Regenschauer und Beifallsstürme
Von Daniel Allenbach. Aktualisiert am 30.01.2012 2 Kommentare
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Spielt die Lucia: Die Italienerin Silvia Dalla Benetta. (Bild: http://www.silviadallabenetta.it/)
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Wenn die Oper beginnt, fühlt man sich beinahe wie einige Minuten zuvor vor dem Theater und in den letzten Tagen insgesamt. Es tropft, stetig, in fast jeder Szene und sogar während des Schlussapplauses. Zwar nicht im Zuschauerraum, doch in kurzen Intervallen ertönt ein leises und dennoch ziemlich penetrantes Plop-Geräusch, wenn Tropfen für Tropfen vom Theaterhimmel fällt und auf der Bühne auftrifft.
Man kann nur vermuten, dass dieser Wasserschaden am Stadttheater Bern den desaströsen Zustand der kriegsversehrten Schlösser und die meteorologische und die psychologische Situation im düsteren mittelalterlichen Schottland verdeutlichen soll, in dem die schauerliche Geschichte der Lucia di Lammermoor spielt. Doch statt Stimmung zu erzeugen, lenkt diese Berieselung ab, stört die spannungsvollen Pausen der Musik, und auch die durch das Getröpfel entstehenden Pfützen auf der Bühne werden eher zum Ort unfreiwilliger Komik als zu einem Element der düster-romantischen Atmosphäre, die dieser tragischen Geschichte angemessen wäre. Die Handlung selbst, von Donizetti und seinem Librettisten nach dem Schauerroman des schottischen Schriftstellers Walter Scott adaptiert, ist relativ rasch erzählt: Die junge Lucia verliebt sich in den Abkömmling einer verfeindeten Familie, wird von ihrem Bruder aber gezwungen, stattdessen eine Ehe mit einem politischen Verbündeten (leicht nasal: Giacomo Patti) einzugehen. Noch in der Hochzeitsnacht ersticht sie ihren Gatten, wird wahnsinnig und stirbt, worauf sich auch ihr Geliebter in sein Messer stürzt und sich im Tod mit ihr vereint.
Traditionelle Operngestik
Diese Ereignisse erzählt die Regie nun teilweise reichlich oberflächlich. Allzu oft sucht Kay Kuntze den Effekt und vergisst darob eine stringente und glaubwürdige Personenführung. Wenn sich etwa Lucia und ihr Geliebter Edgardo (mit kraftvollem Tenor: Hoyoon Chung) treffen, dominiert traditionelle Operngestik ohne inneres Feuer, und die ach so moderne Begattung wird zum peinlichen, weil seelenlosen Intermezzo, das mit der Entdeckung durch die wachende Vertraute (Hélène Couture) nichts gewinnt. Auch eine (missglückte) Geistererscheinung, die Ketten schwingenden Krieger (darunter Stjepan Franetovic als Normanno) oder die demonstrativ präsentierte Waffensammlung von Lucias Bruder Enrico (mit grandiosem Bariton und starkem Ausdruck: Robin Adams) wirken nicht nachhaltig.
Zum Finale eindrückliche Szenen
Andererseits gibt es zum Glück auch Gegenbeispiele. Da gelingen - insbesondere im letzten Akt - durchaus eindrückliche Bilder, etwa wenn nach der Pause Lucia und Edgardo parallel von ihren Gegenspielern aufgesucht werden und sich Enrico und Edgardo anschliessend auf unsicherem Grund stehend zum Duell verabreden, während Lucia hinter der Bühne ihren Gatten umbringt. Hier bewährt sich auch das wandlungsfähige, von rostigen Wandelementen, einer an Seilzügen beweglichen Ebene und viel Trockeneisnebel geprägte Bühnenbild von Duncan Hayler, das mit historisch beeinflussten Lederkostümen der Herren und weiten Umhängen der Damen sowie der Lichtgestaltung von Karl Morawec die weitgehend düstere Szenerie prägt.
Berner Symphonieorchester reüssiert
Ungleich überzeugender gelingt die musikalische Seite des Abends, was denn auch die nicht enden wollenden Beifallsstürme am Ende dieses Opernabends erklärt. So schafft das Berner Symphonieorchester im Graben die Stimmung, die man auf der Bühne teilweise so schmerzlich vermisst. Die Musikerinnen und Musiker unter Srboljub Dinic spielen packend auf und begleiten die Geschehnisse auf der Bühne sehr differenziert. Zudem findet Dinic in seinem Dirigat die richtige Mischung aus Vorwärtsstreben und spannungsvoller Zurückhaltung, nimmt das Orchester immer wieder zugunsten der Sänger zurück und sorgt für einen anregenden musikalischen Fluss.
Bemerkenswerte Wahnsinnsarie
In der Titelrolle gestaltet Silvia Dalla Benetta mit beeindruckender dynamischer Bandbreite eine eindrucksvolle Partie und vor allem eine bemerkenswerte Wahnsinnsarie: Begleitet von der szenisch präsenten Flötistin Sakura Kindynis und beobachtet vom entsetzten Chor (Einstudierung: Simon Rekers), feiert sie nach ihrem Gattenmord imaginär Hochzeit mit ihrem Geliebten. Mit entrückten Trillern und Koloraturen prägt sie das Bild einer Frau, die sich völlig von der Realität entfremdet hat und in ihrer eigenen Welt lebt. Nicht einmal der Priester (Carlos Esquivel) kann ihr mehr helfen, und wie es eine Begräbnisszene zu Beginn der Oper suggeriert hatte, wird auch Lucia di Lammermoor am Ende zu Grabe getragen.
Wenn nun nach diesen düsteren Vorgängen und der schönen Musik des Vielschreibers Donizetti fast alle Figuren gestorben sind und man das Theater verlässt, folgt die grosse Überraschung. Es tropft nicht mehr - nun fallen Flocken vom Himmel. (Der Bund)
Erstellt: 30.01.2012, 08:14 Uhr
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2 Kommentare
motz motz motz....
abgesehen davon, dass arturo und edgardo vom Kritiker wohl vertauscht wurden (wer war wohl nasal?), war diese Inszenierung sehr gut und die Stimmung umhauend (ja,es regnet die ganze zeit und das stört überhaupt nicht!). Ich gehe zwar nicht sehr oft in die Oper, hab mir vorgenommen nach dieser Aufführung ein bisschen mehr Treue dem Stadttheater gegenüber zu zeigen :-)
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Heute - mittlerweile mitten im Frühling und an der vorerst letzten Aufführung der Oper Lucia de Lammermoor am Stadttheater Bern, nervte in der Tat das Plop-Plop-Plop-Plop-Plob... des künstlichen Regens. Das ist etwa so, als wenn man am Geniessen eines hervorragenden Essens ist, die Riech- und Geschmackssinne stehen auf Empfang, und da fährt parallel der Bauer Jauche aus. Einfach nur schade! Antworten
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