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Clownfrau schneidet Lebensfaden ab

Von Peter Steiger. Aktualisiert am 02.02.2012

Als Requisit hat sie eine Schere im Kopf. Doch geht sie unzensuriert ans letzte grosse Tabu – ans Sterben. Am 9.Februar spielt Gardi Hutter «Die Schneiderin» in Bern.

Tapfere Schneiderin: Gardi Hutter kämpft mit den Tücken der Strubbelfrisur und des Messbands. (Bild: Silke Meyer/zvg)

«Die Schneiderin» – zum Programm

Der Lebensfaden der Schneiderin droht zu zerreissen. Die Seele wartet bereits ungeduldig, dass sie endlich ins Unendliche entschwinden kann. Der Näherin gelingt es vorerst, dem Tod zu entkommen. Sie will die letzte Zigarette, die letzte Mahlzeit. Doch schliesslich siegt der grosse Triumphator. Zu fetten Wagner-Klängen steigt die Frau hinab ins Grab.

Das ist der Plot von Gardi Hutters neuem Soloprogramm «Die Schneiderin». Neben der Geschichte um den aussichtslosen Überlebenskampf erzählt die Clownfrau Nebenstorys. Das Publikum erlebt, wie die Liebe zweier Garnrollen endet – verwickelt. Die Zuschauer sind dabei, als eine Schneiderpuppe ein Kind gebärt – herzig.

Gardi Hutter beginnt, indem sie die Tücken ihres Schneiderinnendaseins präsentiert. Das ist etwas langfädig. Dann spult sie das Geschehen zügig ab. Vor allem die Kontakte mit der eigenen Seele sind komische Höhepunkte. Die Clownfrau spielt mit sich selber und zeigt ihr entmaterialisiertes Ich als Videoprojektion. Solche Hightechgags sind in einer sonst durch und durch handgemachten Produktion heikel. Hier überzeugt das technische Spektakelchen. Am Schluss entschwindet sie in der finalen grossen Kiste. Das ist lustig und traurig zugleich, und man lacht Tränen.

Frau Hutter, sprechen wir über was Lustiges, übers Sterben.
Gardi Hutter: Der Tod ist im Leben und im Theater die letzte Herausforderung, und als Clown fordert mich diese Endlichkeit zum Spielen auf. Wir sterben, und das Spiel geht weiter.

Das ist nicht nur bei der «Schneiderin», das war auch bei früheren Produktionen so.
Sechs meiner Programme enden tatsächlich mit meinem Ableben. Selbst wenn dies jeweils ein komischer Tod war – Komik ist immer übertriebne Tragik.

Lachen wir über die sterbende Schneiderin, weil wir so unsere eigene Angst abbauen?
Ja. Lachen hilft gegen Angst und wandelt Aggressionen um. Nur wir Menschen lachen – und zeigen dabei die Zähne. Wenn Tiere, Hunde etwa, die Zähne zeigen, sind sie aggressiv.

Hunde fletschen, wir grinsen. So edel sind wir gar nicht.
Sterben kränkt das Selbstbewusstsein. Im Stück lacht das Publikum, weil es mir gelingt, meine Seele auszutricksen.

Auch ein Stück hat eine Geburt, lebt und stirbt. In welcher Phase steckt die «Schneiderin»?
Mitten im Leben. Ich habe das Programm jetzt rund 150-mal gespielt und fühle mich wohl und gut eingelebt

Sie selbst haben als 59-Jährige die Lebensmitte hinter sich, sind aber auf der Bühne aktiv wie eh.
Ja, der Beruf hält mich körperlich und mental fit. Ein voller Saal mit applaudierenden Menschen wirkt belebend. Es berührt mich nicht nur, wenn das Publikum lacht, sondern auch, wenn es betroffen ist.

Der Bühnentod Ihrer Schneiderin hat mich berührt.
Solche Reaktionen während des Auftritts zu spüren, bewegt mich.

Wir leiden an Ihrem öffentlichen Sterben, und Sie denken derweil ans Menü für übermorgen.
Nein, ich bin authentisch, auch nach 38 Theaterjahren und vielen Tausend Vorstellungen.

Sie haben einige Programme erarbeitet, die mit Berufen zusammenhingen. Sie waren Sekretärin, Souffleuse, Wäscherin und sind nun Schneiderin.
Durch Berufe entstehen Welten, die viele kennen. Das Schneiderhandwerk beeinflusst auch unsere Sprache. Wir versäumen etwas, wir schneiden den Lebensfaden ab.

Oder wir haben eine Schere im Kopf, wie Sie im Stück. Sie zeigen das realistisch. Müssen Sie das wirklich so brutal illustrieren?
Das haben wir uns auch gefragt. Wenn ein Requisit Lacher auslöst, darf es auch schockieren.

Ins kalte Wasser werfen Sie auch Zuschauer. Sie holen einen Mann auf die Bühne und flirten dort ausgiebig mit ihm. Schwitzen da manche Blut?
Bis jetzt haben mich noch alle angelacht. Die Männer müssen auch nicht mitspielen. Mir ist es sogar lieber, wenn sie nicht zu aktiv sind.

Am 9.Februar spielen Sie in Bern, einen Tag später in Neuenburg, dann in Neuhausen. Wissen Sie immer, wo Sie auftreten?
Wir trainieren im Tourbus manchmal unser Gedächtnis und fragen uns die Auftrittsorte ab. Dass ich im Hotelzimmer nicht mehr wusste, wo ich war, ist mir schon passiert, auf der Bühne aber nie.

Fragen Sie im Tourbus auch nach dem, was die «Schneiderin» aufwirft – ob es ein Leben nach dem Tod gibt?
Manchmal.

Und?
Ich weiss es nicht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.02.2012, 14:18 Uhr

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