Abo · Inserate · Wetter: Thun 14°Wolkenfelder, kaum Regen

Wein

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Der kleine Weinführer für Barbaren

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 15.12.2011 28 Kommentare

Das Jahresende ist die Zeit für Wein. Und damit für Weinexperten. Und den Schrecken, den sie verbreiten. Was aber tun, wenn man von Wein keine Ahnung hat – ausser, dass man ihn gerne trinkt?

Und wie alle Kulturen verbreitet die Weinkultur nicht nur Freude, sondern auch Angst und Schrecken unter den Unkundigen: Degustation.

Und wie alle Kulturen verbreitet die Weinkultur nicht nur Freude, sondern auch Angst und Schrecken unter den Unkundigen: Degustation.
Bild: Keystone

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

«Er hat Zapfen», sagte sie.
«Wirklich?», sagte ich unglücklich.

Nervös nippte ich ein zweites Mal an dem Chardonnay. Ich schmeckte nichts – ausser vielleicht eine Spur von Holz. Sie winkte statt einer Antwort dem Oberkellner. Er sah aristokratischer aus als jeder König. Sein Anzug schimmerte wie Metall, und sein Gesicht war eine einzige scharfe Bügelfalte.

«Der Chardonnay hat definitiv Zapfen», sagte sie.
«Aber der Herr hat doch probiert», sagte der Oberkellner.
«Ich bin ... hmpf ... erkältet», sagte ich.

Auch wenn das mit der Erkältung stimmte: Ich werde nie den Blick des aristokratischen Kellners vergessen, auch wenn es 20 Jahre her ist – es lag eine derartige Verachtung für Dummköpfe darin, wie ich sie sonst nur an einigen sehr üblen Morgen im Rasierspiegel sehe.Wein ist ein Kulturgut mit eigener Wissenschaft, Fachpresse, Expertenstreit, mit Ritualen, Tradition, Lyrik und sogar einer eigenen Priesterkaste. Und wie alle Kulturen verbreitet die Weinkultur nicht nur Freude, sondern auch Angst und Schrecken unter den Unkundigen. Kultur und Tortur – das reimt sich: Gesichtsverlust war zu allen Zeiten und in allen Zivilisationen eine schlimme Strafe.

Wie man Kenntnisse simuliert

Was also tun, wenn man Wein mag, aber nichts davon versteht? Wenn Kellner und Kenner einen von Zeit zu Zeit in Verlegenheit bis Panik versetzen? Im Prinzip gibt es vier Möglichkeiten:

  • Die einfachste Lösung hat vier Buchstaben: Bier. Es ist gesellschaftlich ein gefahrloses Getränk. Kein Mensch erwartet mehr als einen Rülpser. Aber Bier hat zwei Nachteile. Zum Ersten schmeckt es wie flüssiger Mundgeruch. Zum Zweiten enthält die Bierhefe weibliche Hormone, die den Bierbauch wachsen lassen: eine Schwangerschaft auf Lebenszeit. Die Weinwampe hingegen ist unbekannt.
  • Recherchieren ist immer gut, aber in diesem Fall leider zu kompliziert. Die Kunst des Weintrinkens ist fast so komplex wie die Atomphysik, aber formuliert wie ein unanständiger Roman aus dem 19. Jahrhundert: «schwere Körper», «starke Abgänge», «fruchtige Bouquets». Gepaart mit Ingenieursfragen wie: bei welcher Temperatur welcher Bordeaux wie lange zu lagern ist. Und ästhetischen Debatten wie: ob ein schalenförmiger Champagnerkelch, angeblich «den Brüsten von Marie Antoinette angepasst», eine lässliche Sünde oder «so geschmacklos wie dieser Vergleich ist» (so der Weinpapst Hugh Johnson).
  • Klüger als Kenntnisse ist Hochstapelei. Dazu genügt ein kleines Repertoire an Gesten. Der zerstreute Blick in die Karte. Das gelassene Betrachten eines völlig unbekannten Flaschenetiketts. Das langsame Schwenken des Glases, das Hineinstecken der Nase, gefolgt von einem kleinen Schluck, im Mund gewälzt (Weisswein eher vorne, Rotwein hinten im Mund). Dann ein Schlucken, das nichts mit Nervosität gemein hat, schliesslich ein kurzer Blick zum Kellner und ein Nicken, gelangweilt wie ein grausamer Herrscher. Dass man dabei keinen Schimmer von Wein hat (übrigens: Korken schmeckt nach Moder, Gruft und Tod – und zwar auffällig), dispensiert nicht von der Ausübung der Zeremonie. Wie auch sonst in Gesellschaft gilt: Tu in Rom, was die Römer tun. Das Chamäleon ist das Wappentier der Höflichkeit. «Wir spielen alle, wer es weiss, ist klug», schrieb Schnitzler.
  • Souveränität, keine Übertreibung: Ein Chamäleon verwandelt sich weder in einen Löwen noch in einen Wurm. Kurt Vonnegut schrieb dazu: «Wir sind das, was wir vorspiegeln. Deshalb sollte man sehr vorsichtig sein mit dem, was man vorspiegelt.» Souveränität ist immer stärker als Simulation. Und wirkliche Souveränität bedeutet, die Welt – bei aller Höflichkeit – nach dem eigenen Blick zu beurteilen. Wozu sonst hat einen die eigene Mutter unter Schmerzen geboren?

Warum man nichts wissen sollte

Mit Wachheit betrachtet, stellt sich das höfische Zeremoniell Gastronomie überraschend aktuelle Probleme: Der beste Koch heisst immer Hunger, der beste Kellermeister Durst. Aber wir leben im 21. Jahrhundert, in Plastic City, Virtual Village, kurz: in einer Überflussgesellschaft. Im Strom der Nachrichten, Konzepte, Waren braucht es einen guten Magen. Die schwierigste Aufgabe für Leben und Überleben heisst: sich wach, vif und unschuldig zu halten. Neugier, nicht Wissen ist die Voraussetzung für Erkenntnis. Das tägliche Gebet eines Menschen 2011 heisst: «Unseren täglichen Hunger gib uns heute.»

Hunger war schon immer ein Vorzug der Barbaren. Und Barbarei ist in der modernen Welt die Regel: Rundherum passieren lauter Vorgänge, von der Bankenwelt bis zum Computer, von denen man keine Ahnung hat. Experte ist man auf zwei oder drei Gebieten, beim Rest ist man halbwissender Amateur.

Der Genuss des Lebens bedingt also, auch Dinge zu geniessen, bei denen man nicht auf der Höhe ist: Fast Food, Ballett oder Schlager, reisserische Romane, langweilige Bundesratswahlen oder nicht synchronisierte US-Serien. Experte zu sein, steigert die Sensibilität, mindert aber den Genuss. Kleine Fehler bereits werden dann zur Qual. Während der Theaterkritiker sich bei seinem 30. «Hamlet» gelangweilt windet, sieht man der Aufführung als Shakespeare-Novize zu wie ein Kind.

Eine Zunge haben wie ein Musiker Ohren

Die Frage beim Halbverstehen ist: Was ist das Wesentliche, das man verstanden haben muss? Zugegeben, Kenntnisse wären erfreulich. Es muss ein immenser Genuss sein, eine Zunge zu haben wie Musiker Ohren: beim ersten Schluck eine Sinfonie von Aromen herauszuschmecken – solche Leute sind beneidenswert. Reserviertheit aber empfiehlt sich gegenüber Leuten, die stundenlang über Wein und Essen reden. Ist es echte Leidenschaft, oder ist die Erweckung von Neid ihr wirkliches Ziel? Ein Abend mit zwei erfahrenen Gourmets, die sich übers Essen unterhalten, ist eine Qual wie ein Abend zu dritt mit einem Liebespaar, das sich andauernd küsst.

Das Wappentier der Höflichkeit ist das Chamäleon: die Angleichung an das Gegenüber. Monologe, Namedropping und Expertentum hingegen gehören in kein Benimmbuch. Ein vorbildlich höfliches Ritual ist das der schwedischen Hausfrau: Sie verschüttet vor dem Essen ein halbes Glas Rotwein auf dem Tischtuch. Danach können sich die Gäste benehmen, wie sie wollen: Das Tuch ist eh hinüber.

Freiheit – diese Form von Luxus ist in Feinschmeckerlokalen kaum je zu finden: Es sind stille Tempel, erfüllt von schimmerndem Besteck, weissen Tüchern, gedämpftem Gläserklirren, gigantischen Tellern mit kleinen Portionen und einer lautlosen Priesterschaft von Kellnern, die unablässig kontrollieren, nachfragen und nachschenken ... Dass sie dabei jedes Gespräch unterbrechen, scheint eine ihrer wichtigsten Aufgaben zu sein: Die auserlesenen Speisen und Tropfen sind die Stars, nicht die Gäste. Man sieht in keinen Restaurants und Bars so viele schweigende Paare wie in den besten. Das Ritual erspart unauffällig die Schande, sich nichts mehr zu sagen zu haben: Es sind Kathedralen für Tote mit goldener Kreditkarte.

Wann man die Wahrheit sagt

Dabei hat das Weintrinken den Vorteil, dass man dabei Dinge sagen kann, die man schon immer sagen wollte. Teils, weil man sich mutiger fühlt, aber vor allem, weil Alkohol Deckung gibt: Man anerkennt, dass vielleicht weniger das Gegenüber als der Inhalt seines Glases spricht. Der Schwebezustand zwischen Konvention und Spiel ist der Moment, wo der wirkliche Ernst beginnt. Geht man zu weit, genügt ein «Oh, ich hatte einen Schluck zu viel» – und es ist in Ordnung. Das Grossartige am Alkohol ist nicht das Plus an Mut, sondern das Plus an Ausrede.

Wie sehr diese Fiktion nötig ist, sieht man an der von Regeln gefesselten japanischen Gesellschaft. Hier ist Betrunkenheit das einzig akzeptierte Mittel zu Offenheit. Wie etwa bei folgender Szene im Hauptbahnhof von Tokio:

Zwei japanische Geschäftsleute schleppen einen dritten, sturzbesoffenen Mann zwischen sich in das Abteil.

Der Besoffene: «Ihr perfiden Säue!»
Die anderen: «Gut, gut, ist ja schon gut. Das hier ist dein Zug nach Kobe.»
Der Besoffene: «Drecksäue! Ihr habt mich betrogen!»
Die anderen: «Ehrlich! Meinst du, dass du es bis Kobe schaffst?»
Der Besoffene: «Betrüüüüger! Schweiiiiine!»
Die anderen: «Der Zug fährt gleich ab: Wir müssen jetzt gehen. Sitzt du bequem?»
Der Besoffene: «Sääääääääääääue!»

Als der Zug schliesslich anfährt, rückt der Betrunkene seine Krawatte zurecht, streicht sein Jackett glatt, zückt die Lesebrille und vertieft sich in seine Geschäftsunterlagen – er war stocknüchtern.

Wobei Brillanz schadet

Jede Kultur hat ihre Konventionen, um die Konventionen zu durchbrechen: Alkohol ist eine davon. Essen und Trinken sind Mittel, nicht Zweck. Bei einem gelungenen Essen ist der Hauptgang immer der andere. Die interessanteste Flüssigkeit beim Weintrinken ist die, in der das Gehirn des Gegenübers schwimmt. Kein Bordeaux ist mehr wert als die Konversation dabei.

Imponierender als die Kenntnis von Winzern, Lagen und Jahrgängen ist die Fähigkeit, Fragen zu stellen. Neugier ist die beste Form von Appetit, und Fragen sind die raffinierteste Form von Höflichkeit. Nichts schmeichelt Leuten mehr als der Klang der eigenen Stimme, nichts verführt sie zuverlässiger.

Die Falle bei dem Wunsch, gefallen zu wollen, ist die Annahme, man müsse ein besonders grossartiges Exemplar Mensch sein: erfolgreich in allem, bewandert in allem, funkelnd vor Witz. An den wenigen Abenden im Jahr, an denen man brillant, clever und frisch ist und alles, was man sagt, so amüsant, auf den Punkt gebracht und überraschend, dass alle am Tisch lachen – an diesen Abenden wird man allein nach Hause gehen.Wenn man es allerdings schafft, zwischen zwölf und zwei Uhr nachts jemandem, den man erfreulich findet, gegenüberzusitzen und vor allem Dinge zu sagen wie «... ja ...», «... und dann?», «... wirklich ...» und «... wie war das genau?», dann wird dieser Jemand im Bett mit einem landen.Die Erklärung ist, dass man – ob in der Liebe, der Freundschaft oder beim Business – nicht die mag, die brillant sind, sondern die, mit denen man selbst brillant ist. Es ist immer ein Spiel für zwei.

Und deshalb zur Hölle mit den Lagen, Jahrgängen und Châteaus. Was beim Wein zählt, sind das Gegenüber und der Alkohol. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2011, 11:40 Uhr

28

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

28 Kommentare

Mauritius Hafner

15.12.2011, 12:51 Uhr
Melden 30 Empfehlung

Man könnte auch einfach zugeben, dass man keine Ahnung hat. Schlimm ist das jedenfalls nicht. Antworten


Stefano Corvaglia

15.12.2011, 12:17 Uhr
Melden 18 Empfehlung

Kompliment und Vielen Dank Herr Seibt. Für mich als Weinliebhaber ein ausgezeichnet gelungener Artikel. Vermutlich ein Sternjahrgang. Wohltuend und entlarvend zu gleich. Antworten



Umfrage

Fliegen Sie mit der Billig-Airline Easyjet?



Archiv

Publireportagen
  • Gelangen Sie hier direkt zu einer älteren Publireportage der Weinrubrik: