Samantha Stosur: «Rafa gefällt mir am besten»
Von Adrian Ruch. Aktualisiert am 02.02.2012
Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie den Australian-Open-Final zwischen Novak Djokovic und Rafael Nadal sahen?
Samantha Stosur: Es war nicht nur ein langer, es war auch ein fantastischer Match. Die letzten anderthalb Sätze waren etwas vom Faszinierendsten, was ich bisher auf einem Tennisplatz gesehen habe. Das Zuschauen machte wirklich viel Spass.
Können Sie sich vorstellen, selber sechs Stunden auf dem Court zu stehen?
Nein, aber weil wir Frauen auf drei Gewinnsätze spielen, ist zum Glück fast nicht möglich, dass ein Spiel derart lange dauert. Es ist wirklich unglaublich, auf welch hohem Niveau die beiden nach so langer Zeit noch spielten.
Welchem männlichen Tennisprofi schauen Sie am liebsten zu?
Wahrscheinlich Nadal. Ich bin zwar auch ein grosser Federer-Fan, aber Rafa gefällt mir mit seiner Intensität, die er auf den Platz bringt, derzeit am besten.
Als sie 8-jährig waren, wurde Ihnen zu Weihnachten ein Tennisschläger geschenkt. War es Liebe auf den ersten Blick?
Ja, Tennis gefiel mir gleich beim ersten Mal. Ich spielte danach oft mit meinem Bruder in einem öffentlichen Park, und nach etwa sechs Monaten nahm ich erstmals an einem Gruppenkurs teil. Damals begann ich davon zu träumen, Tennisprofi zu werden.
Haben Sie seither ein besseres Geschenk bekommen?
Wer weiss, wann ich ohne diesen Schläger mit Tennis begonnen hätte? Insofern war es wohl schon das beste Geschenk, das ich jemals gekriegt habe (lacht).
Hatten Sie jemals genug vom Tennis?
Nein, ich kam nie an einen Punkt, an dem ich mir überlegte, aufzuhören. Ich bin bisher stets motiviert gewesen. Ich bin in der glücklichen, privilegierten Lage, meinen Beruf zu geniessen. Es gibt wohl nicht allzu viele Menschen, die an ihrem Job jeden Tag Spass haben. Daher will ich versuchen, aus meinen Möglichkeiten das Beste zu machen.
In Ihrer Kindheit verlor Ihre Familie durch eine Flut Hab und Gut. Später erkrankten Sie schwer an Borreliose. Inwiefern haben Sie diese Schicksalsschläge geprägt?
Vor allem die Krankheit zeigte mir auf, dass im Leben nichts selbstverständlich ist. Ich merkte auch, wie stark ich das Tennis vermisste. Diese Zeit verstärkte mein Verlangen, möglichst lange zu spielen und mein Potenzial voll auszuschöpfen.
Im Doppel verkörperten Sie schon vorher Weltklasse. Warum gelang Ihnen im Einzel erst mit 25 Jahren der grosse Sprung nach vorne?
Im Doppel hatte ich gute Partnerinnen und früh viel Erfolg, aber es war immer mein Ziel, mich auch im Einzel durchzusetzen. Der Leistungssprung beruhte nicht auf einer bewussten Entscheidung. Ich musste reifer werden und mein Tennis kontinuierlich weiterentwickeln, damit ich reüssieren konnte.
Was bedeutete Ihnen der Triumph am US Open?
Ein Traum wurde wahr. Seit ich 10 war, hatte ich einen Grand-Slam-Titel gewinnen wollen, mit 27 schaffte ich es dann –17 Jahre sind eine ziemlich lange Zeitspanne für die Verwirklichung eines Traums.
Wie reagierten die Menschen in Australien auf Ihren Coup?
Ich kann die Auswirkungen meines Erfolgs noch nicht abschätzen, aber ich werde definitiv häufiger erkannt. Australien ist eine Nation von Sportverrückten – die Leuten betreiben gerne Sport, schauen aber auch gerne zu. Australier stehen oft mitten in der Nacht auf, um einen wichtigen Tennismatch oder ein anderes Sportevent zu sehen.
Ist es für Sie als Nummer 5 der Welt schwierig, sich für die Fed-Cup-Partie gegen die Schweiz zu motivieren?
Nein, wenn du für dein Team und dein Land auf den Platz gehst, ist es einfach, dich zu motivieren.
Wie schwierig ist die Umstellung von den Hardcourts in Australien auf den Hallensandplatz in Freiburg?
Diese Wechsel sind wir uns von der WTA-Tour gewöhnt. Schwieriger ist es, mit dem krassen Temperaturunterschied fertig zu werden. Ich habe erst zum zweiten Mal Schnee gesehen.
Wie wichtig sind Ihnen die Olympischen Spiele?
Ich habe bisher zweimal bei Olympia dabei sein dürfen. Es ist grossartig, für einmal nicht nur einem kleinen Tennisteam, sondern einer grossen Mannschaft anzugehören. Ich bewundere jene Athleten, die das ganze Jahr einem normalen Job nachgehen, damit sie ihre Sportart betreiben können. Das zeigt, wie sehr sie ihren Sport lieben.
Ihre Karriere wird durch grosse Leistungsschwankungen geprägt. Weshalb?
Wenn ich das wüsste. Mein bestes Tennis gehört zum Besten, was es auf der Frauentour gibt, aber ich muss noch besser lernen, auch zu gewinnen, wenn es nicht perfekt läuft. In dieser Hinsicht kann ich mich noch deutlich steigern.
Die letzten acht Grand-Slam-Turniere haben sieben verschiedene Siegerinnen hervorgebracht. Was ist Ihrer Erklärung?
Einerseits fehlt derzeit eine richtig dominante Spielerin, anderseits verfügt das Frauentennis derzeit über eine breite Spitze. Tennis ist sehr global geworden. Wer das Talent, die Leidenschaft und den Willen mitbringt, kann es nach vorne schaffen – fast unabhängig davon, woher er oder sie kommt.
Das Fehlen einer Dominatorin eröffnet anderen Möglichkeiten. Streben Sie die Nummer 1 an?
Von der Nummer 5 zur Nummer 1 ist es noch ein weiter Weg. Ich wäre gern die Nummer 1, aber es ist nicht so, dass ich jeden Morgen nach dem Aufwachen an dieses Ziel denke.
Sponsoren und die WTA streichen bei den Promotionsaktivitäten vorwiegend das Aussehen und das Outfit der Spielerinnen, aber kaum deren sportlichen Qualitäten heraus. Was halten Sie von dieser Strategie?
Ich denke, der Sport sollte im Vordergrund stehen, doch diese Kampagnen entsprechen dem Zeitgeist. Wenn sie zum Wachstum des Tennissports beitragen, ist das für mich okay. Doch noch einmal: Der Sport muss vor allen anderen Aktivitäten an erster Stelle stehen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 02.02.2012, 11:16 Uhr
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