Die Heldin aus der Arbeiterklasse
Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 23.12.2011 3 Kommentare
Adele – Someone Like You
Adele – Hometown Glory
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Den Jubel beantwortet sie mit einem tiefen, etwas zu hastigen Atemzug, der den Anflug von Panik nicht verbergen kann. Adele Adkins, 23-jährig und eine Spur zu fulminant zur Diva frisiert, steht in der Royal Albert Hall auf der ehrwürdigsten Konzertbühne, die London zu bieten hat. Gerade hat sie den fünften Song beendet. Und wie immer, wenn sie nicht singt und also nicht so recht weiss, was sie anfangen soll mit all den Gefühlen, erleichtert sie sich mit derbem Sarkasmus: «Gehts euch gut?», ruft sie dem Publikum in ihrer Heimatstadt zu, und: «Was mich betrifft, ich scheiss mir hier oben immer noch in die Hose.»
Das war am 22. September, und jetzt ist das Konzert auf DVD erschienen. Der Film ist das Dokument eines rasanten Aufstiegs und, zum Ende, eines rasenden Triumphs. Gerade auch, indem er die Unsicherheiten ins Licht rückt, die mit dem Aufstieg verbunden sind. Und er tut gut daran, denn das ist ja das, was diese Sängerin für ihr Publikum so attraktiv macht: Ihre Unsicherheit, ihr Drang, zu viel zu reden, und nicht zuletzt ihr fülliger Körper geben den Fans zu verstehen, dass es hier eine aus ihrer Mitte auf die grosse Bühne geschafft hat. Und zwar nicht bloss ins Finale einer weiteren kleinbürgerlichen Castingshow, sondern in die «Royal Albert fuckin’ Hall», wie es Adele am Anfang ihres Konzerts stolz formuliert.
«Bürgerliche Zweitausgabe» von Amy Winehouse
Adele Adkins ist ein Mensch und neuerdings auch ein Star mit Makeln. Kein durchdesignter Pop-Cyborg wie Lady Gaga oder Christina Aguilera. Aber auch nicht so kaputt wie Amy Winehouse, deren Verkaufszahlen sie in diesen Tagen übertroffen hat: Ihr «21», im Frühling erschienen, ist nicht nur das weltweit bestverkaufte Album des Jahres; sondern in England mit 3,5 Millionen verkauften Stück auch das erfolgreichste des 21. Jahrhunderts – vor «Back to Black» von Amy Winehouse. So könnte man sagen, Adele habe die im Sommer verstorbene Winehouse an der Spitze des britischen Soul abgelöst. Ja, eine «bürgerliche Zweitausgabe» wurde sie genannt.
Brennende Intensität
Die Andeutung ist nicht zu überhören: Die in Drogenexzesse verstrickte Winehouse sei die lebensechte Soulsängerin gewesen, Adele nur eine brave Kopie für Spiesser. Tatsächlich klingen ihre beiden Platten eine Spur zu glatt, zu perfekt aufs Kommerzradio gezielt. Die DVD aus der Royal Albert Hall korrigiert nun diesen Eindruck: Nicht nur, dass Adele an diesem Abend mit einer brennenden Intensität singt, die auch den Vergleich mit Dusty Springfield nicht scheuen muss, der noch immer massgebenden Soulstimme aus England. In langen Monologen zwischen den Songs bestätigt Adele zudem, was man höchstens geahnt hat: Mit ihr hat es eine Vertreterin der Arbeiterklasse an die Spitze der britischen Charts geschafft, wie man sie so authentisch kaum mehr vernommen hat seit den grossen, grossspurigen Tagen der Gebrüder Gallagher von Oasis.
Ihre Mutter war noch ein Teenager, als sie Adele Adkins im Mai 1988 zur Welt brachte. Der Vater war weg, die Mutter arbeitete in allen möglichen Jobs. Ständig zog der Kleinsthaushalt um; aber, sagt Adele, das habe sie stark gemacht, genauso wie die Musik von Alicia Keys oder Erykah Badu, die dazu erklang. Heute, nach ihrer Ausbildung zur Musikerin an der Brit School und zwei Alben auf dem Label von Radiohead, M.I.A. und Dizzee Rascal, diskutiert Adele in Interviews rauchend und trinkend ihre Richtlinien: «Ich singe. Ich tanze nicht, und ich schauspielere nicht.» Oder: «Ich mag keinen Sport. Ich mag Essen.»
Man könnte durchaus argumentieren, dass Amy Winehouse mit ihrer drogenverseuchten Karriere die spiessbürgerlichen Fantasien viel stärker angeregt hat, als dies Adele tut. Entscheidender aber ist, dass die beiden etwas gemeinsam haben, das sie von den postmodernen Popstars unserer Zeit abhebt: Im Widerspruch zur hyperkünstlichen Popintelligenz einer Lady Gaga machen sie auf ihren Platten etwas sensationell Altmodisches – sie schreiben ihre Autobiografie. Direkt und unverblümt, ob es nun um die Verweigerung einer Drogenkur geht oder um das Ende einer Liebe.
Soul war in den 60er-Jahren die Revolutionsmusik der afroamerikanischen Community. Fünfzig Jahre später beglaubigt seine Expressivität private europäische Miseren. Der Erfolg, den Amy Winehouse und Adele damit hatten und haben, mutet umso ironischer an, als die wirtschaftliche Misere kürzlich auch die Britinnen und Briten auf die Strasse getrieben hat. Und dazu soll «Someone Like You» also der Soundtrack sein? Dieser Hit, in dem Adele über ihren Ex singt und über seine Hochzeit mit einer anderen Frau? Nun, vielleicht ist dieses Lied auch nur der Soundtrack zum Leben jener Leute, die in der Krise noch genügend Geld haben, um für Musik zu bezahlen. Und gegen Liebeskummer hilft nun mal auch kein Bankencrash.
Es ist auf der DVD aus der Royal Albert Hall sehr gut zu sehen, warum Adele so erfolgreich ist: So jung sie ist, so frei von irgendwelchen Flausen sind ihre Lieder. Band und Orchester spielen wie auf Zehenspitzen, da drängt sich kein Ton zwischen die Stimme und die Liebesgeschichte vorne im Scheinwerferkegel. Und Adele singt von der Liebe und vom Schmerz mit einem heiligen Ernst, der unmittelbar einleuchtet. Aber sie singt auch mit einer mühelosen, fast lakonischen Klarheit, die ganz ohne die üblichen Koloraturen des Leidens auskommt. Ihre Trauer ist erträglich durch die Ruhe und die Gefasstheit der grossen Sängerin, die sie ist – und verwandelt sich so in Trost.
Abschied von Amy
Natürlich ist das Leben weitergegangen, seit Adele ihren Liebhaber verloren und die Lieder für «21» geschrieben hat (auch wenn sie sich auf der Bühne beeilt, mitzuteilen, sie sei nach wie vor Single). Aber es ist verblüffend, zu sehen und zu hören, wie wach die Gefühle sind, von denen sie in ihren raumgreifenden Balladen singt. Vergessen sind dann das Gekicher und die Zoten aus den Ansagen – zumindest bis Adele einen bebenden Song mit einer einzigen, kurzen Armbewegung anhält; nur, um Sekunden später ihren Freundinnen in den vordersten Reihen zuzuwinken (die natürlich sofort in Tränen ausbrechen).
Kurz vor Schluss kommts schliesslich zur Wachablösung. Adele erinnert an Amy Winehouse, und dann singt sie «Make You Feel My Love», einen Song von Bob Dylan – umglitzert von einem Himmel aus den leuchtenden Handybildschirmen der Fans. Was für ein trauriger, aber auch würdiger Abschied von einer Kollegin, die auch an zu viel Öffentlichkeit gestorben ist.
Adele: Live at the Royal Albert Hall (XL Recordings/Musikvertrieb). (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.12.2011, 08:13 Uhr
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3 Kommentare
^Aber sie singt auch mit einer mühelosen, fast lakonischen Klarheit, die ganz ohne die üblichen Koloraturen des Leidens auskommt. Ihre Trauer ist erträglich durch die Ruhe und die Gefasstheit der grossen Sängerin, die sie ist – und verwandelt sich so in Trost^ sie sagen es, ausnahmsweise. tagijournis, befreit euch! Antworten
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