Was passiert auf dem Schlossberg?
Das sagen Gemeinderat und Investor
«Das nun favorisierte Projekt stammt von einer Unternehmerfamilie und sieht auf dem Thuner Schlossberg ein Restaurant, Künstlerateliers, Ausstellungsräume für das Schlossmuseum, Wohnungen und eine Akademie für KMU-Kader vor. Im alten Gefängnis soll ein Bed&Breakfast realisiert werden.» So steht es auf der Homepage der Stadt Thun. Doch die Befürchtungen mehren sich, dass alles in eine andere Richtung läuft.
Konfrontiert mit den Sorgen der Betreiber des Schlossmuseums, reagiert Gemeinderätin Jolanda Moser ungehalten: «Ich verstehe diese Aufregung nicht. Wir versuchen, die Interessen des Schlossmuseums bestmöglich zu wahren.» Das Schlossmuseum soll weiterbestehen, «darum wird ihm auch nichts weggenommen». Sogar ein Gastronomiebetrieb sei vorgesehen. Wo dieser zu liegen komme und wie hoch der Anteil an Privatwohnungen sein wird, will Moser jedoch partout nicht sagen. «Wir sind mit dem Investor in Verhandlungen. Solange können wir nichts preisgeben.» Die Sorgen, dass private Wohnungsmieter an einer Mischnutzung wenig Freude haben und daher den Zugang für die breite Öffentlichkeit auf bestimmte Zeitfenster reduzieren könnten, teilt sie nicht.
Hans-Ulrich Müller selbst signalisierte auf Anfrage des TT zuerst Interesse, zu den offenen Fragen Stellung zu nehmen, liess dann jedoch ausrichten, dass er zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Stellungnahme abgeben könne. Damit bleibt nicht nur für die Leitung des Schlossmuseums und den Stadtrat noch offen, was auf dem Schlossberg geplant wird; auch die Bevölkerung wird im Dunkeln gelassen (vgl. Haupttext). Immerhin lässt sich Thuns Stadtpräsident Hansueli von Allmen einen Zeitraum entlocken, in welchem die zweite Verhandlungsrunde mit Hans-Ulrich Müller stattfinden soll: «Im Juli wird weiter verhandelt. Ich weiss, dass die Kulturabteilung im Entwurf des Baurechtsvertrags sämtliche Wünsche vom Schlossmuseum festgehalten hat.» heh
Seit das Gericht und das Regierungsstatthalteramt vom Thuner Schlossberg in die neuen Verwaltungsgebäude gezogen sind, wartet Thun auf die Pläne zur Umnutzung des Schlossareals. Im Stadtrat reichten SP und Grüne letztes Jahr eine Interpellation und eine Motion ein, um vom Gemeinderat endlich darüber aufgeklärt zu werden, welche Nutzungen für das Schloss im Stadtbesitz vorgesehen sind. Beide Vorstösse wurden nur unzureichend beantwortet. Über den Namen des Investors schweigt sich die Thuner Exekutive weiterhin aus. Dabei redet in Thun jede und jeder offen darüber, wer der ominöse Privatinvestor aus Belp ist.
Retter von Deisswil
Hans-Ulrich Müller, Leiter bei der Credit Suisse für die Region Bern Mittelland und als Retter der maroden Kartonfabrik Deisswil in den Medien, heisst der – noch immer inoffizielle – Investor auf dem Thuner Schlossberg. «Dass die Familie Müller den Zuschlag für die Umnutzung erhalten hat, ist für uns eine gute Nachricht», sagt Hans Kelterborn in seiner Funktion als Stiftungsratspräsident des Thuner Schlossmuseums. Denn die Belper Unternehmerfamilie habe bereits bei der Umnutzung des Platzschulhauses auf dem Thuner Rathausplatz bewiesen, dass ihr historisches Erbe wichtig sei. Allerdings sind von den dort ursprünglich vorgesehenen Nutzungskonzepten für die Öffentlichkeit nur wenige übrig geblieben. Der Grossteil wurde zu luxuriösen Mietwohnungen umfunktioniert.
Angst vor Privatisierung
«Was uns Angst macht, ist die Tatsache, dass wir bis anhin nicht einmal direkt in die Verhandlungen des Baurechtsvertrags einbezogen worden sind», sagt Kelterborn. Ihm sei völlig klar, dass das Schlossmuseum lediglich Mieter im Donjon – dem zentralen Wehrbau des Schlossareals – sei. «Aber als der Kanton das neue Schloss und das Gefängnis vor acht Jahren an einen Investor verkaufen wollte, waren wir von Anbeginn in die Verhandlungen einbezogen. So konnten wir einerseits unser Wissen über den historischen Bau, andererseits unsere Wünsche als Betreiber des historischen Museums einbringen.» Die derzeitige Geheimniskrämerei des Gemeinderats sorge hingegen «für ungute Gefühle». Das bestätigen diverse Mitglieder des Stiftungsrats und des Fördervereins Schlossmuseum. Dort regiert die Sorge, dass die Stadt ihr historisches Erbe ausverkauft und die Interessen der Bevölkerung nur rudimentär wahrgenommen werden. «Wir bemängeln die Art, wie der Gemeinderat die Schlossliegenschaften anbietet», bringt Kelterborn die Befürchtungen auf den Punkt. Denn nach Vertragsabschluss müsse mühsam verhandelt werden, wer welche Bereiche in welcher Form nutzen dürfe.
Tücken der Mischnutzung
«Wir haben keine Probleme mit Herrn Müller als Investor. Es ist logisch, dass er versucht, das Bestmögliche herauszuholen, wenn er Millionen ins Thuner Schloss investieren soll», sagt der Stiftungsratspräsident. Dass dazu Privatwohnungen an privilegierter Wohnlage gehören, liege auf der Hand. «Aber fragen Sie sich einmal, ob Sie als Wohnungsmieter Freude hätten, wenn tagein, tagaus fremde Menschen bei Ihnen vorbeispazieren. Oder wenn am Wochenende ein Schlossfest wie vor einer Woche stattfindet.» Zudem sei es «ungeschickt, den Torturm als Hauptzugang zum Schlosshof und Donjon ebenfalls zu veräussern», blickt Kelterborn in die nahe Zukunft. Denn das bedeute, dass die neuen Eigentümer künftig über die Öffnungszeiten des Tors mitentscheiden können. Was den Betrieb des Museums erschweren würde.
Mehr Raum fürs Museum?
Nebst den Tücken der vorgesehenen Mischnutzung weist Hans Kelterborn auf etwas Weiteres hin: «Wir brauchen dringend mehr Platz: Wenn die Stadt ein attraktives Schlossmuseum will, müssen wir in den bestehenden Gebäudeteilen endlich einen anständigen Kassen- und Shopbereich mit Garderoben und Toilettenanlagen einbauen können.» Doch wenn der Stiftungsrat die Baurechtsverträge, die nur zwischen der Stadt und Hans-Ulrich Müller ausgehandelt werden, lediglich zur Kenntnisnahme erhalte, sehe er wenig Chancen. «Wir wären dankbar, wenn wir im ehemaligen Gefängnis oder neuen Schloss klimatisierte Ausstellungsräume und endlich beheizbare Büroräume für die Museumsleitung einrichten könnten», sagt Kelterborn. «Ein Restaurant wäre das Tüpfchen auf dem i.» (Thuner Tagblatt)
Erstellt: 26.06.2010, 10:17 Uhr
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