Ein christliches Gästehaus im Schlössli
Sie leben wie Mönche, tragen aber keine Kutten (v.l.): Die Brüder Siegfried, Werner, Gustav und Peter vor dem Gut Ralligen (auf dem Bild fehlt Bruder Reto). (Bild: Lukas Wittwer)
Open Air zum Jubiläum
Morgen Samstagabend ab 19.30 Uhr findet auf der Seeterrasse des Gutes Ralligen ein Jubiläumsfest mit zwei Open-Air-Konzerten bei freiem Eintritt statt: Auftreten wird die Gruppe Limerick aus dem Luzerner Hinterland, die neben ihrer Musik auch diverse Zaubertricks bietet. Zudem tritt die Band ct&friends auf, in der Brüder der Trägerschaft zusammen mit befreundeten Musikern Rock, Blues und Gospel spielen.
Anreise: STI-Buslinie 21 ab Thun Bahnhof bis Ralligen oder mit dem Auto bis Gunten Dorf. Dort wird ein Parkplatz ausgeschildert sein und ein Shuttlebus zum Schloss bereitstehen.
«Wir sehen uns ja nicht wirklich als Schlossherren», sagt Bruder Gustav während des Rundgangs durch das Gut Ralligen. Trotzdem kommt der Teamchef der fünf Brüder der Christusträgerschaft beim Ausblick von der Seeterrasse aus ins Schwärmen: freier Blick auf den See und der Niesen als Hausberg direkt vor den Augen. An dieser Lage betreibt die Kommunität der Christusträgerschaft seit 1976 ein christliches Gäste- und Einkehrhaus. Aus Anlass des 35-Jahr-Jubiläums finden am Wochenende ein Fest und ein Open-Air-Konzert auf der Seeterrasse des Schlosses statt (siehe Kasten).
Spiritueller Tagesablauf
Nebst Bruder Gustav wird das Schloss Ralligen, wie es auch genannt wird, von Bruder Werner, Bruder Siegfried, Bruder Peter und Bruder Reto geführt. Sie kümmern sich um die Gäste und die Buchhaltung, pflegen den Garten und die Gebäude. Dabei ist die Spiritualität die Basis ihres Tagesablaufs. Jeweils am Morgen und am Abend um sechs Uhr wird in der hauseigenen Kapelle gemeinsam gebetet.
Die Kommunität der Christusträgerschaft, der die fünf angehören, sieht sich selbst als ordensähnliche, jedoch evangelische Bruderschaft. «Wir sind keine Freikirche, sondern gehören zur evangelischen Landeskirche und machen dort aktiv mit», sagt Bruder Gustav. Ihr Leben trägt jedoch Züge, die durchaus mit Mönchsorden der katholischen oder orthodoxen Kirchen vergleichbar sind: Wer in die Bruderschaft eintritt, verpflichtet sich nach einer Probezeit, auf Lebzeiten in der Gemeinschaft zu leben. Dazu gehören für sie der Verzicht auf Ehe, die Besitzlosigkeit und die Verfügbarkeit für die Botschaft des Evangeliums.
Vor 50 Jahren gegründet
Die Gemeinschaft der Christusträger feiert heuer ihr 50-jähriges Bestehen. Gegründet wurde sie in der Nachkriegszeit in Deutschland. Damals seien im deutschsprachigen Raum erstmals derartige evangelische Gemeinschaften gegründet worden, erklärt Bruder Gustav. Obwohl sich die Spitze der evangelischen Kirchen anfänglich zurückhaltend und skeptisch geäussert habe, seien aus der damaligen Jugendbewegung der Christusträger eine Brüderschaft und eine Schwesterschaft entstanden. Heute zählen die Christusträger 26 Brüder und 44 Schwestern, die sich in ihren weltweiten sogenannten missionsdiakonischen Arbeiten unter anderem in Leprakrankenhäusern in Pakistan und Buschkrankenhäusern im Kongo engagieren.
Das Gut Ralligen selbst hat eine deutlich längere Geschichte. Seine erste Erwähnung datiert von 1465. Damals kaufte die Berner Patrizierfamilie Schopfer das Gut vom Kloster Interlaken. Dieses hatte dort ein Rebgut betrieben. Später wechselte der Besitz des Schlosses mehrfach zwischen reichen Thuner Burgerfamilien. Ab 1890 befand sich auf Ralligen dann eine renommierte Haushaltsschule.
Im letzten Jahr zählte die Bruderschaft in den 70 Betten ihres Gästehauses rund 8000 Übernachtungen. Am beliebtesten sei das Gut Ralligen im Sommer während der Ferien. Die Besucher des heutigen Gästehauses sind mehrheitlich Gruppen aus Kirchgemeinden und Familien, welche ihre Ferien auf dem Gut verbringen. Daneben hat das Gutshaus Räumlichkeiten, die für Seminare und Retraiten gebraucht werden. Nur ab und zu kommt ein Pilger vom Jakobsweg und lande in einer ganz speziellen Bleibe, um sich von den Strapazen seiner Reise zu erholen. (Thuner Tagblatt)
Erstellt: 12.08.2011, 08:05 Uhr
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