Die neue Geduld der Basler Jugend
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Wenn der FC Basel am Sonntag den FC Sion zum Rückrunden-Auftakt empfängt, dann tut er dies mit einer überraschenden Aufstellung. Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Fabian Frei oder Aleksandar Dragovic – sie alle werden auf dem Rasen stehen, wenn der Ball wieder rollt.
Was logisch klingt, ist es nicht, überschlugen sich doch ab Ende Dezember die Gerüchte um die aussichtsreichsten jungen Basler. Kaum ein Tag verging, da nicht mindestens einer von ihnen mit einem KClub im Ausland in Verbindung gebracht wurde oder tatsächlich in Verbindung stand. FCB-Sportkoordinator Georg Heitz sagt gar: «Wir erhielten in der Pause praktisch für jeden unserer Kaderspieler eine oder mehrere Anfragen, wobei oft Agenten das Interesse übermittelten, was es uns schwer machte, zwischen seriösen und unseriösen Anfragen zu unterscheiden.» Gegangen ist trotzdem keiner, der beim FC Basel eine wichtige Rolle spielt. Sandro Wieser, Fwayo Tembo, Taulant Xhaka und Pascal Schürpf suchen bei einem anderen Klub ihr Glück. Keiner von ihnen kam zu mehr als ein paar Einsätzen im rotblauen Dress, ihre Abgänge standen ganz im Zeichen der vom FCB angestrebten Kaderreduktion.
Doch warum sind die anderen noch da? Die Hochbegabten, angeführt von Shaqiri und Granit Xhaka? Jene, hinter denen nach dem Champions-League-Erfolg gegen Manchester United halb Europa her zu sein schien? Wir nennen sechs Gründe, welche die neue Geduld der Basler Jugend erklären und aufzeigen, warum die Winterpause trotz aller Gerüchte ereignisarm verlief.
1. Die Champions-League
Natürlich spielt es eine wichtige Rolle, dass dem FC Basel mit den Champions-League-Achtelfinal-Partien gegen den FC Bayern München zwei weitere, historische Partien bevorstehen. Und zwar nicht nur deshalb, weil man das Ereignis an und für sich nur ungern verpassen will. Nein, die K.o.-Runde der Königsklasse ist auch ein Schaufenster, das prominenter sein wird als alles, was ein Profi beim FCB bisher erlebt hat: Die acht Achtelfinal-Partien verteilen sich sowohl beim Hin- als auch beim Rückspiel auf je vier Tage. Will heissen: Wenn die Basler am 22. Februar die Münchner empfangen, läuft parallel dazu nur Marseille–Inter Mailand. Jede einzelne Partie steht weltweit im Fokus.
Für Spieler wie Shaqiri oder Xhaka ist dies eine weitere, riesige Gelegenheit, sich zu präsentieren. Sie haben gegen Manchester United bewiesen, dass sie grosse Aufgaben beflügeln. Sie verfügen durch Erfolge auf Juniorenstufe bereits über ein Selbstverständnis, das frühere Schweizer Spielergenerationen nicht auszeichnete. Kurz: Ein Shaqiri oder Xhaka geht mit der Überzeugung ins Spiel, die Bayern schlagen zu können – und tritt dann auf dem Platz auch entsprechend auf.
2. Das Timing
«Ein Transfer im Winter ist heikler als im Sommer», sagt Georg Heitz. Gerade in die grossen Ligen: In England wird durchgespielt, in Spanien und Italien ist die Pause minimal. Und auch in der deutschen Bundesliga wird bereits wieder seit Mitte Januar gekickt. Ein Spieler, der da im Winter neu dazustösst, muss ohne Anlaufzeit seine Leistung bringen oder bleibt erst mal aussen vor.
Hinzu kommt, dass die Meisterschaft läuft, Punkte bereits gesammelt oder verschenkt wurden. Ein Trainer sitzt da unter Umständen weniger fest im Sattel als zu Saisonbeginn. Wenn beispielsweise Thorsten Fink einen Granit Xhaka unbedingt nach Hamburg holen möchte, dann dürfte sich der Spieler bei aller Ehre, die ihm zuteil wird, auch überlegen, wie seine Karten bei einem allfälligen Trainerwechsel stehen. Suboptimal kann das Timing im Winter aber auch für einen grossen Klub sein, der einen Spieler des FC Basel will. Zum Beispiel dann, wenn er noch in der Champions League aktiv ist. Dort wäre das neu erworbene Juwel nicht spielberechtigt. Was umgekehrt auch dem Spieler nicht gefällt, da dies die Chance auf einen Stammplatz schmälert.
3. Die Finanzen
Ohne dass er das Budget verändert hätte, ist der FC Basel auch finanziell konkurrenzfähiger geworden. Nicht im Vergleich zu den 20 potentesten Klubs Europas. Doch bestimmt, wenn man ihn an den Mittelfeld-Vereinen der grossen Ligen misst. Gerade dort sitzt das Geld nicht mehr so locker wie früher. In Spanien und Italien sind viele Klubs klamm, hinzu kommt, dass einige Vorkehrungen in Sachen «Financial Fairplay» treffen. Ab der Saison 2013/14 tritt diese Uefa-Regelung in Kraft, deren Hauptziel es ist, Überschuldungen zu verhindern und so auch für eine Angleichung der verschieden langen Spiesse zu sorgen. Klubs überlegen sich zweimal, für wen sie Geld ausgeben wollen.
Demgegenüber steht ein FC Basel, der dank der Champions-League-Millionen finanziell so gesund ist, dass er es sich leisten kann, lukrative Angebote auszuschlagen. «Ist eine Offerte klar zu tief, erteilen wir nach Rücksprache mit dem Spieler und seinem Berater eine Absage, ohne mit dem Klub das Gespräch zu suchen», verdeutlicht Heitz die komfortable Situation. In anderen Fällen wird intensiv beraten und – dies natürlich vor allem – auch der Puls des Spielers gefühlt. Der HSV soll für Xhaka acht Millionen Franken geboten haben, Galatasaray Istanbul für Shaqiri gar zehn. Beiden Klubs wurde schliesslich guten Gewissens eine Absage erteilt.
4. Die Atmosphäre
Das bedeutet auch, dass der Spieler nicht unbedingt wechseln will. Ein wichtiger Grund dafür ist die Atmosphäre beim FC Basel. «Die Spieler fühlen sich bei uns wohl – und ich glaube, dass das ein Faktor ist», sagt Heitz. Das beginnt bei der Stimmung in der Mannschaft, geht weiter bei der Arbeit mit dem Staff und den Klubverantwortlichen und führt schliesslich auch zum Salär: Im Ausland wäre zwar mehr zu holen, doch auch beim FCB verdient ein junger Spieler gutes Geld. Gleichzeitig kann er sich darauf verlassen, dass dies am Ende des Monats auch auf seinem Konto ist – etwas, das nicht bei jedem Fussballclub selbstverständlich ist.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie die finanziell lukrative Alternative heisst. Wer etwa zu Galatasaray wechselt, der muss wissen, dass er dort nach einer Niederlage besser nicht auf die Strasse geht. Und Zenit St. Petersburg, der andere Klub, der im Winter eine konkrete Offerte für Shaqiri abgab, liegt in Russland. Westeuropäische Profis, die begeistert von ihren Erlebnissen im wilden Osten berichten, sind rar. Was bedeutet: Auch die hohe Lebensqualität in der Schweiz kann Gewicht haben.
5. Die Beispiele
Nassim Ben Khalifa und Haris Seferovic waren die überragenden Stürmer beim Schweizer U-17-Weltmeistertitel 2009. Beide gingen danach ins Ausland, der eine ist heute in Bern Ersatz, der andere war zuletzt bei Xamax und nimmt nun in Lecce einen zweiten Anlauf in Italien.
Beide scheinen bis jetzt bei ihrer Karriereplanung keine glückliche Hand gehabt zu haben – und beide werden von anderen Schweizer Talenten beobachtet. «Die jungen Spieler verfolgen sehr genau, wer wann ins Ausland wechselt und wie seine Karriere dort verläuft», weiss Heitz. Und sie machen sich Gedanken: Erdin Shaqiri, Bruder und Berater von Xherdan Shaqiri, sagt klar, dass für seinen Schützling ein Transfer nach Deutschland am sinnvollsten wäre, weil der erste Schritt ins Ausland dann nicht von Sprachproblemen begleitet würde. Granit Xhaka spricht oft mit seinem Vater, der ebenfalls nicht zum Schnellschuss neigt.
6. Das Selbstvertrauen
Ein weiterer Grund für die neue Geduld ist der Charakter der Spieler. Ein Shaqiri oder Xhaka sind so von ihren Fähigkeiten überzeugt, dass sie nicht das erstbeste Angebot annehmen, sondern davon ausgehen, dass bald der nächste, attraktivere Klub anklopft. In einer grossen Liga um die hinteren Plätze zu spielen, ist nicht, was ihnen vorschwebt.
Gerade für einen Xhaka, der seine erste Saison als Stammspieler erlebt, ist der FCB da im Moment noch die bessere Adresse. Bei Shaqiri, der länger zu den Leistungsträgern zählt, darf man gespannt sein, wie er sich entscheidet, falls ihn im Sommer kein Grossklub à la Bayern verpflichten will. (Basler Zeitung)
Erstellt: 04.02.2012, 16:17 Uhr
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