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«Dauert die Schuldenkrise zu lange, hat die Schweizer Wirtschaft ein Problem»

Von Niklaus Bernhard. Aktualisiert am 14.12.2011 17 Kommentare

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) prognostiziert für das kommende Jahr ein Wachstum von nur noch 0,5 Prozent.

Die Kosumentenstimmung ist derzeit noch gut: Weihnachtseinkauf an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Die Kosumentenstimmung ist derzeit noch gut: Weihnachtseinkauf an der Zürcher Bahnhofstrasse.
Bild: Keystone

Aymo Brunetti ist Leiter Wirtschaftspolitik beim Seco.

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Korrektur-Hinweis

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Durch die Schuldenkrise ist die Wirtschaftslage in Europa sehr unberechenbar. Ist es in dieser Situation überhaupt seriös, noch Wachstumsprognosen zu machen?
Aymo Brunetti: Jetzt Prognosen zu machen, ist in der Tat schwierig. Die Lage ist aussergewöhnlich unsicher. Das ist sie aber schon seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise. Solche globalen Unsicherheiten hatten wir zum letzten Mal vor achtzig Jahren. Trotzdem müssen wir weiterhin Prognosen machen. Zum Beispiel beruht das Budget des Bundes auf unserer Annahme zur Wirtschaftsentwicklung. Wichtig ist, dass bei den heutigen Prognosen auch die getroffenen Annahmen genau studiert werden und dass man sich nicht nur auf die nackten Zahlen verlässt, sondern auch die Ausführungen zu den Risiken der Prognose jeweils vertieft ansieht.

Mussten Sie Ihre Modelle zur Berechnung der Wirtschaftsentwicklung aufgrund der Schuldenkrise in Europa anpassen?
Unsere Prognose ist immer eine Mischung aus verschiedenen Modellen. Diese basieren auf Mustern der Vergangenheit und Experteneinschätzungen. Die Einschätzungen erhielten in den letzten Jahren eher ein grösseres Gewicht, weil aus der Vergangenheit weniger Daten zur Verfügung standen, die die heutige Situation realistisch abbilden würden.

Wachstumsprognosen zu machen, ist heute also schwieriger als noch vor vier Jahren?
Ja, seit Ausbruch der Krise Ende 2008 ist es deutlich schwieriger geworden.

Sind die Prognosen dadurch auch unzuverlässiger geworden?
Um eine verlässliche Antwort zu geben, müssten wir dies nach Ablauf der Periode einmal genau untersuchen. Keine Prognose hat im Jahr 2008/2009 einen solch starken Wachstumseinbruch vorausgesehen. Das kam für alle überraschend. Auch den darauf folgenden Aufschwung haben die meisten Prognosen nicht so stark erwartet. Für 2010 und vor allem 2011 waren die Modelle dann wieder treffsicherer.

Und jetzt haben wir die Eurokrise. Steht Ihre neuste Prognose auf wackligen Beinen?
Ja, die Unsicherheiten sind derzeit wieder wesentlich grösser als noch im Jahr 2010.

Ist das der Grund, warum Sie für 2012 eine Rezession nicht mehr ausschliessen?
Wir haben für 2012 keine Rezessionsprognose gemacht. Über das ganze nächste Jahr sehen wir noch ein kleines Wachstum von 0,5 Prozent. Denkbar ist aber, dass die Wirtschaft zwei Quartale in Folge leicht schrumpfen wird. Vor allem in den kommenden Monaten ist eine so definierte «technische» Rezession möglich.

Wie gravierend ist dies für die Schweizer Volkswirtschaft?
Wenn es bei diesem eher leichten Konjunkturabschwung bleibt, ist es nichts Aussergewöhnliches. Jede gute Phase ist einmal zu Ende, wobei in diesem Falle die gute Phase nicht sonderlich lange dauerte. Aber von einer schweren Rezession sind wir gemäss dieser Prognose weit entfernt.

Aber trotzdem wird die Zahl der Arbeitslosen im nächsten Jahr ansteigen?
Das ist die äusserst unerfreuliche Seite jedes Abschwungs. Wir gehen davon aus, dass die Arbeitslosigkeit vor allem in der zweiten Hälfte des Jahres 2012 merklich ansteigen wird. Saisonbereinigt von heute 3,1 auf knapp 4 Prozent. Aber im Verlauf des Jahres 2013 sollte die Arbeitslosenquote bereits wieder rückläufig sein.

Wie wird sich die Stagnation im Jahr 2012 auf die Preise auswirken?
Da stützen wir uns auf die Prognose des Bundesamts für Statistik. Diese rechnet im Jahr 2012 mit leicht sinkenden Preisen, im Jahr 2013 soll sich dann die Teuerung wieder ins Positive wenden.

Besteht die Gefahr einer Deflation – einer Spirale mit sinkenden Preisen und sinkender Wirtschaftsleistung?
Eine Tendenz zu einer Deflation sehen wir derzeit nicht, denn die sich selbst verstärkenden Effekte bleiben aus. Wir rechnen also nicht damit, dass aufgrund der leicht sinkenden Preise die Inlandnachfrage einbrechen wird. Die Preise sinken in erster Linie aufgrund des tiefen Euro oder des starken Schweizer Frankens.

Was bedeutet das schwache Wirtschaftswachstum 2012 und die Stagnation bei den Preisen für die Löhne und Zinsen?
Zu der Lohnentwicklung machen wir keine Prognose. Das ist Sache der Sozialpartner. Wir gehen davon aus, dass bis ins Jahr 2013 sowohl die kurz- wie auch die langfristigen Zinsen tief bleiben werden.

Trotz des starken Frankens erwarten Sie, dass die Exporte auch im nächsten Jahr weiter um 0,4 Prozent steigen werden. Jammert die Exportindustrie auf Vorrat?
Das täuscht. Für einzelne Exporteure ist es durch den starken Franken momentan ganz schwierig. Die 0,4 Prozent Wachstum bei den Exporten sind im langjährigen Vergleich sehr wenig. Normalerweise beträgt die Zunahme bei den Exporten gut 4 Prozent pro Jahr.

Was ist der Grund, warum das Seco bereits im Jahr 2013 wieder mit einem Wachstum von 1,9 Prozent rechnet?
Das sieht besser aus, als es ist. Verglichen mit dem prognostizierten Wachstum von 0,5 Prozent im Jahr 2012, sehen die 1,9 Prozent gut aus. Damit wir aber punkto Auslastung der Wirtschaft und damit Beschäftigung wieder auf einem normalen Niveau wären, bräuchten wir 2013 ein Wachstum in der Grössenordnung von mindestens 3 Prozent. Danach sieht es aber heute noch nicht aus.

Was sind aus Ihrer Sicht derzeit die grössten Risiken für die Schweizer Wirtschaft?
Die Binnennachfrage dürfte sich laut unseren neusten Berechnungen nicht abschwächen. Der Konsum und die Bauwirtschaft wachsen weiterhin relativ robust. Das kann aber nur aufrechterhalten werden, wenn die Krise im Export nicht zu lange dauert. Wenn wir über längere Zeit bei den Exporten keine Dynamik haben, dann wird über kurz oder lang auch die Inlandnachfrage schwächer mit den entsprechend negativen Folgen für die Gesamtwirtschaft. Das grösste Risiko für die Schweizer Volkswirtschaft ist, dass die Eurokrise nicht nachhaltig gelöst wird. Dauert die Schuldenkrise zu lange, hat auch die Schweizer Wirtschaft früher oder später ein echtes Problem. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.12.2011, 14:09 Uhr

17

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17 Kommentare

Alejandro Galan

14.12.2011, 16:28 Uhr
Melden 22 Empfehlung

Leider ist Hr. Brunetti nicht sehr deutlich und klar. Ja, der Konsum sehr wichtig, aber der Konsum kann bei den normalen Arbeiter nur mit genügend „Cash“ am Ende des Monates gehalten werden. Die oberen 10tausend retten nicht den Konsum, auch nicht wenn sie Ende Jahr mit happigen Bonus ausgestattet werden. Die hohen Mieten, Krankenkasse-Prämien, Steuer für die normalen Bürger hemmen das Konsum. Antworten


Andreas Meier

14.12.2011, 17:46 Uhr
Melden 14 Empfehlung

Die Prognosen des Seco sind einmal mehr völlig unbrauchbar! Da die Löhne in den nächsten Monaten klar sinken werden - aufgrund weiterer Einwanderung - und die Nationalbank die Kaufkraft der Konsumenten weiter schwächt, indem sie den Franken weiter abwerten wird - bricht der CH - Binnenmarkt in naher Zukunft logischerweise ein! Die künstlich erzeugte Inflation der SNB ist reiner Geldraub am Bürger! Antworten



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