Wie wohnt die Schweiz in 20 Jahren?
Von Simone Rau. Aktualisiert am 24.01.2012 105 Kommentare
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Wie wirkt sich das fortschreitende Altern der Bevölkerung auf unser Wohnen aus? Was würde passieren, wenn der Hypothekarzins markant anstiege und viele Eigenheimbesitzer ihr Haus nicht mehr halten könnten? Und wie würden wir wohnen, wenn der allgemeine Wohlstand in der Schweiz spürbar sänke?
Mit diesen und anderen Fragen hat sich Swissfuture beschäftigt, die Schweizer Vereinigung für Zukunftsforschung. In vier Szenarien beschreibt sie, wie die Schweiz in 20 Jahren aussehen könnte. Die gestern veröffentlichte Zukunftsstudie basiert auf der 2011 fertiggestellten Studie Wertewandel in der Schweiz 2030.
Die vier Szenarien:
Im Szenario «Ego» sind Wirtschaft und Wohlstand bis 2030 konstant gewachsen. Die Einwohnerzahl ist gestiegen (auf 9,5 Millionen), ebenso der durchschnittliche Monatslohn (8500 Franken). Entsprechend hoch sind die Immobilienpreise und Mieten. Es wird rege gebaut, abgerissen und spekuliert. Die Umzugsbereitschaft der Menschen ist hoch, viele verfügen über mehrere Wohnsitze, die immer auch Repräsentationsobjekte sind. Zentrale Wohnwerte sind Flexibilität, Selbstinszenierung, Prestige und Komfort. Die Forscher reden von der «mobilen Immobilie für den globalen Nomaden».
Das Szenario «Clash» geht dagegen davon aus, dass die Jahre bis 2030 von einer langwierigen Wirtschaftskrise geprägt sind. Die Schweiz ist der EU beigetreten, um die Krise zu meistern – doch der Wohlstand im Land nimmt weiterhin ab. Die Arbeitslosenquote liegt bei hohen 9 Prozent. Das wirkt sich vor allem auf den Mittelstand verheerend aus. Viele Hauseigentümer können ihre Hypothekarzinsen nicht mehr bezahlen. Sie zögern anstehende Renovationen hinaus oder lassen sie ganz bleiben. Die Reichen verschanzen sich derweil hinter hohen Mauern. «Heim als Festung» nennen die Forscher diese Wohnform. Auch von «Parallelgesellschaft» ist die Rede.
Das Szenario «Balance» geht wie «Ego» von einem positiven Wirtschaftswachstum aus. Die Schweiz hat ihre Sozialwerke reformiert sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert. Ökologie, Gemeinschaft und Work-Life-Balance werden grossgeschrieben. Der Wohnmarkt ist weitgehend im Gleichgewicht, der Baubestand wird unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeit teuer saniert. Wohnqualität ist wichtiger geworden als Fläche. Man probiert neue Wohnformen aus, so etwa altersdurchmischte oder genossenschaftlich organisierte. Zentrale Wohnwerte sind Natur, Nachbarschaft, lebendiges Quartier und Selbstverwirklichung.
Ganz anders wohnen die Schweizer, wenn das Szenario «Biocontrol» eintrifft. Dieses geht wie «Clash» von einem Wohlstandsverlust aus. Der durchschnittliche Lohn ist gesunken (5000 Franken), die Arbeitslosigkeit gestiegen (auf 8 Prozent). Die verarmte Schweiz ist politisch und ökonomisch isoliert, reagiert auf Probleme mit starker staatlicher Regulierung. Immobilien als Geldanlage sind unattraktiv geworden, Spekulationen sind verboten. Wenn immer möglich, leben die Schweizer auf dem Land, das als «gesund» und «idyllisch» gilt. Das Bauernhaus repräsentiert für viele das ideale Heim. Junge bleiben so lange als möglich im «Hotel Mama» wohnen.
Nur Szenarien, keine Prognosen
Mit welchem der vier Szenarien müssen die Schweizer nun am ehesten rechnen? «Szenarien sind keine Prognosen», sagt Zukunftsforscher und Gesamtstudienleiter Georges T. Roos. «Es ist nicht zu erwarten, dass sich bis 2030 ein einzelnes der skizzierten Szenarien flächendeckend durchsetzen wird.» Wesentlich wahrscheinlicher sei, dass die vier «idealtypischen Wohnformen» teilweise nebeneinander existierten und sich überlagerten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.01.2012, 19:10 Uhr
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