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Madonna reiste nach Venedig, aber dort sprachen alle von Polanski

Von Simone Meier. Aktualisiert am 02.09.2011 1 Kommentar

Gestern zeigten die regieführende Pop-Queen und der Regisseur am Filmfestival ihre neuen Filme.

Das Ehepaar Alan (Christoph Waltz) und Nancy Cowan (Kate Winslet) in Roman Polanskis «Carnage».

Das Ehepaar Alan (Christoph Waltz) und Nancy Cowan (Kate Winslet) in Roman Polanskis «Carnage».

«Carnage» – Trailer

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Heiraten oder heiraten wollen sollte man wirklich nicht. Dies zeigte der zweite Tag am Lido von Venedig sehr schön. Alles geht dann schief. Es fallen deshalb Könige, es verbiegen sich Männer, und Frauen werden misshandelt, bis das Blut rot über die weissen Badezimmerfliesen fliesst.

Doch zunächst zu den kleineren Eheproblemen. Denen von vergleichsweise normalen Leuten. Von den beiden bemüht bürgerlichen Ehepaaren nämlich, die sich in «Carnage» an die Gurgel gehen. In Roman Polanskis Film nach dem Stück von Yasmina Reza also, das am Zürcher Schauspielhaus 2006 unter dem Titel «Der Gott des Gemetzels» als die «heitere Sensation» («Der Spiegel») der Saison gefeiert wurde. Es treffen da in Brooklyn (gedreht wurde in Paris) die Longstreets auf die Cowans, weil der Sohn der Cowans dem Sohn der Longstreets ein paar Zähne ausgeschlagen hat, was für die Kinder kein, aber für die Erwachsenen ein riesengrosses Problem ist. Es scheint an diesen Zähnen der Weltfrieden, die politische Korrektheit und überhaupt jegliche Art von zivilisiertem Umgang zu hängen, und zwar nicht nur zwischen den Menschen, sondern auch noch zwischen Mensch und Tier.

Denn Michael Longstreet (John C. Reilly), der unter anderem Klospülungen verkauft, hat eine Nagetierphobie, weshalb er den Hamster seiner Tochter ausgesetzt hat, was bei der Investment Bankerin Nancy Cowan (Kate Winslet) zu grossen seelischen Erschütterungen führt und gewiss auch dazu beiträgt, dass sie sich auf die raren Kunstbücher von Penelope Longstreet (Jodie Foster) übergibt, einer verhärmten Buchhändlerin und Afrikafanatikerin. Nur einer bleibt lange kühl und sehr fies, nämlich der Anwalt Alan Cowan (Christoph Waltz). Es kommt da Waltz seine Erfahrung als gepflegter Nazi in Tarantinos «Inglourious Basterds» zugute, aber nur, bis Alans Handy in der Tulpenvase landet.

Gemeines Kammerspiel

«Der Gott des Gemetzels» ist grosses, raffiniertes Boulevardtheater, das genüsslich Weltansichten und Eheglücke filetiert. Polanski, der wie Jodie Foster nicht nach Venedig reiste, hat für «Carnage» denn auch geprobt wie für ein Theater. «Wir mussten das ganze Skript auswendig können», sagt Kate Winslet, «das gibt es sonst im Film nie, nur auf der Bühne.» Polanski hat auch ganz klassisch die theatrale aristotelische Einheit von Ort, Zeit und Handlung eingehalten: 80 Minuten dauert der Film, und 80 Minuten lang versuchen die Cowans vergebens, sich von den Longstreets loszureissen; Schauplatz ist eine einzige Wohnung, und die vier Rampensäue gehen sich in der Enge ganz grässlich auf die Nerven und stürzen das Publikum von einem Heiterkeitsschub in den nächsten. «Carnage» ist, wie es zu erwarten war, ein Kammerspiel und mag im Werk von Roman Polanski eine Fussnote bleiben, aber es ist ein tolles Kammerspiel geworden: gut, gemein und sehr, sehr lustig.

Die Sache mit dem Blut passierte dann bei Madonna. Also in ihrem Regiezweitling «W. E.», der zum Glück nicht im Wettbewerb ist, weil es dort ja keine Kategorie namens «Überflüssige Eitelkeiten» gibt. Selten dauerten 110 Minuten länger. Vor drei Jahren hatte Madonna an der Berlinale ihre erste Regiekostprobe «Filth and Wisdom» präsentiert, eine kleine, aber durchaus charmante Skizze über die Kreaturen der Londoner Subkultur. In «W. E.» greift sie nun nach Englands royalen Sternen, nämlich nach der Geschichte von Edward VIII (James D’Arcy), der für eine Ehe mit der zweifach geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson (Andrea Riseborough) auf den Thron verzichtete.

Quergeschnitten wird das historische Drama um eine Frau – die in erster Ehe mit einem schlimmen Schläger verheiratet war, in zweiter mit einem anständigen und in dritter schliesslich mit einem rückgratlosen Mann, der mit Hitler dinierte – mit einer Geschichte von heute. Mit der unglücklichen Arztgattin Wally Winthrop (Abbie Cornish) aus New York nämlich. Diese ist ein seltenes «Beeri», das nichts zu tun hat, ausser gut angezogen durch das Auktionshaus von Sotheby’s zu streifen und sich an den Hinterlassenschaften von Wallis Simpson zu ergötzen. Es wird in «W. E.» entsprechend die Schönheit teurer Dinge abgefeiert, das Ballkleid zelebriert und die Zigarettendose, der historische Handschuh und das massgeschneiderte Kostüm.

Am Anfang ist das schön, es liegt ein gläserner, hübsch distanzierter Hauch von Künstlichkeit über den Bildern, mehr Stil und Stilisierung geht gar nicht. Aber etwas anderes wäre auch nicht Madonna, die Frau, die Jahrzehnte damit verbracht hat, der Welt angestrengt ein durchgestyltes Image ums andere zu liefern. Dann wird es langweilig. Und noch langweiliger. Und dann ist der Film immer noch lange nicht zu Ende. Wie einst Wallis wird irgendwann auch Wally von ihrem Gatten halb totgeprügelt und verliebt sich flugs in einen russischen Security Guard, der natürlich ein intellektueller Pianovirtuose ist, aber das macht den Film auch nicht besser. Eine hübsche Szene gibt es: Der König führt in seinem Privatclub reichen Freunden einen Film vor. Alle schlafen ein. Er gibt ihnen ein Benzedrin in den Champagner, und da geht die Party aber ab. Man hat sich die Droge während «W. E.» bitterlich herbeigesehnt.

Madonnas spirituelle Trips

Kurz nach der Vorführung erschien Madonna lichtblond, in einem schwarzen Sonntagsschülerinnen-Kleid mit weissem Kragen und glitzerndem Kreuz um den Hals zu einer Pressekonferenz. Ihre ursprüngliche Absicht, so sagte sie, sei es gewesen, herauszufinden, weshalb ein König für eine Frau auf seinen Thron verzichtet habe. Aha. Und wie war es eigentlich für die Schauspieler, bei den Dreharbeiten mit Madonnas spirituellen Trips zurechtzukommen? «Als sie am ersten Drehtag Tambourins an uns verteilte, waren wir etwas verwirrt», scherzt James D’Arcy, was Madonna nicht sehr lustig findet. «Aber», kriegt D’Arcy gerade noch die Kurve, «sie hat eine starke Vision, ist eine klare Kommunikatorin und eine sehr gute Mutter.» Und? Macht eine gute Mutter einen guten Film? Und was genau war jetzt die starke Vision? «Eine Welt aus Luxus, Schönheit und Dekadenz zu kreieren», sagt Madonna. Echt?

Für gestern Abend hatte sich die Überdiva dann die ganze Harry’s Bar reserviert. Also die überschätzteste, verstaubteste, überteuertste Bar von Venedig. Sie wollte dort wie eine gute Mutter mit ihrer Tochter Lourdes in Ruhe essen gehen. Man muss das verstehen. Und was sagte Madonna auf die Frage «Wären Sie bereit, Ihren eigenen Thron für einen Mann oder eine Frau aufzugeben?»? – «Ach, ich denke, ich kann beides haben. Oder alle drei.» Wahrscheinlich schon. Einen guten Film gemacht hat sie trotzdem nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2011, 07:45 Uhr

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1 Kommentar

Thomas Läubli

04.09.2011, 17:51 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Wenn Madonna so langweilig ist, wieso darüber einen halben Roman schreiben? Antworten




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