TV-Kritik: Der grösste Schmuggler ist ein Schweizer Banker
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 30.01.2012 49 Kommentare
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«Tatort»-Folge: «Schmuggler»
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Gibt es denn eigentlich noch ehrliche Orte mit ehrlichen Menschen auf dieser Welt? Falls ja, ist dieser Ort bestimmt nicht in der Nähe einer Zollstation zu finden. Hier werden täglich Tausende von Euros über die Grenze geschafft, um sie auf eine Schweizer Bank zu bringen, andere schmuggeln Drogen oder andere heisse Waren, manche auch einfach nur die zollpflichtigen Wochenendeinkäufe aus Deutschland. Ein glaubwürdiges Milieu, mit dem sich die «Tatort»-Folge «Schmuggler» befasst.
Da schlurft ein netter Senior vorbei, dessen Spazierstock sich bei genauerem Hinsehen als handlicher Geldtransporter entpuppt. Später versucht ein älteres Pärchen, die Zollbeamten auszutricksen, indem es mit einer ausgehöhlten Bibel voller Geldscheine die Grenze passieren will. «Deutsche Anleger verstecken in der Schweiz laut Schätzungen 175 Milliarden Euro vor dem Fiskus. Das ist ein Wahnsinnsgeschäft für die Schweizer Banken», hat der Kommissar Perlmann für die «Tatort»-Zuschauer recherchiert.
Spürhund will Geld statt Drogen
Eine Zollstation scheint der ideale Ort für einen «Tatort» zu sein. Das erschossene Mordopfer war Zollbeamter, ausgerechnet der korrekteste von allen. So fand der Vorzeigebeamte Drogen in Autos, die selbst dem Spürhund namens Money entgangen waren. Aber Money interessiert sich nur für den Geruch des Geldes – wie scheinbar alle anderen im gestrigen «Tatort» auch. Auf der Polizeistation stehen Sparmassnahmen an, eine alleinerziehende Zollbeamtin kämpft gegen Schuldenberge und wird erpresst, der Oberzollbeamte lässt sich schmieren, um im richtigen Moment beide Augen zuzudrücken, wenn einer der ganz grossen Schmuggler über die Grenze will.
Je länger die Folge dauert, desto mehr Haupt- und Nebendarsteller sind auf irgendeine Weise in irgendein Delikt verwickelt, was zu einer etwas gar grossen Dichte von Kriminellen für eine einzelne Zollstation am Bodensee führt. Der dreisteste Schmuggler von allen ist ein Schweizer Banker. Dieser stolpert nicht nur über seinen übertriebenen Schweizer Akzent, sondern auch über diverse Klischees: Zum dubiosen Geschäftsabschluss gibt es Schweizer Schokolade, und fast in jeder Szene muss er den schweizerischen Sauberkeitsfimmel zur Schau stellen. Beim Polizeiverhör sagt er: «Wird hier eigentlich nie geputzt?» In der Zelle verlangt er als Erstes «einen Eimer mit Wasser, ein Putzmittel und einen Schrubber», und am Ende rückt er nur dann vom vehement verteidigten Bankgeheimnis ab, als man ihm mit einer weiteren Nacht in einer noch dreckigeren Zelle droht.
Zu viel Klamauk, zu viele Straftaten
Es war alles ein wenig zu viel im gestrigen «Tatort». Schade um das interessante Milieu der grösseren und kleineren Schmugglereien, Gefälligkeiten und Erpressungen, das Hin- und Hergerissensein zwischen Moral und Verlockung, das jeder von uns irgendwie kennt. Die Macher gaben sich alle Mühe, den wahren Mörder bis zum Ende geheim zu halten, was ihnen zwar gelang, jedoch nur dank weiteren, teils überflüssigen Handlungssträngen. Ansonsten plätscherte die «Tatort»-Folge mehrheitlich ruhig vor sich hin, in der jeder Zeit für einen Kaffee, ein Nachtessen oder einen Blick auf den nebelverhangenen Bodensee zu haben schien. Bloss kurz vor Ende bauten die Macher einen überraschenden Showdown mit Geiselnahme ein.
Auch bei den Witzen mit Dorfschwankniveau hätten die Macher sparsamer sein dürfen. Von der Hausdurchsuchung in der Wohnung des Opfers brachte Kommissar Perlmann einen BH mit, den Kollegin Blum sogleich an ihre um einiges fülligere Oberweite hielt. Später dann folgender Dialog zwischen Kommissar Perlmann und einer Zeugin: «Können Sie sich an den Namen der Dame erinnern?» – «Spatz.» – «Frau Spatz?» – «Sie hätte auch Häschen, Mäuschen oder Muschi heissen können.» – «Muschi, verstehe.»
Kurz darauf war die geheimnisvolle Freundin und wahre Besitzerin des BH ermittelt: «Ich habe geahnt, dass sie seine Freundin war. Ausserdem trägt sie Grösse 38.» (Wichtiger Hinweis an alle männlichen Drehbuchautoren: Es gibt keine BH in Grösse 38!) Und am Ende begrapschten sich die beiden Kommissare und die Assistentin gegenseitig im Dunkeln der Polizeistation (Folgen der Sparmassnahmen). «Das war meine Bluse, Herr Perlmann», sagte Frau Blum. «Und das war jetzt meine Bluse, Herr Perlmann», sagte die neue Assistentin. «Und das war meine Waffe, Frau Blum», sagte Kommissar Perlmann. «Wie? Das ist Ihre Waffe?» Unnötig, dieses alberne Ende. Dabei hätten es die Macher doch bei der Tragik des Mordopfers, des Täters und der spannenden Frage nach der Moral belassen können.
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Erstellt: 30.01.2012, 10:12 Uhr
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49 Kommentare
Warum sind wir Schweizer(innen) stets so schnell beleidigt und orten überall Klischees über unser Land? Ich fand den gestrigen "Tatort" ganz amüsant. Über die Putzwut des "sauberen" Schweizer Bankers musste ich schmunzeln. Warum wird nicht erwähnt, dass zwei Frauenrollen hervorragend besetzt waren, die der Ersatzsekretärin und ganz besonders die der Zöllnerin? Antworten
Der Kommentartor hat wohl lieber die düsteren und grauenvollen norddeutschen Kindlimörder-Episoden?! Ich fand den Tatort gestern prima: spannend, leichtfüssig und der CH-Banker war obercool mit seinem gelangweilten Schlafzimmerblick! Antworten
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