Der HIV jubiliert in turbulenten Zei ten
Reto Heiz, Sie mussten den ersten Termin für die 150-Jahr-Feier am 18.August verschieben, weil der FC Thun in der Euroleague weiterkam. Hatten Sie den FC Thun unterschätzt?
Reto Heiz: Nein, wir freuen uns darüber, dass der FC Thun die dritte Runde erreichte. Als wir den Termin abmachten, schien das unwahrscheinlich. Damals war das Stadion von der Uefa noch nicht abgenommen. Nachträglich wurde das Stadion von der Uefa aufgewertet, wodurch ein Spiel in der dritten Runde ermöglicht wurde.
Wieso feiert der HIV sein Jubiläum am Donnerstag im neuen Stadion und nicht an einem
historischen Ort?
Das neue Stadion ist neben dem KKThun das letzte grosse Bauwerk, das in den letzten Jahren fertiggestellt wurde. Es hat noch einen anderen Hintergrund: Vor 20 Jahren schlitterte Thun in eine grosse Krise, Stichwort ist die Schliessung der früheren Spar- und Leihkasse SLT. Thun hat es damals mithilfe verschiedenster Personen und Gruppierungen geschafft, die Stadt wieder vorwärtszubringen. Das Stadion ist eines der Elemente, quasi ein Symbol für 20 Jahre Thun im Aufbruch.
Wie äussert sich dieser Entwicklungsprozess Thuns konkret?
Thun hat sich vor allem im Wohnbereich stark entwickelt, beispielsweise im Neufeld, Dürrenast, Buchholz oder im Selve-Areal. Thun hat es geschafft, neue Einwohner anzulocken. Durch das Wachstum entstand eine zusätzliche Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Dies schuf auch in der lokalen Wirtschaft neue Arbeitsplätze.
Können Sie konkrete Zahlen nennen?
Ich kann einen Vergleich nennen: Thun hat etwa gleich viele Zupendler wie Wegpendler. Das zeigt die Attraktivität Thuns als Arbeitsort und die Entwicklung. Damit konnte der Stellenabbau Anfang der Neunzigerjahre, der vor allem die Militär- und Rüstungsbetriebe betraf, mehr als kompensiert werden. Beispiele sind die Firmen Meyer Burger oder Schleuniger.
Wo sehen Sie die Gründe für dieses Wachstum? Oder anders gefragt: Was hat Thun, was andere Städte nicht haben?
Ein entscheidender Punkt ist, dass Thun 1991 über Einzelinteressen hinweg zusammengestanden ist. Damals wurde der Wirtschaftsraum Thun gegründet. Zudem wurde auch die Regionale Wirtschaftskoordination geschaffen, in der die Interessen der Wirtschaft gebündelt wurden. Das sorgte für ein Feuer in den Unternehmen. Zudem machte die Stadt den Weg frei für Grossüberbauungen wie den Hohmadpark oder das Selve-Areal.
Politiker rühmen Thun ja immer wieder wegen der tollen Wohnlage. Für Sie ist das also nicht der zentrale Punkt für die positive Entwicklung.
Wenn das Wohnumfeld stimmt, entstehen daraus positive Wirtschaftsimpulse und letztlich auch Arbeitsplätze. Die Standortpolitik ist im WRT so, dass wirtschaftliches Wachstum möglich ist und neue Unternehmen angesiedelt werden können. Das ist zwar relativ schwierig. Auch die Erteilung von Bewilligungen kann durch eine Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Politik beschleunigt werden.
Und stimmen in Thun die Rahmenbedingungen?
Abgesehen von der Steuersituation stimmen sie. Wir haben funktionierende Strukturen und Unternehmer, die bereit sind zu investieren. Wir haben mit Bus, Bahn und Autobahn eine gute Verkehrserschliessung. Davon profitieren viele Einrichtungen.
Also geben Sie der regionalen Politik eine gute Note?
Ja. Wir haben einen intensiven Kontakt, beispielsweise auch beim Gemeinderating des HIV. Dort schneiden verschiedene Gemeinden in der Region Bern zwar besser ab, aber die grösseren WRT-Gemeinden bringen ebenfalls gute Ergebnisse hin.
Und was liesse sich noch verbessern?
Die Zusammenarbeit unter den diversen Wirtschaftsverbänden, wie Arbeitgebern, KMU oder IGT. Früher herrschte da ein loser Informationsaustausch, jetzt soll die Zusammenarbeit weiter intensiviert werden. Zuletzt haben wir das getan, als wir uns auf die gemeinsame Unterstützung der Stapi-Kandidatur von Raphael Lanz einigten. Ein anderes Thema war das Parkhaus im Schlossberg, das wir als Standortvorteil fürs Gewerbe beurteilen.
Will der HIV also vermehrt politisch Einfluss nehmen?
Das ist richtig. Wir wollen den Kontakt zu politischen Parteien noch stärker fördern und bei wichtigen Themen unsere Meinung kundtun. Ein grosses Anliegen ist da natürlich der Verkehr. Wir unterstützen deshalb das Projekt Bypass.
Sie haben die anderen Verbände angesprochen. Gibt es nicht zu viele Gruppierungen, wodurch die Kräfte der Wirtschaft verzettelt werden?
Das könnte man meinen, die Situation ist effektiv komplex. So gibt es auch kantonal geprägte Organisationen wie die Volkswirtschaftskammer, die das ganze Berner Oberland abdeckt. Eine Vereinfachung war mit der Zusammenlegung der Planungsregion Thun-Innertport und WRT zur Regionalkonferenz West vorgesehen. Diese wurde vom Volk bekanntlich aber abgelehnt. Es sind nun Bestrebungen im Gang, die gemeinsamen Interessen in anderer Form unter einen Hut zu bringen.
Es wird also eine engere Zusammenarbeit angestrebt?
Ja, das ist so. Ziel ist eine Vereinfachung der heutigen Strukturen.
Das HIV-Jubiläum fällt in eine turbulente Zeit, Stichwort Frankenstärke und Börsenschwäche. Wie wirkt sich das auf die Unternehmen der Region aus?
Die Region Thun ist geprägt durch ein starkes Gewerbe, das auf die Binnenwirtschaft ausgerichtet ist. Die läuft ja weiterhin recht gut, weshalb die Auswirkungen der Währungsturbulenzen gering sind. Dramatisch ist die Situation hingegen für die Maschinenindustrie und andere Industrien, die stark exportorientiert sind.
Wie äussert sich das konkret?
Die Gewinnmargen sind durch die Währungskorrekturen dahingeschmolzen. Die Auftragslage verschlechtert sich täglich, weil sich die Produkte verteuern und deren Attraktivität so kleiner wird. Es gibt aber auch Nischenplayer, die ihre Waren weiterhin in Franken offerieren können, weil die Abnehmer darauf angewiesen sind.
Droht auch in der Region Thun ein Arbeitsplatzverlust?
Im Moment haben die meisten Unternehmen noch Aufträge, die früher abgeschlossen worden sind. Wenn sich die Situation normalisiert, gibt es sicher Möglichkeiten, die Arbeitsplätze zu sichern. Wenn wir zurückblicken auf die letzte Krise, hat sich die Einführung von Kurzarbeit bewährt. So konnten die Unternehmen das Know-how behalten und dann wieder durchstarten, wenns wieder aufwärtsgeht. Die unbürokratische Einführung von Kurzarbeit wäre für mich eine sinnvolle Massnahme.
Sie sind als Leiter der Region Mittelland der UBS nah an den Finanzplätzen dran. Wohin entwickelt sich der Euro noch?
Die Notenbank muss alles unternehmen, um eine Überbewertung des Frankens zu korrigieren. Nun müssen wir schauen, wie lange das anhält und wie die Nationalbank den Euro stützen will und kann. Aber eine Prognose gebe ich nicht ab. Das wäre noch spekulativer, als Börsenkurse vorauszusagen. Da könnte ich auch eine Münze aufwerfen.
Und der US-Dollar?
Der verhält sich ähnlich wie der Euro und hat sich in den letzten Tagen etwas erholt. Mit der expansiven Geldpolitik in Amerika ist die Gefahr einer Inflation gross, und damit droht ein weiterer Zerfall des Dollars.
Von diesen Währungskapriolen betroffen ist nicht nur die Exportwirtschaft, sondern auch der Tourismus im Berner Oberland. Welche Tendenzen erwarten Sie in diesem Bereich?
Die Region lebt von Leuten, die hier Ferienwohnungen haben. Die kommen weiterhin. Für den Tagestourismus hat das eher Auswirkungen. Aber die können durch Einheimische, die Schweiz Tourismus vermehrt ansprechen will, wohl ausgeglichen werden. Leider hat der Tourismus für Thun noch nicht eine so zentrale Bedeutung wie im restlichen Oberland. Das sieht man nicht zuletzt am geplanten Lachen-Hotel, für das man immer noch keinen Betreiber gefunden hat. Der Tourismus kann in der Region Thunersee und Berner Oberland verstärkt werden, wenn alle Tourismusorganisationen konsequent zusammenarbeiten und die Marke Oberland vertreten.
Was kann der HIV gegen die Krise unternehmen?
Wir offerieren Plattformen, wo Wirtschaftsthemen diskutiert werden können. Diese fliessen dann ein in die politischen Diskussionen. Die gute Vernetzung des HIV hilft, Probleme zu lösen. Wir organisieren auch Veranstaltungen zu aktuellen Themen, zum Beispiel zu Lohnfragen, und unsere Lohnumfrage zusammen mit den Arbeitgebern.
Die Thuner HIV-Sektion gibt es nun schon seit 150 Jahren: Wie beschreiben Sie die heutigen Aufgaben des HIV?
Wir sind klar ein Interessenverband für die regionale Wirtschaft. Wir wollen ideale Rahmenbedingungen für die Wirtschaft entwickeln und fördern. Auch die Gespräche mit Partnerverbänden wie den Gewerkschaften gehören dazu.
Braucht es den HIV auch in den nächsten Jahren noch?
Davon bin ich fest überzeugt. Es braucht einen Verband, der die Interessen der Wirtschaft vertritt und Unternehmer zusammenführt. Bei den Parteien weiss man ja inzwischen nicht mehr so genau, wer die Wirtschaftsinteressen am besten vertritt.
Interview:
Roland Drenkelforth>
Erstellt: 30.08.2011, 00:34 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.


