«Bern braucht den Mut, auf den Kern zu setzen»
Von Jürg Steiner. Aktualisiert am 04.02.2012 6 Kommentare
«Die Hauptstadtregion kann nur zum Laufen kommen, wenn sie sich jetzt, am Anfang, auf den Kernraum Bern konzentriert.» (Bild: Susanne Keller)
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Herr Bratschi, ist die Hauptstadtregion für die Berner Wirtschaft mehr als nur warme Luft?
Peter Bratschi: Auf jeden Fall. Es ist für die Wirtschaft auf Kantons- und Bundesebene von hoher Priorität, dass wir in Bern dranbleiben an diesem Projekt. Unser Ziel heisst: Hauptstadtregion Schweiz – und nicht bloss Hauptstadtregion. Es wäre fatal, würde es einschlafen.
Genau das droht aber.
Dass der Begriff Hauptstadtregion heute landesweit etabliert ist, bedeutet für Bern bereits einen wichtigen Schritt vorwärts. Denn das ist entscheidend für Berns Bedeutung in der Schweiz. Aber wie immer, wenn man ein erstes Ziel erreicht hat, neigt man dazu, sich zurückzulehnen. Dabei stehen wir erst am Anfang. Was mir am meisten Sorgen macht: Bei einer allzu weit ausgedehnten Hauptstadtregion besteht die Gefahr, dass sie zu einem Espace Mittelland II wird. Das darf nicht passieren.
Es ist schon passiert. Die Hauptstadtregion erstreckt sich von Brig bis La Chaux-de-Fonds und ist fast grösser als der seinerzeitige Espace Mittelland, in dem sich Bern in den 90er-Jahren mit einigen Nachbarkantonen verbündete, die sich gegenseitig aber mehr lähmten als stärkten.
Allein der Blick auf die Karte muss jeden stutzig machen: Im Westen und Nordosten der Schweiz haben wir die Metropolitan Areas Zürich, Basel und Genf-Lausanne. Das sind kompakte, zusammenhängende Wirtschaftsgrossräume. Dazwischen dehnt sich nun, vom Wallis bis an die französische Grenze im Norden, die unendliche Hauptstadtregion aus, weitaus grösser als die Metropolitanregionen. Das kann doch nicht sein. Mit Schwerpunktbildung und Konzentration der Kräfte hat das nichts zu tun.
Ist das Abdriften zum Espace Mittelland II aufzuhalten?
Ja. Aber wir müssen den Mut haben, uns zum Kerngedanken der Hauptstadtregion zu bekennen.
Der da wäre?
Lassen Sie mich dafür kurz in die Entstehungsgeschichte zurückblicken. Als die Planer des Bundes im Herbst 2009 das Raumkonzept vorlegten und Bern dort tiefer eingestuft hatten als die drei Metropolitanregionen, war das für Berner Wirtschaftskreise ein Alarmzeichen. Und ein Weckruf. Uns war klar: Im Raumkonzept des Bundes wird festgelegt, wo unser Land künftig finanzielle Prioritäten setzt. Bern darf dabei nicht als zweitklassig eingestuft werden. Wir mussten handeln.
Wer ist wir?
In der «Berner Runde» trifft sich ein gutes Dutzend von Berns führenden Wirtschaftsleuten regelmässig zum Gedankenaustausch. Oft sind auch Regierungsmitglieder dabei. Die Runde tritt nicht öffentlich in Erscheinung, wir arbeiten im Hintergrund. An einer Sitzung im Dählhölzli im Herbst 2010 beschlossen wir, dass jeder von uns einen substanziellen Geldbetrag einschiesst, um für die Hauptstadtregion aktiv zu werden.
Wollten Sie Bern zur Metropolitanregion erheben?
Nie. Bern erfüllt diese Kriterien nicht. Punkt. Aber Bern sollte als politisches Zentrum eigentlich sogar über den Metropolitanregionen stehen, weil hier deren Rahmenbedingungen koordiniert und ausgehandelt werden. Uns war klar, dass wir aus wirtschaftlicher Sicht auf diese Sonderrolle setzen müssen. Wir erarbeiteten ein Konzept, um Berns Funktion als Hauptstadtregion einzuführen. Politiker aus Stadt, Kanton und später auch die nationalen Parlamentarier erkannten in gleicher Weise, dass gehandelt werden muss.
Mit dem Resultat, dass es heute den Verein Hauptstadtregion gibt, dem 5 Kantone und 17 Städte angehören.
Unser Kerngedanke war anders. Die Stärke des Projekts entsteht nicht daraus, mit einem möglichst grossen Territorium möglichst viele Politikerstimmen aus vielen Kantonen hinter sich zu scharen. Damit der Grossraum Bern bei der Prioritätensetzung der Bundesinvestitionen mitreden kann, ist die Substanz der Hauptstadtregion entscheidend. Und Substanz erreicht man, indem man sich auf das Wesentliche konzentriert – räumlich, finanziell, gedanklich.
Muss sich die Hauptstadtregion auf Bern beschränken?
Ich habe nichts dagegen, wenn sich die Hauptstadtregion später ausdehnt, meinetwegen bis nach La Chaux-de-Fonds. Aber dafür muss sie zuerst zum Laufen kommen, und das kann sie nur, wenn sie sich jetzt, am Anfang, auf den Kernraum Bern konzentriert – wobei wir damit nicht die Stadt, sondern den Grossraum Bern meinen. Da gehört sicher Biel dazu, Burgdorf, Thun. Spiez schon weniger und Freiburg eher nicht.
Wie vermag ein Papierkonzept wie die Hauptstadtregion Bern wirtschaftlich etwas zu bringen?
Die Hauptstadtregion ist kein Wirtschaftsförderungsprogramm, das Bern automatisch Auftrieb bringt. Sondern sie ist eigentlich eine Aufforderung an Bern, seine Rolle so zu interpretieren, dass das für das ganze Land gut ist. Was hier in Bern oft verdrängt wird: Die Zeiten grosser Berner Firmen wie Wander, Tobler oder Wifag sind vorüber und kommen nicht wieder. Bern muss auf das setzen, was da ist, und das hat oft mit der Rolle als Hauptstadt zu tun.
Beispielsweise?
Die wirtschaftliche Ausstrahlung der Swisscom ist mittlerweile so gross, dass sie andere Unternehmen – wie etwa den chinesischen Technologiekonzern Huawei – nach Köniz zieht. Berns Aufgabe ist es, die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass solche Erfolgsgeschichten möglich sind.
Bedeutet Hauptstadtregion auch, dass der Kanton seine Prioritäten Richtung Grossraum Bern verschieben müsste?
Konzentration der Kräfte, auf jeden Fall. Dass die ländlichen Teile Bern bremsen, ist evident. Ja zur Hauptstadtregion zu sagen, bedeutet auch, schwierige Entscheide zu fällen. Zum Beispiel, zu einer Subvention an eine Mehrzweckhalle im ländlichen Kantonsteil Nein zu sagen und dafür das Stadttheater noch stärker zu unterstützen. Die Hauptstadtregion ist nicht ein Vehikel, das den Fünfer und das Weggli liefert. Sondern ein Konzept, das vom Kanton Bern eine klare Prioritätensetzung fordert, die schmerzhaft sein kann.
Der Kanton Bern bezieht pro Jahr gut eine Milliarde Franken aus dem nationalen Finanzausgleich. Suboptimal, um national eine wichtige Rolle zu spielen.
So ist es. Ein Geschenk von einer Milliarde zu erhalten, hat zwei Seiten. Es vereinfacht das Leben, aber verhindert, dass man Probleme wirklich angeht. Wir gehen wirtschaftlich auf härtere Zeiten zu, und dass diese Milliarde auch in Zukunft kommt, bezweifle ich. Der Druck, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, wird auch von dieser Seite her wachsen.
Ist Bern fähig, sich in diese Richtung zu bewegen?
Die Diskussion über die Hauptstadtregion hat in Bern viel bewegt. In Politik und Wirtschaft gibt es inzwischen mehrere Gruppierungen, die in die von mir in diesem Gespräch skizzierte Richtung arbeiten. Grossartig finde ich die Initiative der Universität Bern, die ihre öffentliche, hochkarätig besetzte Vorlesungsreihe Collegium generale, die bis Ende Mai dauert, dem Thema «Hauptstädte und ihre Funktion» widmet. Das Bewusstsein, dass die Hauptstadtrolle nicht eine Last, sondern ein Potenzial ist, beginnt sich durchzusetzen. Das ist für mich ohnehin fast das Wichtigste.
Echt?
Man klagt ja viel darüber, dass Bern von aussen kritisiert wird. Was sicher stimmt. Aber noch negativer ist das Bern-Bashing von innen. Die Lust von uns Bernern, Bern schlecht zu finden, obsessiv nach Gründen zu suchen, die gegen Bern sprechen. Wenn wir es schaffen, diesen Trend zu drehen und den Glauben an Bern in Bern zu stärken, Selbstzufriedenheit und Selbstzweifel zu überwinden, ist der Begriff Hauptstadtregion keine Worthülse mehr, und wir haben dann schon viel erreicht. (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.02.2012, 09:27 Uhr
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6 Kommentare
Das Hauptproblem ist die Stadt Bern. Regiert und unterwandert vom wirtschftsfeindlichen Organisationen VCS, Pro Velo, usw. die alles unternehmen um die wirtschaftliche Entwicklung in der Hauptstadtregion zu blockieren. Die persönliche Mobilität abzuschaffen, Steuern und Abgaben für Unternehmen zu erhöhen ist linke Philosophie. Da muss angesetzt werden, wenn die Hauptstadtregion überleben will. Antworten
mit wievielen steuergeschenken für die firmen und wie lange werden diese dann bleiben, bevor sie wieder in andere kantone oder gar ins ausland abhauen? seit jahrzehnten immer der gleiche mist und die wirtschaftsförder- ung versucht es dann auch noch als ihren riesen verdienst zu verkaufen! Antworten
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