Lebensgeschichte wird lebendig
Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2003 wurde dem Uetendorfer Christian Iseli schmerzlich bewusst, dass damit auch die Möglichkeit zum Nachfragen verloren ging. «Das wollte ich bei meiner Mutter anders machen», schilderte er am Samstag bei der Uraufführung des Dokumentarfilmes «Das Album meiner Mutter» im Altersheim Turmhus. Es ist ein berührendes Werk, das nachdenklich stimmt und stellvertretend für den ländlichen Teil der allmählich aussterbenden Aktivdienstgeneration steht.
«Schau, das war damals eine andere Zeit während des Krieges. Da konnte man nicht immer machen, wie man wollte», erklärt die betagte Mutter Marie ihrem Jüngsten im Film geduldig. Die beiden blättern über Jahre immer wieder gemeinsam im Fotoalbum und lassen so die Lebens- und Familiengeschichte lebendig werden. Diese will der neugierige Christian schriftlich festhalten. So bekommt die Mutter zu ihrem 90.Geburtstag das Berndeutsch-Buch «Z Uetedorf im Koni» – dort hatten die Iseli-Generationen lange gewohnt.
Als gäbigere Grundlage zum späteren Abtippen liess der einstige freie Mitarbeiter dieser Zeitung bei allen Gesprächen eine Videokamera mitlaufen. Daraus entstand die Idee eines Dokumentarfilmes, was das eigentliche Metier des Uetendorfers ist. Im Altersheim Turmhus, wo Mutter Marie ihre letzten Jahre verbrachte, wurde er uraufgeführt. «Es ist ein sehr feiner, authentischer Film, der sehr nahe geht – besonders, wenn man die Personen zum Teil persönlich und gut kannte», zog Zuschauer Ueli Haldemann (81) Bilanz.
Korrigiertes Wissen
Verblüfft hat die erzählende Mutter ihre ganze Familie unter anderem mit der Schilderung der Entstehung der jungen Familie. Der erste Sohn kam zur Welt, bevor die Eltern geheiratet hatten. «Jä, hett de niemer gwüsst oder gmerkt, dass du schwanger bisch?», fragt Christian im Film verblüfft. Mutter Marie schüttelt nur den Kopf und zuckt mit den Achseln. Ihr Liebster war im Aktivdienst und nicht unerreichbar: «Da hett me no nid eso Telefon gha, wie hütt – u gschribe hei mer enang o nid.» Ihre Eltern hätten nichts gemerkt, weil sie bis zuletzt ihre normalen Kleider habe tragen können. Ihre Mutter habe nicht viel dazu gesagt. «Dr Vatter hett de scho chli gchiflet», erzählt die Befragte mit verschmitztem Lächeln und versichert umgehend: «Es isch ömu guet cho – mir si du immerhin über 60 Jahr verhüratet gsii.»
Nachgestelltes Hochzeitsfoto
Geheiratet haben Marie und ihr Fritz, als dieser doch noch von seinem Vaterglück erfahren hatte, umgehend. Das offizielle Hochzeitsfoto, von einem «richtigen» Fotografen, musste allerdings Wochen später nachgestellt werden. «E Chueh hett grad gchalberet, är hett nid chönne cho», kommentierts Mutter Marie lakonisch.
Die Einsamkeit
«Die Einsamkeit – niemer kümmert sech», klagt die immer schwächer werdende Marie Iseli im Altersheim. «Das hat mich beinahe am meisten berührt», gesteht der Filmemacher. Auch wenn nicht voll berechtigt, habe der Vorwurf des empfundenen Alleinseins doch Schuldgefühle verursacht. Dabei, diese abzubauen und den Verlust zu verarbeiten, habe ihm das Bearbeiten des Filmmaterials geholfen.
«Der Film ist sehr berührend und eindrücklich», fand die 84-jährige Margrit Neeser – eine gute Bekannte der Verstorbenen.
Der Film ist nie hektisch und in keinem Moment voyeuristisch – selbst in den letzten Lebenstagen nicht. Iseli gewährt der Mutter, sich selber und dem Betrachter die Ruhe, Gehörtes und Gesehenes zu verinnerlichen und lässt Raum für eigene Erinnerungen. Geschickt verstärkt er Aussagen und die damalige Zeit mit Schwarzweisselementen. Indirekt ermuntert der Dokumentarfilmer alle, das rechtzeitige Nachfragen nicht zu verpassen.
Nelly KolbDer Film läuft vom 30.September bis 3.Oktober im Kino City Thun. >
Erstellt: 22.08.2011, 00:34 Uhr
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