Statt Rock ’n’ Roll ein Strauss von Jazzballaden
Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 01.02.2012 2 Kommentare
Video (Quelle: Youtube)
Einblicke: Ein «Making Of» zu McCartneys neuem Album.Artikel zum Thema
- Paul McCartney tüftelt an einem Computerspiel-Song
- Paul McCartney auf Triumphzug
- Stars & Styles: McCartney liess es krachen (ein bisschen zu laut)
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John Lennon wusste, womit er seinen Freund und Konkurrenten Paul McCartney am besten provozieren konnte – mit dessen Hang zu romantischen Klängen und Big-Band-Jazz: «Altmodische Folksongs für Omas», lautete einer seiner sarkastischen Sprüche, wenn ihm McCartney wieder einmal ein sentimentales Lied vorsummte. Dabei wusste Lennon genau, was er dem Melodiker an seiner Seite zu verdanken hatte: «When I’m Sixty-Four», «Yesterday», oder «Your Mother Should Know» waren Songs, die sich auf die Musik vor Elvis Presley beriefen. Mit ihrem nostalgischen Anstrich und der heilen Welt, die sie evozierten, gaben sie Gegensteuer zur popkulturellen Revolution und relativierten sie. Jahrzehnte nach der Auflösung der Beatles und John Lennons Tod wagt Paul McCartney jetzt in doppelter Hinsicht einen grossen Schritt: Er legt ein neues Album vor, das sich fast ausschliesslich auf jazzige Arrangements und das «Great American Songbook» verlässt. Und er tritt – erstmals überhaupt – «nur» als Sänger auf und überlässt das Spielen den anderen.
Feminin und feinfühlig
Für «Kisses on the Bottom» hat sich McCartney Diana Krall und ihre exquisite Band als Begleitung ausgesucht, die sich stets dezent im Hintergrund hält und der Stimme viel Platz lässt. Der frischgebackene Jazzcrooner wirkt dabei erstaunlich stilsicher. Er verzichtet auf triefendes Pathos und Schnörkel und eignet sich die Songs von Fats Waller, Irving Berlin oder Johnny Mercer an, ohne an ihnen zu zweifeln. Jetzt, wo man sich einmal ganz auf den Sänger und Interpreten konzentrieren kann, fällt auf, wie feminin und feinfühlig seine alternde Stimme geworden ist, aber auch, wie nuancenreich er einem Lied Konturen gibt. Erste Bekanntschaft mit dem Jazz habe er im Elternhaus in Liverpool gemacht, erzählte der Ex-Beatle in einem Interview. Er habe die Jazzballaden aus der Feder von George Gershwin oder Cole Porter dem Rock ’n’ Roll schon immer vorgezogen. Das nimmt man dem flammenden Little-Richard-Kopisten und Rockabilly-Liebhaber nicht ab. Und doch: Dem Album «Kisses on the Bottom» hört man «Maccas» langen Flirt mit Tin Pan Alley an. Er bewegt sich selbstbewusst auf schwierigem Terrain, und wenn er von ewiger Liebe und ungestillter Sehnsucht singt, kommt man nicht umhin, ihm zu glauben.
Sentimental und tüchtig
Dennoch bleibt zu hoffen, dass der 69-Jährige seinen Lebensabend nicht als Jazzsänger und Interpret verbringt – so wie dies Rod Stewart mit zweifelhaftem Ergebnis vorgemacht hat. Das Risiko scheint klein: Dass er auch als Songwriter noch Potenzial hat, beweist schon die Tatsache, dass sich McCartneys neue Eigenkompositionen nahtlos in die grossen Jazzstandards einfügen. Vor allem «My Valentine» – untermalt von Eric Claptons Bluesgitarre – gehört mit zum Besten, was McCartney in seiner über 50-jährigen Karriere geschrieben hat. Neben seiner sentimentalen Ader war er überdies immer schon am Geschäft interessiert. Zurzeit arbeitet er an der Musik für ein Computergame – und hofft, sich damit ein neues Publikum zu erschliessen. So war der romantische Jazzabstecher vielleicht doch eher ein Hochzeitsgeschenk für seine dritte Frau Nancy Shevell. (Berner Zeitung)
Erstellt: 01.02.2012, 08:09 Uhr
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2 Kommentare
Da bin ich ja gespannt! Mein Lieblingsalbum von Macca ist das - völlig zu unrecht - eher unbekannte Run Devil Run von 1999. Da wurden skurrike Rock'n'Roll Stücke aus den 50ern in abgemagerter Produktion vorgetragen - mit David Gilmore (nix slide guitar!) und Ian Paice (am minimal drum kit!), keine Schwulst à la Spectorsche Long and Winding Road oder Flowers in the Dirt Pop. - "Pure Energy"! Antworten
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