Die Grundversicherungsprämien sind im Kanton Bern ab nächstem Jahr über 25 Prozent höher als in St. Gallen oder im Wallis – und fast 20 Prozent höher als im teuren Kanton Zürich. Berner Haushalte zahlen somit 1000 bis 2000 Franken mehr pro Haushalt und Jahr. Die wichtigsten Gründe vorweg:
Erstens zwingen Berns Regierung und Parlament die Kassen, höhere Anteile an den Spital-, Pflegeheim- und Spitexkosten zu übernehmen als in andern Kantonen. Damit spart Bern Steuergelder. Ob aber der Kanton für die Grundversorgung tatsächlich entsprechend weniger Steuergelder ausgibt als die Vergleichskantone, ist fraglich. Vergleiche seien nicht möglich.
Zweitens liegen die Berner häufiger und länger im Spital und werden von überdurchschnittlich vielen Spezialärzten aufwendiger behandelt und häufiger operiert.
11000 Franken pro HaushaltBereits im laufenden Jahr zahlt ein Berner Haushalt allein für die Leistungen der Grundversorgung rund 11000 Franken im Jahr. Davon machen die Prämien die Hälfte aus. Der Rest sind Franchisen, Selbstbehalte und vor allem Steuern. Der Kanton verwendet nach eigenen Angaben 1,8 Milliarden Franken Steuereinnahmen für die Gesundheitsversorgung, im Wesentlichen für Subventionen von Spitälern, Pflegeheimen, Spitex, Sanitätsdienste sowie für Prämienverbilligungen.
Trotz diesen vielen Steuergelder übernehmen die Kassen einen viel grösseren Teil der Grundversorgungskosten als anderswo: Für stationäre Spitalaufenthalte zahlen die Kassen pro Einwohner 55 Prozent mehr als in St. Gallen und 41 Prozent mehr als in Zürich. Hauptgrund: Bern zahlt den vielen Privatspitälern für Grundversicherte nichts. Dafür müssen die Kassen «schätzungsweise 200 Millionen» mehr zahlen, erklärt Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud. Umgerechnet entspricht dies sieben Prozentpunkten der Prämien.
Auch den Pflegeheimen müssen die Berner Kassen pro Einwohner 52 Prozent mehr zahlen als in St. Gallen und 24 Prozent mehr als im Kanton Zürich. An die Spitex müssen sie, immer pro Einwohner, sogar doppelt so viel zahlen wie die St. Galler Kassen und die Hälfte mehr als die Zürcher.
Knausriger KantonDiese enormen Mehrbelastungen erklärt Perrenoud damit, dass im Kanton Bern der Anteil der älteren Bevölkerung über 65 Jahre etwas grösser ist und diese älteren Leute mehr Kosten verursachen. Warum für diese Mehrkosten hauptsächlich die Kassen aufkommen müssen, sagt er nicht.
Dass es auch anders geht, zeigt der Kanton Basel-Land: Dort ist der Anteil der über 65-Jährigen noch grösser als in Bern. Trotzdem zahlen die Krankenkassen in Basel-Land für die Spitex und für Pflegeheime einen Viertel weniger – und sogar nur halb so viel pro Einwohner wie in Bern.
Die Kosten der Grundversorgung zahlen wir mit unseren Prämien, Franchisen und Selbstbehalten sowie als Steuerzahler. Sozialdemokraten und Grüne lehnen die heutigen Kopfprämien ab und verlangen eine stärkere Finanzierung über Steuern. Doch ausgerechnet der Kanton Bern mit seiner rot-grünen Regierung knausert mit Steuergeldern für Spitäler, Pflegeheime und die Spitex. Er wälzt einen viel grösseren Teil der Kosten auf die Prämien ab als andere Kantone. Regierungsrat Perrenoud sagt, der Grosse Rat sei zuständig, und dort seien «die Mehrheiten nicht dieselben wie in der Regierung». Und wegen der geltenden Schuldenbremse müsste man Mehrausgaben anderswo kompensieren.
Sparübung angekündigtUm dem Dilemma «höhere Prämien oder höhere Steuern» zu entrinnen, müsste der Kanton Bern die Kosten der Gesundheitsversorgung senken. Weil der Kanton verpflichtet ist, Privatspitäler ab 2012 finanziell gleich zu behandeln wie öffentliche, und damit ein grosser Kostenschub droht, hat der Gesundheitsdirektor eine Sparübung angekündigt:
Einerseits sprach er von linearen Kürzungen der Basisentschädigungen an alle Spitäler, was ausgerechnet das Inselspital am meisten treffen würde.
Anderseits arbeitet die Gesundheitsdirektion darauf hin, Regionalspitäler in Gesundheitszentren der Grundversorgung umzuwandeln.
Kostentreibend sind tatsächlich in erster Linie die zu vielen kleinen Spitäler und die grosse Zahl von Spezialärzten mit eigener Praxis. Viele operieren als Belegärzte in Spitälern. Das kann ein Grund sein, weshalb es im Kanton Bern gemäss Spitalstatistik happige 50 Prozent mehr halbambulante Spitalbehandlungen gibt als im Schweizer Durchschnitt. Für solche Behandlungen dürfen Privatspitäler erst noch mehr kassieren als die öffentlichen, während die meisten Kantone für alle gleiche Tarife kennen.
Mehr GebärmutteroperationenJedes Spital hat ein Interesse daran, eine hohe Auslastung auszuweisen, um Budgetkürzungen oder erst recht eine Schliessung zu vermeiden. So muss die Berner Bevölkerung häufiger ins Spital als die Bevölkerung in der Zentral- und Ostschweiz. Nehmen wir als Beispiel die Gebärmutterentfernungen, bei denen das Argument der überalterten Bevölkerung wegfällt: Ärzte im Kanton Bern haben 30 Prozent mehr Frauen die Gebärmutter entfernt als Ärzte in den Kantonen St. Gallen oder Wallis und 15 Prozent mehr als im Schweizer Durchschnitt. Die Berner Frauen sind damit nicht etwa besser versorgt. Nach einer Studie der Gesellschaft für Gynäkologie und des Bundesamts für Gesundheit war bei jeder siebten Frau das Risiko grösser als der Nutzen, wenn die Gebärmutter wegen eines Myoms entfernt wurde. Insgesamt seien vier von zehn analysierten Gebärmutterentfernungen unzweckmässig.
Je mehr Spitäler und je mehr Spezialärzte, desto mehr Operationen: Im Kanton Bern gibt es pro Einwohner 21 Prozent mehr Gynäkologen als im Kanton St. Gallen und 42 Prozent mehr als im Kanton Wallis. Die Dichte sämtlicher Praxis-Spezialärzte im Kanton Bern liegt laut FMH im Schweizer Durchschnitt, ist jedoch 12 Prozent höher als im Kanton St. Gallen und in andern Deutschschweizer Kantonen.
Laut Bundesamt für Statistik gehen Berner 28 Prozent häufiger zu einem Spezialisten als St. Galler und sogar 35 Prozent häufiger als Luzerner. «Die Spezialarzt-Dichte erhöht die Kosten signifikant», heisst es in einer Analyse des Gesundheitsobservatoriums von 2008*. In Bern kommt noch speziell dazu, dass die Ärzte für die gleichen Leistungen höhere Tarife verlangen dürfen als ihre St. Galler, Thurgauer oder Luzerner Kollegen. Mit den Lebenshaltungskosten ist dies nicht zu rechtfertigen. Trotzdem haben die Kassen diese (Tarmed-)Tarife mit den Ärzten so vereinbart, und der Kanton hat sie abgesegnet. Mehr Spezialisten und mehr Behandlungen heisst auch mehr und teurere Medikamente. Diese schlucken jeden vierten Prämienfranken.
* Paul Camenzind: «Erklärungsansätze regionaler Kostenunterschiede im Gesundheitswesen», Schweizerisches Gesundheitsobservatorium 2008.
(Der Bund)