Herr Doktor, einen Orgasmus bitte!
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Haben Sie gewusst, dass Frauen früher per Rezept einen Orgasmus verschrieben bekamen? Sie haben richtig gelesen: Zum Höhepunkt kamen Frauen vorwiegend, zuweilen wohl gar ausschliesslich, in der Sprechstunde beim Doktor. Zuständig für die Klitoris-Massage waren nämlich die Ärzte. Selbstverständlich hielt Mann den Orgasmus, den ein etwas geübter Herr Doktor hoffentlich mit seinen Fingern auszulösen vermochte, keineswegs für den Ausdruck eines sexuellen Höhepunktes, sondern für eine Reaktion auf ein medizinisches Krankheitsbild: die hysterische Krise.
Bald schon baute man zur Erleichterung der Frau eine kleine Maschine – ein zunächst dampfbetriebenes Massagegerät, genannt Hysterie-Maschine: Der erste Vibrator war erfunden. Er entlastete müde Ärztefinger und hatte als durch und durch medizinisches Gerät überhaupt nichts Anrüchiges an sich. (Lesen Sie dazu auch: «Der Sex im Kopf»)
Während David Cronenberg in «Eine dunkle Begierde» im Gewand eines bedeutungsschweren Dramas die Geschichte der rivalisierenden Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud und Carl Gustav Jung erzählt, behandelt Tanya Wexler in ihrer Komödie «Hysteria» («In guten Händen») zwar inhaltlich dasselbe Thema, dies allerdings aus einem weiblichen Blickwinkel und mit Humor – der jedoch gar nicht immer zum Lachen ist.
Der Film, der in den Schweizer Kinos im Dezember anläuft, wird gern als herzige Komödie rezipiert, was weder der Regisseurin noch der Hauptdarstellerin Maggie Gyllenhaal passt: «Man sieht eine Vielzahl von Frauen dabei, wie sie Orgasmen haben – und das ist in unserer Gesellschaft nach wie vor wesentlich schockierender als die Darstellung von Sex», sagte die Hauptdarstellerin im November in einem Interview des «Missy Magazine»; sie brachte damit die Absicht des Films und auch die Geschichte der weiblichen Sexualität auf den Punkt: Das schöne Geschlecht hatte keinen Orgasmus zu haben.
Es geht in diesem Film deshalb weniger um die kuriose Geschichte eines Gerätes zur Selbstbefriedigung, es geht schlicht um Aufklärung. (Lesen Sie auch: «5 Missverständnisse der körperlichen Lieben»)
Hysterisch oder frigide
Die Geschichte der weiblichen Sexualität ist eine Geschichte der Pathologisierung von Lust und Unlust. Bis heute übrigens: Was sind denn die medizinischen Schlagworte PMS und Klimakterium anderes als der Versuch, den Zyklus von Frauen in einen wissenschaftlichen Rahmen zu pressen und ihre Launen erklärbar zu machen? Die Frau, das unbekannte Wesen, weil immer in Abweichung zum Mann, zur Norm, wahrgenommen, trieb die Männer schon immer zu denkerischen Höchstleistungen an: Platon und Hippokrates waren der Überzeugung, dass weibische Launen damit zusammenhängen, dass ihre Gebärmutter nicht regelmässig mit Samen gefüttert werde und sich deshalb im Gehirn festbeisse.
Für die Mediziner im viktorianischen 19. Jahrhundert war die weibliche Lust inexistent – sämtliche körperlichen Reaktionen auf Berührungen oder Sex galten als wissenschaftlich auffällig. Sigmund Freud dichtete den Frauen einen Penis-Neid an und erfand die Frigidität: Damit kehrte der Wiener Psychoanalytiker die Erwartungen an die Frau um hundertachtzig Grad – seit den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts ist es nun plötzlich krank, wenn Frau keinen Orgasmus hat. Und weil es keine gefährlichere Krankheit gibt als die Diagnose, treibt Freuds Krankheitsbild die Frauen bis heute um. Oder wie Margarete Mitscherlich einst argumentierte: «Vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Frau als Zeichen ihrer Weiblichkeit sexuelle Unempfindlichkeit abverlangt, heute ist es das Gegenteil: nun ist es die Fähigkeit zum vaginalen Orgasmus, an der weibliche Reife gemessen wird.» (Lesen Sie auch: («Die perfekte Vagina (gibt es nicht)»)
Höchste Zeit also für aufgeklärten und aufklärerischen Humor. Darum sei hier Tanya Wexlers Film wärmstens empfohlen. Einig sind sich sämtliche Kritiker zumindest in einem Punkt: Man bekommt darin die launigste Inszenierung weiblicher Lust seit dem legendären vorgetäuschten Orgasmus von Meg Ryan in «When Harry met Sally» serviert. Und das nicht in homöopathischer Dosis.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann lesen Sie auch: «Geheimnisse aus der Samenbank» auf Clack – Ihrem Online-Magazin. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.11.2011, 21:21 Uhr
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