Ehrgeizig, hartnäckig, erfolgreich
Von Stephan Dietrich. Aktualisiert am 19.05.2011
Spiezer Wahrzeichen: Das Denkmal von Ritter Adrian von Bubenberg steht im Schlosshof. Daneben
posiert die erfolgreichste Spiezer Sportlerin der Gegenwart, Caroline Steffen. (Bild: Urs Baumann)
Entweder oder...
Federer oder Nadal?
Natürlich Roger Federer. Ich verfolge seine wichtigen Spiele stets am TV, 2004 in Melbourne war ich sogar live dabei. Nach dem Australian Open wurde er zum ersten Mal die Nummer 1 der Welt. Ich war damals stolz, konnte ich ein Autogramm von ihm ergattern.
FC Thun oder YB?
Muss ich jetzt Thun sagen? Ganz ehrlich, ich interessiere mich überhaupt nicht für Fussball und kann mich deshalb auch nicht entscheiden. Möge das bessere Team gewinnen.
Trainingsanzug oder Galakleid?
Ganz klar Trainingsanzug. Im Galakleid kann ich keinen Marathon laufen. Ich lebe für den Sport, und da gehört das Training dazu.
Isostar oder Wein?
Wein. Zu einem guten Essen gönne ich mir ab und zu ein Glas Rotwein. Am liebsten habe ich australischen Wein. Am allerliebsten von Peter Lehmann. Das ist ein Schweizer Winzer, der nach Australien ausgewandert ist. Das passt doch hervorragend zu mir. Oder?
Australien oder Schweiz?
Ich fühle mich in beiden Ländern daheim. In der Schweiz bin ich aufgewachsen, jetzt lebe ich in Australien. Hier ist alles überschaubar, beschaulich und ruhig. Dort habe ich gute Bedingungen zum Trainieren. Die Australier sind warmherzige Menschen.Ich wurde sehr gut aufgenommen.stü
Caroline Steffens Aufstieg kam aus dem Nichts. Das Nichts bestand aus 17 Schweizer-Meister-Titeln im Schwimmen und zwei Jahren als Mitglied des Radsport-Nationalteams. Notiz von der Spiezerin nahm die Öffentlichkeit aber erst, als sie im letzten Jahr Weltmeisterin über die Triathlon-Langdistanz geworden war und später auf Hawaii den legendären Ironman-Triathlon auf Rang 2 beendete.
Steffens rasanter Aufstieg kam auch für Kenner der Triathlon-szene einigermassen überraschend. «Ich habe diesen Sport zuerst ganz für mich betrieben», sagt sie, «aus purer Freude an Bewegung.» Durch den Ehrgeiz getrieben, steigerte sie das Trainingspensum und erreichte etliche ansprechende Platzierungen.
2009 verpasste sie an der WM über die halbe Ironman-Distanz das Podest als Vierte nur knapp. Danach suchte Caroline Steffen einen Coach, «weil ich herausfinden wollte, was wirklich drin liegt». Sie fragte beim Team TBB – dessen Sponsor eine international tätige Bike-Verkaufskette mit Sitz in Singapore ist – an und erhielt eine Absage. «Ich fragte ein zweites, ein drittes Mal. Bis ich Anfang 2010 aufgenommen wurde.» Drei Monate später gewann Steffen ihren ersten Triathlon, neun Monate danach war sie überraschende Zweite geworden auf Hawaii.
Zurück in der Heimat
Der Hauptwohnsitz der 32-Jährigen ist mittlerweile in Australien. Dort hat sie ihren Lebenspartner David Dellow kennen gelernt – auch er ist Triathlonprofi. In diesen Tagen ist Caroline Steffen in ihrer alten Heimat in Spiez anzutreffen. Der Schlosshof gehört nach wie vor zu ihren Lieblingsplätzen. «Ich bin ganz in der Nähe aufgewachsen», erzählt sie. Wie selbstverständlich klettert sie für das Fotoshooting auf den Sockel, auf dem der berühmteste Spiezer, Adrian von Bubenberg, steht. «Über ihn habe ich in der Schule sogar einen Vortrag gehalten», sagt sie und lacht.
Die Erwartungen an Caroline Steffen sind nach den letztjährigen Erfolgen gestiegen. Allerdings nur jene von aussen. «Ich selber stellte schon vorher hohe Ansprüche an mich.» Natürlich gelte es in diesem Jahr, die Resultate zu bestätigen, «aber eigentlich ist es nur ein neues Kapitel in meiner Karriere. Das letzte Jahr ist Vergangenheit.» Der Saisonstart ist mit den Rängen 2 in Abu Dhabi und 1 am Ironman Australien geglückt.
Auf Ränge will sich Steffen aber nicht festlegen. «Das macht keinen Sinn, denn die Leistungen der Konkurrentinnen kann ich nicht beeinflussen.» Klar gehört das Rennen auf Hawaii im September zu den Saisonhöhepunkten. Sporttechnisch gehört sie zu den Favoritinnen, aber: «Ein Sieg kommt nicht automatisch. Ich muss mir meine Erfolge hart erarbeiten.»
Caroline Steffen lebt als Profi von ihrer Passion. «Ich kann mich nicht beklagen», sagt sie. Erstaunt sei sie höchstens, dass sie praktisch keine Sponsoren aus der Schweiz finde. Dies könnte daran liegen, dass sie in Australien lebt und sich wohl fühlt. «In Australien wurde ich sofort aufgenommen», sagt sie, «ich werde sogar als Australierin betrachtet.» So steht sie in der Region, in der sie wohnt, auf der Liste für die Sportlerinnen-Ehrung. «Die Australier sind begeistert vom Triathlon. Nach meinem zweiten Platz auf Hawaii ist meine Popularität enorm gestiegen.» Und zwei Wochen später gewann sie in Noosa einen Kurztriathlon, als erste Nichtaustralierin. «In Noosa findet jährlich ein Multi-Sportevent statt. Die Stadt befindet sich während vier Tagen im Ausnahmezustand», erklärt Steffen. Allein am Triathlon-Wettkampf nehmen 10'000 Sportlerinnen und Sportler teil. Natürlich machte Steffens Lebensgeschichte nach diesem prestigeträchtigen Sieg die Runde. Caroline Steffen schmunzelt und sagt: «Eine Schweizerin, die der Liebe wegen nach Australien umsiedelt. Das kommt natürlich gut an.»
Steffens erster Saisonhöhepunkt soll im Juli die EM in Frankfurt sein. Dafür trainiert sie in der nächsten Zeit mit ihrem Team in Leysin. «Ich will meine Schwächen ausmerzen», erklärt sie und fügt Erstaunliches an: «Momentan ist das Schwimmen meine schwächste Disziplin. Das habe ich zuletzt etwas vernachlässigt.» Die 17 Schwimm-SM-Goldmedaillen zählen in der Gegenwart nicht mehr.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 19.05.2011, 10:54 Uhr
Sport
- 06:00Ein Antidepressivum namens Deutschland
- 21:20Barnettas Zukunft bei Leverkusen ist ungewiss
- 16:59Wenn der Goalie den Goalie überlistet
- 16:11Taskforce soll Kloten Flyers retten
- 15:10«Ich habe mit Shaqiri schon einen Leibchentausch abgemacht»
- 15:09Eigengoal-Gate, Sexskandale und eine «Goldene Pfeife»

