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Trinkt Milch!

Von Irène Dietschi. Aktualisiert am 02.07.2010

Frische Kuhmilch schützt vor Heuschnupfen und anderen Allergien. Durch die moderne Milchverarbeitung aber geht diese Schutzwirkung verloren. Dies zeigen internationale Studien.

Lecker und gesund: Milch spielt eine Schlüsselrolle beim Schutz vor Allergien und Asthma.

Lecker und gesund: Milch spielt eine Schlüsselrolle beim Schutz vor Allergien und Asthma.
Bild: Keystone

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Dass die Münchner Professorin und Kinderärztin Erika von Mutius in den letzten Jahren ziemlich viel über Milch, ihre Eigenschaften und ihre industrielle Verarbeitung gelernt hat, ist einem Forschungsprogramm der Europäischen Union zu verdanken. Erika von Mutius war federführende Wissenschaftlerin des Forschungsprogramms «Forallvent». Dieses hatte die Aufgabe, möglichst umfassend Informationen zusammenzutragen, weshalb es in den letzten hundert Jahren zu einer starken Zunahme an Allergien und Asthma gekommen ist.

Tatsächlich galt in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Heuschnupfen als fast «adelige Kankheit» und als eine Erscheinung, die nur sehr selten bei den ungebildeten Ständen vorkomme, wie der englische Arzt Charles Blackley 1873 meinte. Seitdem hat sich die Lage dramatisch verändert. Heute leidet in Westeuropa etwa ein Viertel der Bevölkerung an Heuschnupfen. Die Schweiz liegt etwa im Durchschnitt: Knapp über zwei Millionen Patienten mit Allergien gibt es hierzulande.

Schutzwirkung der Milch

«Dabei könnte die Milch eine wichtige Rolle spielen», sagt Erika von Mutius. Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die modernen Methoden, die Milch zu verarbeiten, ihr die Schutzwirkung vor Allergenen geraubt haben. «Ihr scheinen bestimmte Faktoren zu fehlen, die früher gegen Allergien geschützt haben,» sagt Erika von Mutius.

Milch spielt eine Schlüsselrolle beim Schutz vor Allergien und Asthma. Dabei steht fest, dass es nicht pasteurisierte Milch aus dem Supermarkt ist, welche die Kinder vor Allergien schützt. Nur «echte» Milch direkt von der Kuh verfügt über diese Schutzwirkung. Wie es dazu kommt und welche molekularen oder immunologischen Mechanismen dabei eine Rolle spielen, ist allerdings nicht bekannt. In der Diskussion sind natürliche Inhaltsstoffe der Milch, ebenso aber mikrobielle Bestandteile aus Verunreinigungen. «Was auf immunologischer Ebene dort geschieht, wissen wir nicht», sagt Erika von Mutius. «Es ist unklar, wie die Wirkungskette zwischen Ursache und Allergie aussieht.»

In einer internationalen Studie wurde deshalb die Schutzwirkung von Milchprodukten, von Margarine, Eiern, Fleisch und Gemüse epidemiologisch untersucht. Ergebnis: Wenn die Milchprodukte direkt vom Bauernhof stammen und noch «naturbelassen» sind, scheinen sie tatsächlich vor Allergien zu schützen. Kinder, die während ihrer frühen Kindheit Milchprodukte direkt vom Bauernhof getrunken oder gegessen hatten, statt die industriell verarbeiteten aus dem Laden, hatten deutlich weniger Allergien. Die frische Milch scheint vor Heuschnupfen, Asthma und anderen allergischen Reaktionen zu schützen.

Stalluft und Landleben überbewertet

Diese Ergebnisse lassen den angeblich positiven Einfluss des Landlebens auf den Schutz vor Allergien in einem neuen Licht erscheinen. Sie zeigen, dass es egal ist, wo Kinder aufwachsen, um einen funktionierenden Schutz vor Allergien zu haben. Voraussetzung ist, dass sie vom ersten Lebensjahr an frische, nicht pasteurisierte Milch vom Bauernhof trinken. Andere Faktoren wie etwa die besonders hohe Konzentration von Mikroben in Ställen oder Bauernhäusern spielen beim Schutz vor Allergien scheinbar keine wichtige Rolle.

Ähnliche Befunde zeigte auch eine Reihe anderer Untersuchungen in Deutschland, Grossbritannien oder Griechenland. Im Rahmen des Forschungsprogramms «Gabriel» sind mehr als 100'000 Familien in ländlichen Gegenden der Schweiz, Deutschlands, Österreichs und Polens befragt worden. Die genetische Konstitution von mehr als 10'000 Kindern, die auf Bauernhöfen oder in Stadt aufwachsen, ist dabei untersucht worden. Ebenso wurde Proben der Milch genommen, die in den verschiedenen Gegenden getrunken wird.

Chance für die Prävention

Analysen von frischer Milch zeigen, dass sie einen höheren Gehalt an Fett, Proteinen, Lactoferrin und somatischen Zellen aufweist als industriell verarbeitete, homogenisierte oder pasteurisierte Milch. Ob diese Bestandteile etwas mit der Schutzwirkung zu tun haben, ist unbekannt. Zumindest gibt es Hinweise, dass beim Schutz vor Allergien solche Substanzen eine wichtige Rolle spielen könnten, die mit dem Immunrezeptor CD14 interagieren. Bei Menschen mit Veränderungen im CD14-Immunrezeptor ist die Schutzwirkung der Milch schwächer.

Sollte es im Laufe der Forschungsarbeiten möglich sein, die molekularen Faktoren zu identifizieren, die für den Allergieschutz verantwortlich sind, könnte sich eine einfache Strategie zur Allergieprävention anbieten. Die Substanzen könnten der pasteurisierten Milch nach der Bearbeitung wieder zugesetzt werden, die dann die gleiche Schutzwirkung hätte wie die frische Milch direkt vom Bauern. «Das wäre in etwa der Fluorierung des Kochsalzes zur Kariesprophylaxe vergleichbar», sagt von Mutius. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.07.2010, 10:25 Uhr

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