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Der Opern-Triathlet

Von Anna Kardos. Aktualisiert am 28.12.2011

Als Kind wollte er Hammondorgel spielen. Mittlerweile ist der 50-jährige Italiener Paolo Carignani einer der gefragtesten Gastdirigenten für die italienische Oper – und entspannt sich mit Extremsport.

Einer der gefragtesten Gastdirigenten für die italienische Oper: Paolo Carignani.

Einer der gefragtesten Gastdirigenten für die italienische Oper: Paolo Carignani.
Bild: Keystone

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Wo bleiben die angegrauten Schläfen? Wo ist der weisse Künstlerschal, wo der Bauch, der von der italienischen Lebensfreude jenseits des Orchestergrabens erzählt? Und vor allem – wo bleibt die Allüre? «Wasser oder Orangensaft? Oder lieber Schweppes?», fragt der freundlich lachende Mann mit gesunder Gesichtsfarbe und athletischem Körperbau im Gastdirigentenzimmer des Opernhauses. Und bevor man antworten kann, ist er bereits bei der Zimmerbar angekommen: «Ich habe Tonic, Bitter Lemon und sogar Schweppes Orange im Angebot!»

Nein, wie einen typisch italienischen Opern-Maestro darf man sich Paolo Carignani wahrlich nicht vorstellen. Hat er sich dann aber hingesetzt und zu sprechen begonnen, tut er das gleichwohl sehr «italienisch» – gestikulierend greifen seine Hände in die Luft oder schneiden diese bei einem «Nein!» entschieden entzwei. Sie verdeutlichen, untermalen, zeichnen nach. Keine Frage: Das sind Dirigentenhände! Und irgendwann im Gespräch helfen sie dann auch miterzählen, wie alles angefangen hat, zu Beginn von Carignanis Musikerlaufbahn – nämlich mit einem Missverständnis.

«Bei uns zu Hause gab es weder Mozart noch Beethoven, sondern Popmusik», berichtet Carignani. «Nur meine Mutter hat hin und wieder die Ohrwürmer aus italienischen Opern gesungen.» Als Sohn Paolo in einem Mailänder Einkaufszentrum eine Hammondorgel entdeckt und begeistert darauf herumklimpert, meldet sie ihn kurzum für die Musikschule an. Das Instrument? Eine Orgel. «Meine Güte!», ruft Carignani und verwirft die Hände. «Als ich am ersten Unterrichtstag das Ungetüm mit den vielen Pfeifen entdeckte, musste ich erst leer schlucken. Ich wollte doch nicht auf dem Ding da spielen, sondern auf einer coolen, elektrischen Orgel.»

Der Auftritt an der Met

Dem geschickten Lehrer ist es zu verdanken, dass er doch noch auf den Geschmack kommt. Und nach dem Diplom beginnt der junge Musiker seine Karriere dann tatsächlich auf einer Empore statt im Orchestergraben. An Kirchenchören und zusammengewürfelten Ensembles feilt er jahrelang sein Dirigentenhandwerk. Eines, das sich sehen lassen kann: Farbig klingen die Bläser bei ihm, die Streicher sprühend, alles wirkt quicklebendig. Und so ergibt das eine das andere. Inzwischen gestaltet der Italiener nicht mehr die katholische Liturgie musikalisch, sondern prägt das Bühnengeschehen an grossen Opernhäusern: in Bologna, Wien, München oder Zürich – und diesen November sogar an der New Yorker Met.

Doch der Pragmatismus, den vielleicht nur kennt, wer sein Handwerk ausserhalb des samtüberzogenen «Schatzkästleins» ehrwürdiger Akademien entwickelt hat, der ist ihm geblieben. «Es kommt vor, dass in der Partitur ein Dreivierteltakt steht, der Solist aber partout Vierviertel singt», so Carignani. «Dann versuche ich nicht metronomisch Schläge zu zählen, sondern die ganze Phrase zu sehen. Und irgendwo holen wir das Viertel schon wieder rein.» Er zwinkert mit entwaffnender Ehrlichkeit. Vielleicht ist es das Glück, vielleicht auch das besondere Talent des 50-Jährigen, dass er seine künstlerischen Konzepte der Realität unterwirft – und so aus vorgefundenen Bedingungen das Beste herausholt.

Doch auch eine für den Klassikmarkt untypische Gelassenheit in Bezug auf die Karriere unterscheidet diesen Dirigenten von den meisten seiner Kollegen. «Ich liebe die Musik. Aber als meine Gedanken irgendwann nur noch darum kreisten, wo etwas zu hoch, zu tief oder nicht zusammen war, musste ich etwas ändern. Ich fing an Sport zu machen.» Er lief, er fuhr mit dem Mountainbike herum, heute schwimmt er täglich – und schafft locker einen ganzen Triathlon. Locker? «Ja! Sport ist mein Hobby, nicht meine Arbeit. Da mache ich nur, was mir guttut. Auf 2000 Meter Höhe, vom Mountainbike aus betrachtet, verliert selbst das grösste Opernhaus an Bedeutung.»

Man kennt ihn vom Fernsehen

Obwohl Paolo Carignani regelmässig in Zürich dirigiert, ist er dem Schweizer Publikum eher aus dem Fernsehen bekannt, wo er 2008 die «Traviata im Hauptbahnhof» geleitet hat; der musikalische Grossevent, eine Co-Produktion von Schweizer Fernsehen, Arte, SBB und dem Zürcher Opernhaus, lockte 577 000 Zuschauer vor die Bildschirme. Muss Oper heute auch Unterhaltung sein? «Die Werke selbst sind lebendig. Aber die Inszenierungen sind oft zu museal», findet Carignani. «Oft sieht es auf der Bühne so aus: linker Arm raus – ‹la donna e mobile›, rechter Arm raus – ‹la donna e mobile›. Und die Zuschauer fragen sich zu Recht: Was hat das mit mir zu tun?» Da helfe diese Art Event, um zu zeigen, was Oper alles sein könne. Und dass Carignani für gutes Regietheater bereit ist, ein Stück weit vom musikalischen Konzept abzuweichen, überrascht deshalb nicht wirklich.

Doch auch hinsichtlich des Repertoires hat die Oper eigene Gesetze. Als Italiener ist Carignani weltweit abonniert für die italienische Oper. Würde er nicht gern mehr deutsche oder französische Werke dirigieren? Er lacht: «Das ist nun mal der Markt. Die Intendanten denken: Er ist Italiener, warum sollen wir mit ihm Wagner machen, wenn wir auch ‹Bohème› oder ‹Trovatore› machen können? Aber das Leben hätte viel schlimmer sein können!» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2011, 15:08 Uhr


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