Leben

Fieberkrampf: Grosser Schreck, kleine Gefahr

Der Spuk ist rasch vorüber, doch die Symptome des Fieberkrampfes sind für Eltern erschreckend: Bewusstseinsverlust, verdrehte Augen und krampfartiges Zucken.

Nach einem Fieberkrampf ist das Kind apathisch, kann sich an nichts erinnern und schläft oft tief und fest.

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Das Kind verliert das Bewusstsein. Es verdreht die Augen, wird blass. Der ganze Körper versteift sich und beginnt krampfartig zu zucken. Blase und Darm sind nicht unter Kontrolle. Die Atmung verlangsamt sich, und der Körper kann sich verfärben. Danach ist das Kind apathisch, kann sich an nichts erinnern und schläft oft tief und fest: Es hatte einen sogenannten Fieberkrampf. Dieser Anfall tritt plötzlich und oft beim ersten Fieberanstieg auf. Er kann aber auch jederzeit während einer fieberhaften Erkrankung vorkommen.

Viele Eltern sind schockiert, wenn ihr Kind das erste Mal einen Fieberkrampf durchmacht. Sie schildern den Anfall fast immer als ein lebensbedrohliches Ereignis. Ein solcher Anfall sieht schlimm aus, ist aber harmlos. Weil das viele Leute nicht wissen, rufen sie in Panik die Ambulanz: «Durch Aufklärung der Eltern kann man dieses Verhalten stoppen. Denn unkomplizierte Fieberanfälle hören nach wenigen Sekunden von selber auf. Sie sind nicht gefährlich», sagt Kinderarzt Marco Travaglini aus Bern. Erst wenn ein Anfall über 15 Minuten dauert, spricht man von einem komplizierten Fieberkrampf.

«Todesfälle im Zusammenhang mit Fieberkrämpfen sind nicht bekannt. Sehr selten kommt es beim Anfall zu Verletzungen oder zum Verschlucken von Nahrung», schildert der Kinderarzt. Von den Krämpfen betroffen sind Kinder im Alter zwischen 6 Monaten und 6 Jahren. Auf Grund der Altersverteilung gehen Mediziner davon aus, dass das Gehirn zu dieser Zeit in einer speziellen Entwicklungsphase ist.

Was tun beim Anfall?

Verbreitet ist das Gerücht, dass solche Anfälle das Gehirn schädigen. Doch der Kinderarzt widerlegt: «Ein Fieberkrampf schädigt das Gehirn nicht. Die Entwicklung von Kindern mit Fieberkrämpfen ist gleich gut wie diejenige von Kindern ohne Fieberkrämpfe.»

Wichtig ist, dass Eltern versuchen, während eines Anfalls die Ruhe zu bewahren: Einen Fieberkrampf kann man allenfalls vermeiden, wenn das Fieber mit Wadenwickeln gesenkt wird. Nicht die Höhe des Fiebers, sondern der rasche Temperaturanstieg ist für den Fieberkrampf verantwortlich. «Nach einmal erfolgtem Fieberkrampf ist es sinnvoll, bei einer Körpertemperatur über 38 Grad Celsius dem Kind fiebersenkende Medikamente mit dem Wirkstoff Paracetamol zu geben.

Kommt es trotzdem zum Fieberkrampf, sollte man vor allem dafür sorgen, dass sich das Kind während des Anfalls nicht verletzt», sagt Travaglini. Am besten lege man es in sein Bett oder auf den Boden und decke es leicht zu. Wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert, soll dem Kind das durch den Kinderarzt verordnete Diazepam Rektiolen gegeben werden. Wenn Kinder nach dem Anfall erbrechen, bringt man sie gemäss Travaglini in Seitenlage. Keinesfalls dürfe man das Kind während und nach dem Krampf schütteln oder festhalten. Auch Gegenstände dürfen dem Kind nicht zwischen die Zähne geschoben werden, und eine Mund-zu-Mund-Beatmung ist verboten.

Krampf ist vererbbar

Der Kinderarzt empfiehlt, Kinder, insbesondere nach dem ersten Fieberkrampf, unbedingt einem Arzt zu zeigen: «Das kann, muss aber nicht im Spital sein. Wichtig ist, dass die Ursache des Krampfes geklärt wird», sagt der Arzt. Ursache für das Fieber im Kindesalter sei nebst einer grippalen Infektion oft eine Infektion wie Mittelohrentzündung oder Angina. In seltenen Fällen könne auch eine Harnwegsinfektion, eine Nierenbeckenentzündung oder eine Lungenentzündung für das Fieber verantwortlich sein, erklärt Marco Travaglini. Dagegen trete ein Fieberkrampf eigentlich nie bei einer Hirnhautentzündung auf.

Bei rund zwei Dritteln aller betroffenen Kinder bleibt der Fieberkrampf bei einem einzigen Ereignis, ein Drittel der Kinder erleidet zwei oder mehr Fieberkrämpfe. Das Risiko ist erhöht, wenn bei den Eltern oder Geschwistern eines Kindes schon Fieberkrämpfe aufgetreten sind.

Häufig machen sich Eltern Sorgen, dass die Krämpfe Anzeichen einer Epilepsie sein könnten. Doch 97 Prozent aller Kinder mit Fieberkrampf entwickeln keine solche. «Falls doch, ist anzunehmen, dass es sich nicht um einen Fieberkrampf gehandelt hat, sondern bereits um den ersten Anfall einer Epilepsie», sagt Marco Travaglini. Er erläutert, dass 3 bis 5 Prozent aller Kinder mit Fieberkrämpfen an einer Epilepsie leiden.

Angst vor Fieber

Wenn das Fieberthermometer steigt und das Kind vor Hitze glüht, sind viele Eltern verunsichert. In solchen Situationen sind sie hin und her gerissen und wollen den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen, um zu handeln: «Es gibt keine exakte Gradzahl, ab wann Fieber gesenkt werden soll. Manche Kinder sind mit 39 Grad noch aktiv, andere klagen bereits bei 37,5 Grad über Beschwerden», sagt der Arzt. Bei kleinen Kindern könne die Temperatur schnell über die normalen 36,5 bis 37,5 Grad Celsius steigen.

«Fieber ist ein gesunder Prozess im Körper. Es ist ein Zeichen dafür, dass sich der Körper mit einer Erkrankung auseinandersetzt», sagt Travaglini. Fieber wirkt der Infektionsausbreitung entgegen und erhöht die Geschwindigkeit des Stoffwechsels, sodass es zu Gewichts- und Flüssigkeitsverlust kommen kann. Deshalb sollen fiebernde Kinder viel trinken. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.10.2009, 13:48 Uhr

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