Tattoos: Neue Farben machen Probleme
Teure Entfernung
Wer unpassend gewordene Tätowierungen wegmachen lassen will, braucht Zeit, Geduld und Geld. Tattoo-Entfernungen werden von der Krankenkasse nicht übernommen. Relativ günstig ist eine Operation, die jedoch nicht immer alle Spuren beseitigen kann. Teurer kommt die – effizientere – Entfernung per Laser. Bei dieser Methode sind in den meisten Fällen «nur» zehn Sitzungen nötig, bei grossflächigeren Zeichnungen können es aber auch doppelt so viele sein. Pro Sitzung ist mit 200 bis 400 Franken zu rechnen. Mit vier bis sechs Sitzungen kalkulieren die Anwender der Milchsäuremethode. Die Kosten berechnen sich nach der Menge der benötigten Farblöseflüssigkeit. Eine Sitzung kann so auf 150 bis 300 Franken zu stehen kommen. Bei allen Methoden dauern die Behandlungen oft Monate, weil zwischen zwei Sitzungen genügend Zeit eingerechnet werden muss, um die Wunden genügend verheilen zu lassen.ml
Wie stark soll der Staat eingreifen?
Die Behörden kümmerten sich zu wenig um den Bereich Tätowierung. Das finden viele Tattoo-Entferner. Nicht zufrieden mit der Antwort des Bundesamts für
Gesundheit (BAG) war Jana Emmenegger, die sich vor der Übernahme ihres Studios über allfällige Risiken der Milchsäurebehandlung erkundigen wollte: «Das Entfernen von Tattoos ist
in unserem Land nirgends geregelt», schrieb das Bundesamt damals, «weder die Tätigkeit an sich noch die Mittel dazu.»
Michael Radenhausen ärgert sich auch: «Seit über zehn Jahren verlangen wir von den Behörden eine Reglementierung und eine Aufsicht über die zu verwendenden Tätowierungsfarben, doch das Problem wird häufig bagatellisiert oder unter den Teppich gekehrt.» Die Begründung sei meist dieselbe: Es handle sich nicht um Arzneimittel, sondern um Kosmetika, die keiner besonderen Kontrolle unterlägen.
Diesen Vorwurf lassen die Verantwortlichen beim Bundesamt für Gesundheit nicht gelten: Es sei zwar richtig, dass das Entfernen von Tattoos gesetzlich nicht geregelt sei, sagt Kurt Lüthi vom Direktionsbereich Verbraucherschutz, Sektion Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände. Er verweist jedoch auf Verordnungen und Empfehlungen, die ausdrücklich vor gewissen Praktiken warnen. Das Bundesamt schrieb: «Noch weniger als das Tätowieren selbst kann dessen Entfernung als kosmetische Methode betrachtet werden. Verletzungen der Haut, auch wenn eher oberflächlich, stehen im Widerspruch zur Definition über kosmetische Mittel.» Dass beim Tätowieren häufig gefährliche Farbstoffe verwendet werden, trifft gemäss Kurt Lüthi zu. Im Jahr 2005 seien deshalb Vorschriften erlassen worden, die unter anderem auf diesen Punkt Bezug nähmen. «Die Einhaltung der Vorschriften ist aber Sache des Herstellers und des Anwenders. Leider werden aber diese Vorschriften schlecht eingehalten.» ml
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Rund ein Viertel aller 16- bis 29-Jährigen trugen vor acht Jahren laut einer Umfrage des Instituts Allensbach ein Tattoo. Michael Radenhausen, Leiter des Haut- und Laserzentrums (HLZ) an der Klinik Siloah in Gümligen, glaubt sogar, dass sich heute mindestens ein Drittel der 20- bis 30-Jährigen eine Tätowierung machen lässt. Und die Tendenz sei weiterhin steigend. Während die einen bloss einen Vornamen auf ihrer Haut verewigen wollen, lassen sich Einzelne sogar den ganzen Körper bis zum Kopf tätowieren.
Eine Erscheinung der Neuzeit ist das Tätowieren der menschlichen Haut nicht. Die Bezeichnung «Tattoo» ist abgeleitet vom tahitianischen «tatau». Erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts setzte sich der Ausdruck «Tätowierung» durch, wogegen sich die Jugend heute gern des englischen «Tattoo» bedient.
Farben aus der Autoindustrie
Beim Tätowieren werden Farbstoffe unter die Oberhaut gespritzt. Ältere Tattoos lassen sich mit den heutigen Methoden relativ spurlos beseitigen: einerseits deshalb, weil anorganische Stoffe wie Tusche oder Asche verwendet wurden, anderseits, weil die Nadeln nicht tief angesetzt wurden. Heute jedoch wird häufig maschinell gearbeitet: Die Tätowierer verwenden «Tattoo-Pistolen», die die Substanzen tief in die Lederhaut hineinspritzen. Ausserdem werden zunehmend Farbstoffe verwendet, die teilweise nur mit grossen Schwierigkeiten entfernt werden können.
Michael Radenhausen vergleicht die Entwicklung mit der Autoindustrie: «Noch vor 20 Jahren konnten Autokäufer bloss zwischen einer Handvoll Farben wählen, heute erfüllt die Industrie praktisch jeden Wunsch.» Apropos Autoindustrie: Tattoo-Studios verwenden tatsächlich gelegentlich Farbstoffe, die für die Lackierung von Automobilen entwickelt wurden und für Menschen giftig sein können.
«Es ist merkwürdig», findet Jana Emmenegger vom Studio Skinial in Bern, das auf die Entfernung von Tattoos spezialisiert ist, «viele Leute lassen sich von irgendeinem Hinterhofstecher ein Tattoo anbringen, ohne sich dabei über gesundheitliche Folgen den Kopf zu zerbrechen. Erst wenn sie es wieder entfernen lassen wollen, überlegen sie sich die möglichen Konsequenzen.»
Entfernen mit Milchsäure
Weshalb wollen die Leute aber eine Tätowierung beseitigen lassen? «Tattoos demonstrieren fast immer die Zugehörigkeit zu einer Person, einer Gruppe oder einer Weltanschauung», hat Dermatologe Michael Radenhausen bei seiner Arbeit beobachtet: «Ein Mensch ändert aber im Verlauf seines Lebens häufig seine Einstellungen und Präferenzen.»
Eine seit langem beliebte Methode, eine Tätowierung zu entfernen, ist die Behandlung mit Säure. Heute steht die Milchsäure hoch im Kurs. Vorerst aber muss man wissen, dass die beim Tätowieren unter die Haut gespritzten Farbpigmente dort von körpereigenen Zellen (Makrophagen) eingekapselt werden. «Man kann sich das vorstellen wie farbige Weihnachtskugeln», so Radenhausen. In diese Kugeln werde die Milchsäure gespritzt, erklärt Emmenegger. Die Farbe werde dann auf natürlichem Weg aus dem Körper ausgeschieden. Erst im August haben die deutschen Behörden gewarnt, diese Methode könne schwere Entzündungsreaktionen zur Folge haben. Jana Emmenegger sagt, ihr sei kein einziger Fall einer schweren Entzündung bekannt. Beobachtet habe sie bislang lediglich vorübergehende Hautrötungen.
... oder mit dem Laser
Standard ist seit Ende der 1990er-Jahre die Laserbehandlung. Hier wird ein hoch wirksamer Lichtstrahl auf die «Weihnachtskugeln» gerichtet, wobei der Strahl die Komplementärfarbe des anvisierten Pigments enthält. Gegen rote Farbe etwa wird also ein grüner Lichtstrahl eingesetzt. Das Ziel ist, die Farbpigmente an Ort und Stelle zu «zerstäuben». Die Abfallprodukte sollten anschliessend durch Abbauprozesse abgeräumt werden.
Auch eine Laserbehandlung birgt Risiken. Das streitet auch der Leiter des Haut- und Laserzentrums nicht ab. Er verweist aber darauf, dass in den letzten 15 Jahren keine gravierenden Nachteile festgestellt worden seien. Der anfänglich geäusserte Verdacht, die Behandlung könnte zu einem erhöhten Krebsrisiko führen, hat sich gemäss Radenhausen bislang nicht bestätigt.
Das Hauptproblem liegt für ihn allerdings nicht bei der Entfernung, sondern beim Anbringen einer Tätowierung. Er kommt erneut auf die Gefährlichkeit einiger Farbstoffe zu sprechen: Zur Anwendung kämen zunehmend organische Verbindungen, Dioxazionderivate oder Azofarbstoffe, die ursprünglich zur Färbung von Textilien entwickelt worden seien. Oft würden neue Produkte angewendet, deren Wirkung unbekannt sei. Sollten später schädliche Nebenwirkungen auftreten, wäre es schwierig, zu sagen, ob der Schaden bereits beim Stechen entstanden ist oder erst später beim Aufbrechen der Farbpigmente während des Entfernens der Tätowierung. (Berner Zeitung)
Erstellt: 05.12.2011, 14:03 Uhr
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