoff auch gegenüber dem Sachwalter seiner Kunden, Irving Picard, klar. Er habe Picard mehrere Male im Gefängnis getroffen und ihm Informationen anvertraut, die ihm das Rückfordern der Pseudoprofite ermöglicht habe. Hingegen weigerte sich Madoff nach seinen Worten, der Justiz Belastungsmaterial zu übergeben, das strafrechtliche Untersuchungen gegen Banken und Fondsmanager hätte erleichtern können.

Erkauftes Schweigen

Mehr als drei Jahre nach Auffliegen des grössten Betrugsrings in den USA, der fiktive Profite von 65 Milliarden Dollar auswies, hat die Justiz noch keinen einzigen Strafprozess gegen Drittparteien eröffnet. Einzig Sachwalter Picard macht mit einer Fülle von zivilrechtlichen Klagen anhaltenden Druck und hat in seinen Eingaben klargemacht, dass ausreichend Material vorliege, um Banker und Fondsmanager vor Gericht zu bringen. Diese Vorwürfe werden von den Betroffenen bestritten.

Für die auffällige Zurückhaltung der Justiz macht Madoff das Gesetz der Omerta verantwortlich. Das Schweigen wurde erkauft. Einige Banken und Fonds hätten sich mit seinen früheren Kunden aussergerichtlich geeinigt, «um mich zum Schweigen zu bringen» beziehungsweise die kritische Rolle der Banken beim Betrieb des Schwindels auszublenden. Eine solche Einigung hatte unter anderem die Genfer Union Bancaire Privée abgeschlossen, die einen grossen Zulieferfonds für Madoff unterhalten hatte. Die Bank lässt sich das Schweigen 475 bis 500 Millionen Dollar kosten; rund die Hälfte dessen, was die Kunden an Schaden geltend gemacht hatten. Die teuerste Einigung kam mit der New Yorker Familie Picower zustande, die für das Verschliessen des Madoff-Dossiers 7,2 Milliarden Dollar zahlt. Mit seinen vermögenden Kunden hat Madoff indessen wenig Nachsicht. Sie hätten sehr wohl um die Risiken gewusst, die sie mit der Investition eingegangen seien. In früheren Interviews mit Mitgefangenen wird Madoff mit der Aussage zitiert, er habe seine reichen Kunden allesamt als äusserst geldgierig betrachtet.

150 Jahre Haft

Wie belastend die Aussagen von Madoff sind, ist nicht abzuschätzen, da die Verteidiger der Banken seine Glaubwürdigkeit vor Gericht anzweifeln dürften. Andererseits kann der Sachwalter die Anschuldigungen als Druckmittel brauchen, um die Banken zu Vergleichen zu bewegen. Bisher gelang es Picard, rund zehn Milliarden Dollar zugunsten der Madoff-Kunden beizubringen. Dies ist die Hälfte der gesamten Betrugssumme. Zu den beklagten Banken gehören die UBS (2 Mrd. USD), JP Morgan Chase (6,4 Mrd.) und die HSBC (9 Mrd.). Madoff widerspricht indessen dem Sachwalter in einem Punkt. Entgegen seiner Klage hätten die Besitzer der New Yorker Mets nichts von seinen Betrügereien gewusst. Ebenso unwissend sei seine ganze Familie gewesen. Sein älterer Sohn Mark war im Dezember durch einen Suizid aus dem Leben geschieden. Madoff wurde aus Sicherheitsgründen die Teilnahme an dessen Begräbnis verweigert.

Der Betrüger sitzt eine Haftstrafe von 150 Jahren ab. Seine vier auf vier Meter messende Zelle im Mittelsicherheitstrakt eines Bundesgefängnisses in North Carolina teilt der 72-Jährige mit einem zweiten Gefangenen. Gegenüber den Ermittlungsbehörden hatte er früher schon erklärt, er habe seine Verhaftung seit langem erwartet und geglaubt, die Börsenaufsicht SEC sei ihm bereits «vor sechs bis acht Jahren» auf die Schliche gekommen. Das eklatante Versagen im Fall Madoff hatte indessen für die Börsenaufsicht keine personellen Konsequenzen zur Folge. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2011, 23:53 Uhr

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