Gestalter der erotischen Kalligrafie ist empört
Von Franziska Streun. Aktualisiert am 24.11.2011 2 Kommentare
Eine nackte Frau und eine kalligrafische Schrift: Dies ist eine der erotischen Kalligrafien des Basler Künstlers Andreas Schenk, welche auf dem Thuner Schlossberg ausgestellt worden wären. (Bild: zvg)
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«So etwas habe ich noch nie erlebt. Bis jetzt habe ich mit meiner erotischen Kunst die Menschen erfreut – und wer sie nicht sehen will, muss es auch nicht tun»: Dies sagt der Künstler Andreas Schenk aus Basel am Tag nach der Absage seiner Vernissage und Ausstellung von erotischen Kalligrafien (Kunst des Schönschreibens) im alten Statthalteramt auf dem Schlossberg. Die Organisatorin Madeleine Stucki, die vorübergehend in der ersten Etage mit ihrem Projekt «Zwischenräume» eingemietet ist, musste dies tun. Ihre Vermieterin, die Schlossberg Thun AG, hat ihren Gewerbebetrieb per sofort verboten.
«Ich werde meine Kosten von rund 5000 Franken im Zusammenhang mit der Ausstellung in Thun und den daraus entstandenen Umständen nicht einfach hinnehmen, sondern gegen Madeleine Stucki Schadenersatzklage einreichen», sagt Schenk.
Schlossberg AG: «Wir wollen den Vertrag einhalten»
Als Gründe für das Verbot und den neu zugestellten und abgeänderten Mietvertrag nennt die Schlossberg Thun AG das Einhalten der Vorgaben im Baurechtsvertrag mit der Stadt Thun. «Wir dürfen das Gebäude – abgesehen von der Kindertagesstätte im Untergeschoss – einzig für Wohnungszwecke vermieten, und deshalb haben wir Madeleine Stucki ihren Gewerbebetrieb verboten», erklärt der Geschäftsinhaber und Baurechtsnehmer Hans-Ulrich Müller. Er räumte allerdings am Montag ein, dass mit den bisherigen Verträgen Fehler gemacht worden seien. «Ich habe jedoch nie mit Frau Stucki selbst gesprochen», ergänzt er.
Müller betont, dass er nichts gegen die Mieterin oder gegen das Thema Sexualität habe. «Wir wollen auf dem Schlossberg etwas für die Bevölkerung realisieren, mit Hotels, Restaurant, Seminarräumen und anderen Angeboten, und uns ist es deshalb wichtig, dass wir unsere Verträge mit der Stadt einhalten.» Er könne Stucki sicher bei der Suche nach neuen Räumlichkeiten beistehen.
Künstler: «Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter»
Schenk glaubt der Firma nicht. «Die Schlossberg Thun AG hat von Anfang an gewusst, dass Madeleine Stucki dort Kurse, Workshops, Ausstellungen, Diskussionsrunden und andere Angebote rund um die Themen Erotik und Sexualität anbietet», ärgert sich der 57-Jährige. Er ist seit 1977 freischaffender Kalligraf, führt das Scriptorium in Basel, unterrichtet Kalligrafie im In- und Ausland und doziert seit 1991 an der Schweizerischen Lehrerfortbildung. Die Argumente mit Vertrag und Gewerbebetrieb hätten doch nur den Zweck, vom eigentlichen Thema abzulenken. «Wir sind doch nicht mehr im Zeitalter der Inquisition», findet er.
Stucki hat etliche Reaktionen auf den Artikel von gestern erhalten. «Die Leute verstehen nicht, wie es dazu kommen konnte, und vermuten ebenfalls das Thema Erotik als Problem. Viele haben sich gleich für einen der monatlichen Gesprächsrunden angemeldet», sagt sie und ergänzt: «Anhand des Gespräches mit dem Unternehmen vermute ich immer noch, dass der Grund die Angst vor einem schlechten Ruf bei möglichen Investoren ist.»
Kita Gampiross: «Wir haben nichts damit zu tun»
Für die Leiterin der Kindertagesstätte Gampiross, die im Untergeschoss einziehen wird, stellen weder Erotik und Sexualität noch das Projekt von Madeleine Stucki ein Problem dar. «Sie führt kein Puff, sondern bietet Frauen und Männern eine Plattform für Kunst, Information, Kurse und andere Angebote zu diesen Themen», sagt Katharina Bruletti. Die Eltern der Kinder seien jung, und sie könne sich nicht vorstellen, dass sie damit ein Problem hätten. «Sexualität ist heute ein offenes Thema», findet sie. Im Gegenteil: «Das Angebot von Madeleine Stucki setzt doch gerade einen wichtigen Gegenpol zum Internet, in welchem Kindern punkto Erotik und Sexualität wohl eher einen falschen Eindruck vermittelt wird und sie prägen kann.» Am Wichtigsten ist Bruletti jedoch, dass sie nicht in die Auseinandersetzung von Stucki und der Schlossberg Thun AG hineingezogen wird. «Ich habe nichts damit zu tun, sondern bin sehr froh, dass ich nach langer Suche endlich einen Ort für das Gampiross gefunden habe.»
Bruletti führt ihre private Kindertagesstätte seit 1988. Die 15 Plätze werden in der Woche von rund 50 Müttern und Vätern genutzt. In den Weihnachtsferien wird der Betrieb vom Schlossberg 17 in das Erdgeschoss des alten Statthalteramtes umziehen und am 9.Januar öffnen. Die Leiterin selbst wohnt ab 1.Dezember in einer der drei Wohnungen im angrenzenden Abzugshaus.
Stadt: «Bedauerlich, ist es nicht früher erkannt worden»
Für die Stadt als Baurechtsgeberin gilt der Vertrag. «Vom Inhalt her haben wir mit dem Thema Sexualität und Erotik kein Problem, doch es ist formal richtig, dass Hans-Ulrich Müller den Baurechtsvertrag einhält», sagt Gemeinderat Roman Gimmel (SVP). Er bedaure es jedoch, dass dieser Fehler mit dem Vertrag nicht früher erkannt wurde und nun für die Mieterin solche Umstände entstehen.
Stucki kann den neuen Mietvertrag nicht mehr unterzeichnen. «Mein nächster Schritt ist nun die Raumsuche – unter anderem ein Asyl für die Bilder von Andreas Schenk, damit er seine 40 Werke dem Thuner Publikum bald zeigen kann. So kann ich vielleicht die Kostenfolge ein bisschen vermindern.» (Thuner Tagblatt)
Erstellt: 24.11.2011, 11:31 Uhr
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2 Kommentare
Mal ganz abgesehen vom Umstand, dass sich die Thuner Verwaltung eventuell hinter Rechtsgrundsätzen versteckt, welche als Vorwand für die Zensur einer ihr suspekten Ausstellung herhalten müssen, spricht es nicht gerade für seriöses Arbeiten, wenn Fehler bei Vertragsabschluss erst im Nachhinein entdeckt werden. Das kommt dann schon sehr «hemdsärmlig» daher. Was aber auch heissen kann, dass Schadener Antworten
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