Wir sehen, was wir glauben
Von Andreas Tobler. Aktualisiert am 04.10.2011 1 Kommentar
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Wahrscheinlich gibt es kein anderes Stück in der Dramenliteratur, das so oft interpretiert wurde, wie das «Endspiel» von Samuel Beckett. Gemeint ist jenes Stück absurdes Theater, in dem der blinde, gelähmte Hamm und sein Diener Clov seit Unzeiten in einem Unterschlupf mit der Wiederholung der immer gleichen Gesten des Abschieds und des Weltuntergangs zu keinem Ende kommen. Doch auch die Interpreten kamen zu keinem Ende – mit dem Stück, das unausdeutbar bleibt. Und auf der Bühne? Zu welchem Ende sollte man es inszenieren? Nur um seine Paradoxien zu entfalten? Hat das 1957 uraufgeführte Stück mit seiner konventionellen Figurendramaturgie seine Zukunft nicht schon längst hinter sich? Ist es nicht bereit, den Klassikertod zu sterben? Präzise Sprachgesten Noch nicht, möchte man sagen, nachdem man Stefan Puchers «Endspiel»-Inszenierung gesehen hat, mit der der grosse Tschechow-Interpret seinen ersten Beckett auf die Bühne bringt. Dabei nimmt Pucher Beckett ganz wörtlich: Satz für Satz lässt er seine Schauspieler die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den «Endspiel»-Figuren ausagieren. Und nicht nur die, sondern auch Becketts Sprachgesten – die Wortspiele, die Verkehrungen und die Paradoxien. Das dauert. Insgesamt etwas mehr als zwei Stunden.
«Jetzt spiele ich!»
Und das darf auch genau so lange dauern, denn Pucher lässt das «Endspiel» von einem vierköpfigen Virtuosenensemble spielen, das jede (Sprach-) Geste präzise zu setzen versteht: Mit weit aufgerissenem Mund gähnt Robert Hunger-Bühlers Hamm sich zu Beginn des Abends in die nächste Runde des ewigen «Endspiels», das vom Wiederholungszwang und vom Spieltrieb, vom Spielzwang und vom Wiederholungstrieb bestimmt wird: «Jetzt spiele ich!», sagt Hunger-Bühlers Hamm und tut es – zusammen mit Jean-Pierre Cornus Clov, der gegen Hunger-Bühlers gestische Grossartigkeiten seine grossartigen Feinheiten setzt.
Hinter ihnen, auf einer Stufenbühne thronen Nagg und Nell, Becketts in Mülleimern lebende Menschenstümpfe, die in Puchers Inszenierung rumpflose Sackmenschen sind und in verschnürbaren Stoffbeuteln stecken: Mit ihrem dunkelhellen Stimmorgan seufzt sich die bis zum Kopf eingesackte Iris Erdmann durch den Text ihrer Nell. Neben ihr ist der andere Beutelmensch deponiert: Siggi Schwientek, der mit wächsernem Gesicht den Witz grimassiert, den sein Nagg zu erzählen hat. Das Zuschauen wird zu einer Lust! Raffinierte Lichtführung Puchers «Endspiel» ist jedoch mehr als texttreuer Klassikerdienst und die Demonstration von schauspielerischem Virtuosentum. Denn mit seiner Inszenierung öffnet er die hermetisch geschlossene, auf vier Figuren beschränkte Spielwelt von Becketts Stück: Im Schlussbild setzt Pucher mehrere Puppen auf die Stufenbühne, unter ihnen auch Erdmann und Schwientek – ebenfalls als Puppen. Samuel Becketts Menschenstümpfe werden also vervielfacht und verpuppt, ganz so, als wollte er uns mit Nachdruck zu verstehen geben, dass die Bühnenfiguren unsere Stellvertreter sind.
Wahrnehmungsveränderndes Manipulationstheater
Ganz und gar nicht banal ist dagegen das Licht von Ginster Eheberg: Zu Beginn des Abends erscheint der Innenraum, in dem Cornu und Hunger-Bühler in grauen Anzügen spielen, in einem grellen Grün. Was wir zu sehen bekommen, ist in diesem Fall jedoch nicht alles, was ist: Der Spielraum von Barbara Ehnes ist eigentlich weiss. Doch in Ehebergs Licht können wir dieses Weiss nicht wahrnehmen: Das Grün verblendet unsere Sicht. Mit diesem starken Lichtkonzept wird Becketts interpretatorisch überbelichtetes Endspiel zu einem bewusstseinsschärfenden Blendspiel, zu einem Stück wahrnehmungsveränderndem Manipulationstheater. Von der Herrlichkeit zur Asche Letztlich ergeht es uns mit dieser BlickBlendung ähnlich wie jenem Irren, den Hamm einst in der Anstalt besuchte: Statt der «Herrlichkeit» der Welt, die ihm Hamm zeigen wollte – «die Segel der Sardinenboote» und «die aufgehende Saat!» –, sah der Wahnsinnige nur das, woran er glaubte: die Asche der Welt, die seiner Meinung nach untergegangen war. In Ehebergs Grün sehen auch wir nicht, was wir sehen könnten – mit dem Unterschied, dass wir unseren Wahrnehmungswahnsinn wahrnehmen und reflektieren können.
Vielleicht...
Damit nicht genug, wird diese Wahrnehmungssituation von Puchers «Endspiel»-Inszenierung mit der Zürcher Lebensrealität verkoppelt: Zu Beginn des Abends lässt Pucher wie in einem Aufzug von oben nach unten verschiedene Videoansichten von Zürich gleiten. In diese Stadtansichten hineingeschnitten werden Cornu und Hunger-Bühler – vom Gesicht bis zu den Füssen ganz in Grün (Video: Stephan Komitsch und Andi A. Müller). Vielleicht sind wir nur verblendet. Vielleicht ist die Wirklichkeit in Wirklichkeit ganz anders. Vielleicht sehen wir nur Grün. Vielleicht sind Hamm, Clov und Pucher nur Übertreibungskünstler. Vielleicht aber auch nicht. Wer es weiss, ist klug. Wer seinen Blick auf die Welt infrage stellt, eröffnet sich zumindest die Aussicht auf Klugheit. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.10.2011, 08:46 Uhr
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