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TV-Kritik: Wenn der Krimi psycho wird

Von Linus Schöpfer. Aktualisiert am 23.01.2012 60 Kommentare

Der gestrige «Tatort» verblüffte mit einer radikalen Horror-Ästhetik, die die Handlung in den Hintergrund rückte. Ein berühmter Meister des Surrealen stand dabei Pate.

1/8 Schwierige Ermittlung: Die entführten Mädchen, hier Barbara Romers, sind schwer traumatisiert.
ARD

   

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Kritik, Rating, Diskussion

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«Tatort»-Folge: «Verschleppt»

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Eigentlich enthielt «Verschleppt» ja durchaus die üblichen Ingredienzen. Rasch war ein Hauptverdächtiger ausgemacht, der dann, natürlich, doch nicht der Täter war. Eine anfängliche Nebensächlichkeit – diesmal wars ein verschütteter Regionalzug – wurde plötzlich zum wichtigen Bestandteil der Aufklärungskette. Und früh wurde das obligate sozialkritische Thema des jüngsten Saarbrückner «Tatorts», der gesellschaftliche Umgang mit Pädophilen, präsentiert und von Kommissar Deininger und Psychologe Dr. Vogeler dialektisch-gründlich ausdiskutiert.

Die erzählte Geschichte an sich war zwar gewagt, aber nicht komplett überraschend; sie handelte von der Fahndung nach einer Gruppe junger Mädchen, die von einem psychopathischen Ingenieur in einem ausgeklügelten Keller- und Tunnelsystem gefangen gehalten wurden. Dass die grausige Geschichte des Wieners Josef Fritzl den Filmemachern als Vorlage diente, erscheint naheliegend.

Horror dominierte Krimi

Dass «Verschleppt» zu einem der ungewöhnlichsten «Tatorte» gezählt werden muss, lag also weniger an der Handlung als an der wohldurchdachten Gruselästhetik des Films.

Was mutete Regisseur Hannu Salonen der sonntäglichen «Tatort»-Gemeinde mit seinen Folter-Katakomben nicht alles zu! Dünne bleiche Arme, deren Haut zerkratzt und zerschabt wurden. Drahtfesseln, die die Mädchen wie Marionetten durch die Gänge lenkten. Ausgelaugte ausgezehrte Körper, denen grausam das Nötigste vorenthalten wird. Obskures Licht, metallene Schritte, hallendes Nazi-Gebelle ab Kassette. Zu dem kamen noch irritierende, an György Ligeti («A Space Odyssey») gemahnende Soundfetzen, die die nokturnen Szenen untermalten.

Dadurch liess Salonen seine Zuschauer ein Unbehagen spüren, dem gegenüber die ärgste Ballerei und das wildeste Gemetzel wie Kinderkram gewirkt hätten (während der gesamten Folge fiel kein einziger Schuss), und manch einer wird sich wohl gefragt haben, warum er sich das überhaupt antat. Dieser Saarbrückner «Tatort» war gleichsam eine filmgewordene Psychose, und er blieb beklemmend bis ganz zum Schluss.

Triers «Geister» liessen grüssen

Sollte jemand Pate gestanden haben für diesen so grauenvollen wie amibitionierten Streifen, so kommt wohl nur einer in Frage: der dänische Meisterregisseur Lars von Trier. Ihn, und zumal seine Mini-Serie «Geister», imitierte Salonen en détail. Ob Kameraführung, Schnitt oder Farbgebung, ob Traumsequenzen, Zombiemädchen oder Spitalszenen – all dies erinnerte an die legendären «Geister»-Episoden.

Als Freund des brutalen Horrors reizte Salonen die Grenzen der «Tatort»-Serie konsequent und radikal aus. Diese Chuzpe verdient Anerkennung. Ob allerdings der gemeine Krimigucker so etwas am Sonntagabend sehen will – das ist wiederum eine ganz andere Frage.

Wie gefiel Ihnen der Horror-«Tatort»? Meinungen bitte unten eintragen! (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.01.2012, 09:57 Uhr

52

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60 Kommentare

Liselotte Weber

23.01.2012, 10:14 Uhr
Melden 40 Empfehlung

Ob der gemeine Krimigucker so etwas am Sonntagabend sehen will – das wiederum ist eine ganz andere Frage. - ich auf jeden Fall! Der gestrige Tatort war für mich ein absoluter Höhepunkt. Schon lange hatte ich nicht mehr soviel Spannung erlebt,, allerdings hat mich meine Spürnase ganz schön im Stich gelassen. Ich hatte einen ganz anderen Täter im Blickfeld! Bitte noch mehr von diesen Tatorten Antworten


Wolfgang Jenne

23.01.2012, 11:26 Uhr
Melden 35 Empfehlung

Das war einer der besten Tatorte die ich gesehen habe. Er hebt sich wohltuend ab vom CSI Einheitsbrei den man vorgesetzt bekommt. Antworten




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