«Es brennt an allen Ecken»
Von Robert Mayer. Aktualisiert am 29.12.2011 13 Kommentare
Italien punktet am Anleihemarkt
Die Geldspritze der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt Wirkung: Die mit billigen Krediten reichlich versorgten Banken verÂliehen einen Teil des Geldes an Italien weiter. Die Auktion einer Anleihe mit sechsmonatiger Laufzeit spülte am Mittwoch 9 Mrd. Euro in die Staatskassen. Der durchschnittliche Zins lag mit 3,251 Prozent nur noch halb so hoch wie Ende November. Trotzdem können die Investoren eine erkleckliche Marge erwirtschaften. Heute Donnerstag dürfte Italien mehr Schwierigkeiten haben: Es werden Anleihen mit Laufzeiten von drei und zehn Jahren versteigert. Wegen der Schuldenkrise scheuen Investoren längerfristige Engagements und geben ihr Geld nur bei extrem hohen Risikoaufschlägen. Italien sitzt auf einem Schuldenberg von rund 1,9 Billionen Euro. Das entspricht 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. (Reuters)
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Seit die Euroschuldenkrise vor rund zwei Jahren ausgebrochen ist, hat sie sich stetig ausgeweitet und verschlimmert. Wird sich dieser unheilvolle Trend 2012 fortsetzen?
Das befürchte ich, leider. Die Politik macht keine überzeugende Figur und ist weit davon entfernt, einen Ausweg aufzuzeigen. Das Grundproblem liegt darin, dass wir die seit 2008 bestehende Krise nicht behoben haben. Wir schieben die Ursachen der Krise vor uns her, aber wir lösen sie nicht.
Woran denken Sie dabei?
Das Malaise, das heute in der Schuldenkrise gipfelt, ist eine Folge von dem, was im letzten Jahrzehnt schiefgelaufen ist. Dazu gehört die unseriöse staatliche Haushaltpolitik, die selbst in der Boomzeit von 2004 bis 2007 in vielen Ländern Defizite angehäuft hat. Parallel dazu betreiben die Notenbanken seit zehn Jahren, seit 9/11, eine extrem expansive Geldpolitik. Dies führt unweigerlich zu Spekulationsblasen an den Märkten, die beim Platzen grosse volkswirtschaftliche Schäden verursachen. Als Drittes kommt die Fehlkonstruktion des Euro hinzu: So unterschiedliche Wirtschaftsräume wie Griechenland und Deutschland lassen sich ohne eine Fiskal- und Transferunion – also ohne einen geregelten Finanzausgleich zwischen wirtschaftlich stärkeren und schwächeren Ländern – nicht unter ein gemeinsames Währungsdach zwingen.
Gleichzeitig ist die Krise komplexer geworden, etwa durch das Zusammenspiel von Staatsschuldenund Bankenkrise ...
... da wären wir bei der vierten Fehlentwicklung, der ungenügenden Bankenregulierung. Lange Zeit hat sie falsche Anreize gesetzt, indem sie den Drang der Banken zur Grösse indirekt unterstützte. Gleichzeitig wurde das Problem der Systemrelevanz unterschätzt. Heute stellen wir eine enorme gegenseitige Abhängigkeit zwischen Banken und Staaten fest. Das unterscheidet die heutige Krise so grundlegend von früheren, als Staatsschulden- und Bankenkrisen isolierte Ereignisse waren.
Wo liegen nach Ihrer Einschätzung die zwei, drei entscheidenden Bruchstellen, die den weiteren Verlauf der Krise in Europa prägen werden?
Das ist äusserst schwierig zu sagen und macht den Job der Prognostiker derzeit wenig einladend. Es brennt schlicht an allen Ecken. Ist es der Bankrott eines Staates oder der Zusammenbruch einer Grossbank? Verschiedenste Szenarien können ins Verderben führen.
Für wie wahrscheinlich halten Sie, dass die Eurozone heute in einem Jahr in ihrer jetzigen Ausgestaltung noch Bestand hat?
Es wäre insbesondere für die deutsche und französische Politik eine immense Schlappe, wenn die Eurozone auseinanderbrechen würde. Deshalb werden die Politiker alles daransetzen, dass die Gemeinschaftswährung überlebt.
Griechenland geht ins dritte Rezessionsjahr ohne Aussicht auf Besserung, in anderen Ländern Südeuropas sind die Perspektiven ebenfalls düster. Wie lange sind die Menschen dort noch bereit, solche Rosskuren mitzumachen?
Von einer Bereitschaft kann kaum noch die Rede sein. Es vergeht ja kaum ein Tag in Griechenland, an dem nicht gestreikt wird. Und nicht nur dort, sondern auch in Italien und Spanien sind die Regierungen von einer Woge der Unzufriedenheit weggespült worden. Viele Menschen stehen unter dem Eindruck, dass diejenigen, die den Schlamassel angerichtet haben, heute weniger bluten müssen als die meisten anderen. Dieses Gefühl dämpft die Opferbereitschaft der Leute enorm. Eine der spannendsten Fragen für das kommende Jahr wird sein, ob die Technokratenregierung von Mario Monti in Italien diese Widerstände in der Bevölkerung überwinden kann.
Wie könnte dieser Anpassungsprozess gestaltet werden, damit er für die Menschen akzeptabler und erträglicher wird?
Erst mal ist festzuhalten, dass kein Weg an dieser Anpassung vorbeiführt. Nachdem die Länder Südeuropas über viele Jahre mehr ausgegeben als eingenommen haben, stehen sie jetzt vor einer längeren Periode mit umgekehrten Vorzeichen. Dabei sollten sich die Verantwortlichen den früheren schwedischen Ministerpräsidenten Göran Persson zum Vorbild nehmen, der sein Land in den Neunzigerjahren aus einer schweren Krise herausführte. Persson hatte seinen Landsleuten stets reinen Wein eingeschenkt und die von ihm als notwendig erachteten Reformen unbeirrt und glaubwürdig durchgezogen.
Müssten auch die wirtschaftlich starken Länder in der Eurozone einen Beitrag leisten?
Sie könnten auf jeden Fall einen grossen Ansporn für die Menschen in Südeuropa leisten, indem sie ihnen eine Perspektive für eine spätere Transferunion bieten – für die Zeit nach den Reformen. Ich bin allerdings sehr skeptisch, ob es dazu kommen wird. Dafür einen Konsens in den Kernländern der Eurozone zu finden, erscheint mir schwierig.
Können sich Länder wie Portugal und Griechenland wirklich eine gedeihliche Zukunft in der Eurozone versprechen, wenn sie den Anpassungsprozess durchstehen?
Davon bin ich überzeugt. Das bedingt jedoch, dass die besagten Länder radikal mit ihrer tief verwurzelten Günstlingswirtschaft brechen und ihre Preise und Löhne senken, also eine innere Abwertung vornehmen – im Gegensatz zur äusseren Abwertung, die ihnen als Mitglieder der Eurozone versperrt bleibt. Wenn es ihnen auf diese Art und Weise gelingt, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, steht ihrem Verbleib in der Eurozone nichts entgegen.
Ein ums andere Mal haben EU-Krisengipfel in diesem Jahr die in sie gesetzten Erwartungen nicht zu erfüllen vermocht. Wie lange werden die Märkte noch bereit sein, den Politikern Kredit einzuräumen?
Dieser Kredit ist doch schon längst aufgebraucht. Nur stehen die Investoren vor dem Problem, dass sie kaum noch über Anlagealternativen verfügen. Aus dem einfachen Grund, dass es praktisch keine sicheren Anlagen mehr gibt. Um französische oder britische Staatsanleihen werden grosse institutionelle Investoren daher auch künftig nicht umhinkommen, allen damit verbundenen Risiken zum Trotz.
Es scheint nur mehr eine Frage der Zeit zu sein, bis Länder wie Frankreich ihr Toprating AAA verlieren. Wie wird eine solche Rückstufung den Gang der Dinge in der Eurozone beeinflussen?
Ich rechne nicht mit gravierenden Auswirkungen – sowenig wie der Verlust der Bestnote für die USA im letzten Sommer die befürchtete Lawine an den Märkten ausgelöst hat. Die meisten institutionellen Investoren haben mittlerweile eine ziemlich realistische Einschätzung der Fähigkeiten von Ratingagenturen und sind sich deren Limiten durchaus bewusst.
Falls es tatsächlich zur Herabstufung kommt, wird die Zahl der verbleibenden Länder mit der Bestnote drastisch sinken. Was heisst das für diesen exklusiven Club der Privilegierten, zu dem auch die Schweiz gehört?
Für diese Länder wird es noch günstiger als jetzt schon, Geld auf dem internationalen Kapitalmarkt aufzunehmen. Die Zinsinsel Schweiz wird somit mehr denn je aus dem Wasser ragen – entgegen allen Untergangsprophezeiungen vor noch nicht allzu langer Zeit. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.12.2011, 21:19 Uhr
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13 Kommentare
nett geschrieben leider ein bisschen vorbei an dem was kommt. gestern stürzten die währungen ab als der china japanische deal als weihnachts-geschenk bekannt wurde. wenn china mit der binnen-nachfrage anfängt gehen in weiten teilen der westlichen hemisphäre die lichtlein aus. und dann krachts und wir denken dass es nicht bei streiks oder träller kundgebungen bleiben wird. Antworten
Ein paar wild gewordene Börsenbriefverkäufer aus D verkünden mir schon seit Jahren mit täglichen e-mails im Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August, September, Oktober, November, Dezember seien der Euro und der Dollar tot. Irgendwann kriegen sie vielleicht noch Recht. Dann zumindest vorübergehend "gute Nacht"! Antworten
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