Welche Rolle spielt die Erotik?
Von Franziska Streun. Aktualisiert am 23.11.2011 4 Kommentare
Madeleine Stucki versteht die Welt nicht mehr: «Im Sommer wurde die erste Etage im ehemaligen Statthalterhaus auf dem Schlossberg für Atelier, Büro und Ausstellungen ausgeschrieben – und ich habe mich sofort in die Räume verliebt, habe sie gestrichen und einen Vertrag für eine einjährige Zwischennutzung unterzeichnet.» Jetzt, nicht einmal einen Monat nach dem Start, ist alles zu Ende. «Ich werde den neuen Vertrag, der Gewerbebetriebe verbietet, nie unterzeichnen können und muss eine neue Bleibe für das Angebot suchen.» Ihr Konzept: Literatur, Ausstellungen, Workshops, Vorträge, Diskussionsabende und vieles mehr – und dies alles rund um die Themen Frau, Mann und Sexualität. «Lebensfreude und Sinnlichkeit, diese Themen stelle ich ins Zentrum – entweder mit eigenen Anlässen oder in vermieteten Räumen für Aktivitäten», erklärt Stucki, die als Coach auch Sexualberatung für Frauen und Männer anbietet.
Ist Sexualität das Problem?
Am 29.Oktober hat die 57-jährige Lebensberaterin aus Fahrni ihr Projekt «Zwischenräume» gestartet: Mit einem Konzert der Jodlerin Christine Lauterburg, einer Lesung und Buchvernissage mit der Sexexpertin Maggie Tapert («Pleasure – Bekenntnisse einer sexuellen Frau»), einer Fotoausstellung und den monatlichen Gesprächsabenden «Let’s talk about Sex» für Frauen und «Feuerabende» für Männer.
Doch jetzt ist es vorbei. «Die Schlossberg Thun AG verbot mir, Werbung zu betreiben, und hielt mir den Artikel einer Gratiszeitung vor, welche gross über die Lesung mit der Sexexpertin auf dem Schlossberg schrieb», sagt Madeleine Stucki am Telefon und schreibt in ihrer Medienmitteilung: «Die Schlossgeister spielen Sittenpolizei im Schlossberg.» Erotik und Sexualität seien hier wohl das Problem, das Projekt würde anscheinend den Plänen auf dem Schlossberg mit Hotel, Restaurant, Wohnungen und anderem schaden können.
Schenks Vernissage abgesagt
Die Folge: «Ich musste unter grossen Kostenfolgen die Vernissage vom Freitag für die erotischen Kalligrafien des Basler Künstlers Andreas Schenk und seine Ausstellung absagen», bedauert sie. Sie, die einen «Mietvertrag für Gewerbe» für einen «Gewerberaum» unterzeichnet hatte, hingegen einen zweiten, ebenfalls einen «Mietvertrag für Gewerbe» für einen «Gewerberaum» noch nicht, da sie Bauarbeiten im Dachgeschoss befürchtet hat. «Ich habe am Anfang immer mit der Tochter des Besitzers, Hans-Ulrich Müller, gesprochen – doch alles nur mündlich», bedauert Stucki heute. Sie habe viel Zeit, Geld und Visionen in ihr Projekt gesteckt. Und: «Um die Angebote unter die Leute zu bringen, braucht es Werbung und Öffentlichkeitsarbeit.» Zudem brauche sie keine Wohnung, sondern geeignete Räume. «Zudem handelt es sich bei dieser Etage um ehemalige Büroräume. Es hat weder ein Badezimmer noch eine Dusche», sagt sie, die in Fahrni wohnt und dort weiterhin wohnen will. Sie habe von Anfang an kommuniziert, wie ihr Konzept aussehe, und immer wieder über die Aktivitäten informiert. «Die Schlossberg Thun AG hat sich sogar jeweils abgemeldet», ergänzt sie und betont: «Wie diese Räumlichkeiten ohne Bauarbeiten als Wohnung vermietet werden sollen, ist mir schleierhaft.»
«Wollen Vertrag einhalten»
Der Schlossberg Thun AG ist die ganze Angelegenheit unangenehm: «Wir haben einen Baurechtsvertrag mit der Stadt Thun, und darin steht, dass wir in diesem Gebäude – abgesehen von der Kindertagesstätte Kita im Untergeschoss – keine Gewerbebetriebe einmieten dürfen», erklärt der Firmeninhaber Hans-Ulrich Müller auf Anfrage. Hier sei ein Fehler passiert. Das Gebäude dürfe nur für Wohnzwecke vermietet werden. «Aufgrund dieser Vertragssituation ist der Geschäftsbetrieb sofort einzustellen», zitiert Müller aus dem neusten Schreiben an Stucki. «Im Weiteren werden wir auch keine Untervermietungen genehmigen.» Der Schlossberg Thun AG ist das Wichtigste, dass die Bevölkerung weiss, dass das Unternehmen auf dem Schlossberg etwas Erfreuliches realisieren will. «Die Erotik und die Sexualität spielen hier keine Rolle», sagt er, sondern: «Ich will einfach einhalten, was im Vertrag mit der Stadt abgemacht ist.»
(Thuner Tagblatt)
Erstellt: 23.11.2011, 08:51 Uhr
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4 Kommentare
milliarden verzocken, milliarden tiere für billigfleischprod. quälen, kriege, bomben und morden, was die gesellschaft hergibt, aber völlig harmlose kalligrafie-kunst mit einem tupfer braver erotischer darstellungen, NEIN! das geht nicht. wo kämen wir denn da hin. heucheln in neuer qualität! Antworten
Statement zur Absage
von Andreas Schenk
Sinnvolle Grenzen unterstützen Wachstum und Kreativität, lebensfeindliche Strukturen bringen keine Ergebnisse.
Es kann ja nicht sein, dass in der heutigen Zeit, eine Bruderschaft von Bürokraten darüber entscheidet, was in der Öffentlichkeit moralisch ist und was nicht, und hierbei deutlich die vom Gesetzgeber formulierten Schranken überschreitet. Wir sind
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