«Die Lakota sind meine Heimat»
Indianern im Reservat in den USA: Isabel Stadnick, deren Verwandte
mütterlicherseits im Oberland leben. Morgen liest sie in Steffisburg aus ihrem Buch «Wanna Waki» – «Jetzt kehre ich heim».
Mitakuye oyasin – Wir sind alle verwandt. (Lakota)
Frau Stadnick, nach dem Tod Ihres Mannes, dem Lakota Bob, kamen Sie 1997 in die Schweiz und zogen 2008 wieder ins Reservat. Wieso?
Isabel Stadnick: Nach dem unerwarteten Tod war ich geschockt und brauchte Distanz. Doch ich spürte, dass unsere Heimat im Reservat und bei den Lakota ist, die mich als eine von ihnen aufgenommen hatten. Dass ich mich schon als Kind zu den Indianern hingezogen gefühlt hatte, war auch der Grund, weshalb ich 1989 nach Amerika gereist bin. Hinzu kam, dass ich mich wieder vermehrt für die Waldorf-Lakota-Schule vor Ort einsetzen wollte.
Hören Sie auch den Radiosender Kili, über den im Film «No More Smoke Signals» berichtet wird?
Kili gehört zu unserem Leben. Übrigens entstand auch Kevin Kostners Film «Dances with the Wolves» in unserer Gegend.
Wie viele Lakota Leben eigentlich im Pine-Ridge-Reservat?
Es leben etwa 40000 Lakota im ungefähr 11000 Quadratmeter grossen Reservat in Süddakota.
Leben die Lakota im Reservat in ihrem ursprünglichen Gebiet?
Schon. Jedoch umfasste es früher auch Norddakota, Nebraska, Montana und Wyoming.
Die Black Hills, das Gebiet mit ihren heiligen Bergen, und Wounded Knee, der Ort des Massakers, befinden sich doch dort?
Wounded Knee liegt eine halbe Autostunde von mir entfernt, die Black Hills knapp zwei Stunden. Dort befindet sich auch der Mount Rushmore, in welchem die Weissen amerikanische Präsidenten eingemeisselt haben.
Konnten die Indianer je ihre tragische Geschichte verarbeiten?
Sie ist immer noch präsent. Der oberste Gerichtshof hat es als den grössten Raub und den schlimmsten Vertragsbruch in der Geschichte Amerikas bezeichnet. 1868 wurde der Vertrag mit den Lakota für diese zugesprochenen Gebiete erstellt und kurz darauf wieder gebrochen.
Weshalb denn?
Die Weissen fanden Gold. Mit Habgier und im Goldrausch beuteten sie das Land aus.
Wie ist die Beziehung zwischen Weissen und Indianern heute?
Sie ist sehr rassistisch. Je höher der Anteil der indianischen Bevölkerung ist, desto grösser sind die Vorurteile. Süddakota ist mit neun Reservaten der US-Staat mit einem der höchsten Anteile. Noch heute leiden die Indianer unter posttraumatischen Folgen, einer Art Nachkulturschock.
Leben sie in der Gesellschaft noch nicht integriert?
Sie werden als zweitklassige Gesellschaft behandelt. Entsprechend sind ihre Lebensbedingungen: schlechte Gesundheitsversorgung, ungenügende Bildungsmöglichkeiten und mangelnde Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 85 bis 90 Prozent, hinzu kommen Alkoholismus und eine hohe Selbstmordrate von Jugendlichen.
Wird es nicht langsam besser?
Die Auswirkungen der Vergangenheit sind immer noch spürbar. Die Urbevölkerung wurde über Jahrhunderte systematisch zerstört – mit dem Entzug von Kultur, Sprache, Wurzeln und dem Wegnehmen von Kindern.
Werden heute Zeremonien und Traditionen noch gelebt?
Ja, immer mehr. Schwitzhütten, Tänze, Tanzwettbewerbe, Rituale und anderes werden in den Alltag integriert. Es gibt mehr Eigeninitiative und Indianer, die nach der Ausbildung zurückkommen und sich im Reservat einsetzen. Leider sprechen nur noch etwa zehn Prozent fliessend Lakota.
In welchen Strukturen leben die Lakota heute?
Die Spiritualität, das Beten und die Demut durchdringen ihr Tun, ihr Denken und alles, was sie als Wesen ausmacht. Sie ehren das grosse Heilige, das allem innewohnt. Daneben gehen die Kinder zur Schule, die Erwachsenen versuchen zu arbeiten und finanziell zu überleben. Die erweiterten Familienverbände gibt es noch heute, ebenso Medizinmänner.
Können Sie die Art ihrer Spiritualität beschreiben?
Die Indianer glauben an die Schöpfung, den Ursprung allen Seins. Sie sind ein stolzes Volk und sind sich bewusst, dass sie eine tiefe Weisheit in sich tragen. Seit die Indianer wieder offiziell zu ihrer Kultur stehen können, sehen sie das Weitergeben dieses Urwissens an ihre Nachkommen als ihre Aufgabe.
Wie stehts um die Rechte der Frau?
Ihre Lebensart und die Rechte der Frauen sind vom Westen beeinflusst. Allerdings heiraten die Paare weniger, weil die Heirat ein westliches Konstrukt ist.
Was ist sonst noch typisch für die Indianerinnen und Indianer?
Im Gegensatz zu uns steuern sie das Leben nicht nur mit dem Intellekt, sondern mit dem Herzen. Sie sind gefühlvolle Menschen und zeigen Emotionen.
Und was sehen Sie als Aufgabe?
Aufgrund meiner Erfahrung habe ich den Eindruck, dass viele Menschen keine Ahnung von Reservaten und vom Leben der Indianer haben. Die Leute sagen etwa, ich würde wohl wieder Rauchzeichen machen. Manche haben eine Karl-May-Vorstellung, andere denken, es gibt keine Indianer mehr. In Amerika ist dies sogar noch schlimmer.
Schlimmer?
Kürzlich kauften wir in der Stadt für das Büro der Lakota-Waldorf-Schule einen Computer. Als der junge Verkäufer zu uns kam, um ihn zu installieren, fragte ich ihn, ob er zum ersten Mal im Reservat sei. Er bejahte und sagte, dass Indianer gefährlich seien und Weisse ermorden würden.
Solche Vorurteile gibts heute?
Ich kann mir das nur so erklären, als dass der Grund dafür eine Art nationales schlechtes Gewissen ist. Die meisten Amerikaner sagen, die Roten würden die Weissen hassen – und dies erlöst sie vom Schuldgefühl und rechtfertigt quasi die Vergangenheit.
Haben Sie nach der Veröffentlichung Ihrer Geschichte im Buch «Wanna Waki» neue Projekte?
Die Lakota möchten vermehrt Tourismus ins Reservat bringen, um die Wirtschaft anzukurbeln. So entstand in meinem Bekannten- und Freundeskreis die Idee für ein Tipicamp mit Gästehaus und Rahmenprogramm.
Ab wann können in dem Fall Interessierte Ferien bei Ihnen und den Lakota verbringen?
Im Sommer mache ich den Businessplan, danach gehe ich auf Geldsuche. Wir planen, das Camp im Sommer 2011 zu eröffnen. Doch mein Hauptanliegen ist, immer wieder Geld für die Lakota-Waldorf-Schule zusammenzubringen – und den Lakota eine Stimme zu geben.
Das oberste Gesetz des Landes ist das des grossen Geistes, nicht das der Menschen. (Hopi)
Franziska StreunMorgen in der Gemeindebibliothek von Steffisburg: Isabel Stadnick liest aus ihrem Buch «Wanna Waki – Mein Leben bei den Lakota», 19.30 Uhr.
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Erstellt: 08.06.2010, 00:32 Uhr
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