«Die Uni ist ein Feudalsystem»

Von Yvonne Staat. Aktualisiert am 08.02.2010
Die Arbeitsbedingungen an den hiesigen Universitäten sind derart schlecht, dass immer weniger Schweizer Studienabgänger Lust auf eine akademische Karriere haben.
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L. K. (Name der Redaktion bekannt) war zwei Jahre lang wissenschaftliche Assistentin an einem soziologischen Institut. Dann hielt sie es nicht mehr aus. «Am Schluss war ich ein psychisches Wrack.» Eigentlich sollte sie forschen, an wissenschaftlichen Projekten mitarbeiten. Aber ihr Chef, ein renommierter Professor, liess sie nur Kaffee kochen, den Kopierer bedienen, seine eigenen Aufsätze und die Prüfungen der Studenten korrigieren. L. K. war Mädchen für alles. «Ich hatte null Zeit, mich auf meine Forschung zu konzentrieren. Null Chancen, mich zu profilieren.»

Kaum ein Tag verging ohne unbezahlte Überstunden. Einige Male muckste sie auf. Der Professor schrie sie dann an: Sie sei zu geldgierig. Keine echte Wissenschaftlerin. Denn Wissenschaft, das sei Leidenschaft. Wer für ihn arbeitete, tat dies ohne Arbeitsvertrag, ohne geregelte Pflichten und Arbeitszeiten. «Es war die reinste Willkürherrschaft. Entweder man unterwarf sich, oder man wurde fertiggemacht.» Sie war nicht die Einzige, die irgendwann genug hatte. Drei ihrer Kollegen verliessen gleichzeitig mit ihr das Institut. L. K. arbeitet nun an einer Uni im Ausland und schreibt dort ihre Diss fertig.

Diss verkommt zum Hobby

Was die junge Frau erlebt habe, sei oftmals Courant normal an hiesigen Unis, sagt Katja Wirth. Sie ist Vorstands- und Gründungsmitglied von Actionuni, dem Dachverband der Mittelbauvereinigung der Schweizer Universitäten und der ETH. Zum Mittelbau gehören alle wissenschaftlichen Uni-Mitarbeiter, die keine Professur haben. Wirth spricht von «massiven Missständen» bei den Arbeitsbedingungen des Mittelbaus. Assistenten in den Geisteswissenschaften oder in der Biologie etwa müssen sich meist mit Teilzeitstellen von 50 Prozent oder weniger begnügen und kommen so manchmal auf ein Monatsgehalt von unter 3000 Franken brutto. «Ein Grossteil arbeitet im Tieflohnsegment.» Einige halten sich mit Nebenjobs ausserhalb der Uni über Wasser. Aber die meisten haben dafür gar keine Zeit. Wegen der unbezahlten Überstunden, die sie für ihr Forschungsprojekt leisten müssen. Gerade Biologen arbeiten trotz Teilzeitstelle oft mehr als 50 Stunden pro Woche. «Viele Professoren decken ihre Assistenten mit Arbeiten ein, für die eigentlich das Sekretariat, Techniker und anderes nicht wissenschaftliches Personal verantwortlich sind.» So kommt es, dass viele Jungakademiker ihre Doktorarbeiten irgendwann in ihrer knappen Freizeit schreiben müssen. Im Forschungsland Schweiz verkommt die Dissertation zum Hobby.

«Auf den Lehrstühlen sitzen Könige»

Warum wehrt sich der Mittelbau nicht? Warum setzt er sich nicht für bessere Arbeitsbedingungen ein? Katja Wirth erklärt es so: «Die Uni ist ein Feudalsystem. Auf den Lehrstühlen sitzen Könige.» Nicht die Hierarchie sei das Problem. Vorgesetzte und Angestellte gebe es überall. «Das Problem ist das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Professor und Assistent, zwischen Doktorvater und Doktorand.»

Matthias Hirt von der Mittelbauvereinigung der Uni Bern nennt dieses Abhängigkeitsverhältnis einen «Konstruktionsfehler», der aus der Universität überhaupt erst ein Feudalsystem mache. «Die Leute haben Angst, sich zu wehren, das Risiko ist einfach zu gross», so Hirt. «Dein Chef ist gleichzeitig der Betreuer deiner Doktorarbeit. Ein schlechtes Gutachten, ein schlechtes Empfehlungsschreiben kann deine akademische Karriere ruinieren.»

Ausbeutung ist Alltag

Einige Universitäten haben inzwischen Ombudsstellen eingerichtet, an die sich Mitglieder des Mittelbaus bei Problemen mit dem Chef wenden können. Da die Stellen zur Verschwiegenheit verpflichtet sind, bleiben die Auskünfte sehr allgemein. Niemand will mit Namen zitiert werden. Ein Ombudsmann bestätigt, dass einige seiner Fälle mit dem «System der Knechtschaft» an den Unis zusammenhängt. Ausbeutung gehöre zum alltäglichen Leiden Schweizer Doktoranden, sagt ein anderer. Aber es gebe auch das Gegenteil, das sagen sie alle. Es gebe auch Professoren, die den Nachwuchs förderten.

Die ETH Zürich zum Beispiel. Sie muss um ihren Nachwuchs kämpfen, weil der Arbeitsmarkt für technische Berufe seit Jahren ausgetrocknet ist. Um gegenüber der Konkurrenz aus der Privatwirtschaft zu bestehen, bietet sie ihren Jungforschern gute Löhne und Vollzeitstellen an.

Familie finanziert Diss mit

Das Gegenteil ist aber die Ausnahme. Zu diesem Schluss kommt die im Herbst 2009 veröffentlichte Studie «Zur Lage des akademischen Mittelbaus». Sie wurde vom Staatssekretariat für Forschung und Bildung in Auftrag gegeben, und letztlich geht es darin auch um solche Fragen: Was bedeutet es für den Forschungsplatz Schweiz, wenn Doktoranden bloss einen Bruchteil des Lohns verdienen, den Hochschulabsolventen in der Privatwirtschaft erhalten? Wenn 20 Prozent der Doktoranden nur überleben können, indem sie auf Erspartes oder auf die finanzielle Hilfe der Familie zurückgreifen? Wer kann und will es sich noch leisten, unentgeltlich und quasi als Hobby seine Diss zu schreiben?

Die Studie geizt nicht mit klaren Antworten: «Unter diesen Bedingungen sind viele Schweizer Studienabgänger nicht mehr bereit, eine akademische Karriere in Angriff zu nehmen.» Und: «Die Wissenschaft kann im Wettbewerb um die Besten kaum mithalten.» Denn die wandern ab in die Privatwirtschaft. So bleibe den Hochschulen oft nur noch die «Negativauswahl», sagt Katja Wirth von Actionuni. Nicht die Talentiertesten, sondern die besonders Unbegabten werden selektiert. Übrig bleiben die Mittelmässigen. Wolle das Schweizer Hochschulsystem nicht nur Spitzenkräfte aus dem Ausland importieren, müsse es die Förderbedingungen verbessern, so die Studie. Ein Fazit, das in der Debatte um die vielen Deutschen an Schweizer Universitäten bisher zu kurz kam.

Auf Sozialkompetenz achten

«Die Situation verbessert sich allmählich», sagt der Mittelbauvertreter Matthias Hirt. Er fordert angemessene Löhne, transparente Pflichtenhefte, mehr 100-Prozent-Jobs. Und dass bei der Berufung der Professoren auf deren Sozialkompetenz geachtet wird. Er spricht von speziellen «Doktorandenstellen», bei denen sich die Jungakademiker ausschliesslich auf ihre Dissertation konzentrieren können. Diese soll nicht mehr vom Doktorvater begutachtet werden, sondern von einer unabhängigen Jury. Seine Hoffnungen setzt Hirt auf den Schweizerischen Nationalfonds (SNF), der zuständig ist für die staatliche Forschungsförderung und damit ein wichtiger Trendsetter in der Hochschulpolitik ist. Der SNF habe die Probleme in der Schweizer Nachwuchsförderung erkannt. Trotzdem sei ein Wandel wohl nur in kleinen Schritten möglich. «Das sind alte ständische Strukturen, die nie eine Revolution erlebt haben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2010, 04:00 Uhr

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