«Das Aus kann 1000 Gründe haben»
Von Jürg Spielmann. Aktualisiert am 09.11.2010 6 Kommentare
Ihre «Kampf der Chöre»-Bilanz in Kurzform bitte.
Sandee: Das Hauptziel ist erreicht: Ich bin mit meinem Chor nicht als erste ausgeschieden.
Wie haben Sie nach dem Aus in Runde drei geschlafen?
Sehr, sehr gut. Auf einen Schlag ging eine intensive Zeit zu Ende. Ich habe während der letzten fünf Wochen fast rund um die Uhr für die Chorsendung gearbeitet. Auch für meine 20 Sänger war es sehr anstrengend. Mit dem Aus kam die Erschöpfung. Nach den zwei ersten Sendungen übten wir bereits auf der Heimfahrt im Car für unseren nächsten Auftritt. Diesmal sind beinahe alle eingeschlafen – die Anspannung war weg.
Die entlud sich bereits auf der Showbühne, wo die ersten Tränen flossen. Galt es viele zu trocknen?
Ja. Es sind viele Tränen geflossen. Wir hatten in unserem Chor ein ganz spezielles Verhältnis und kamen sehr schnell in diesen Family-Groove. Das Ausscheiden tut dann doppelt weh. Auch hinter der Bühne spielten sich ergreifende Szenen ab, unser Ausscheiden wurde allseits und ehrlich bedauert. Ein Sänger aus dem Chor Noemi Nadelmanns – der Mann ist 50 Jahre alt – nahm mich in den Arm und weinte los.
Gabs auch aus der Öffentlichkeit erste Rückmeldungen?
Ich wurde mit solchen überhäuft. Nach der Sendung hatte ich bereits 27 Kurzmitteilungen auf dem Handy, am Morgen waren 137 neue Nachrichten auf meiner Mailbox. Die Reaktionen sind Aufsteller und Trost.
Zu wenig TV-Zuschauer voteten am späten Sonntag für Ihre Berner Truppe. Was glauben Sie, weshalb hat es nicht gereicht?
Ach, das ist schwierig zu sagen. «Mercy» war ein anspruchsvoller Song, den wir fast in einer Acappella-Version sangen. Damit habe ich meinem Chor viel abverlangt. Die Soundbedingungen auf der Bühne waren nicht einfach. Vielleicht haben die uns in der missglückten ersten Strophe ein Bein gestellt. Das soll aber keine Ausrede sein; die Voraussetzungen waren für sämtliche Chöre ähnlich oder gleich. Unser Ausscheiden kann 1000 Gründe haben.
Nennen Sie uns zwei...
...wer weiss: Vielleicht erwartete das Publikum von uns wieder einen Mundartsong. Und möglich ist auch, dass das, was ich zum gewählten Gotthard-Song von Padi Bernhard gesagt habe, nicht gut angekommen ist.
Sie fanden, die Zeit sei nur einen Monat nach Steve Lees Unfalltod nicht reif, um dessen Überballade «Heaven» zu singen. Waren Sie mit dieser Aussage einfach zu ehrlich für das Showbusiness?
Nein, das ist meine Meinung. Werde ich nach der gefragt, äussere ich sie auch. Etwas anderes ginge für mich nicht. Die Wahl des Songs gab auch bei anderen Chorleitern zu reden. Ich wurde in der Sendung halt mit dieser Frage konfrontiert
Ist das etwas, das im Zusammenhang mit dem Abenteuer «Kampf der Chöre» negativ in Erinnerung bleiben wird? Nein, das nicht gerade. Doch die Wahl dieses Songs hat für mich einen schalen Beigeschmack: Geht es um den Song und eine Hommage an einen grossen Sänger oder nur darum, die Tränendrüsen der Zuschauer zu aktivieren, um Stimmen zu holen? Ich will Padi Bernhard diesbezüglich aber nichts unterstellen. Ich hätte «Heaven», die Ballade von Gotthard schlechthin, nicht ausgewählt. Doch jeder darf seine Meinung haben. Ich verurteile auch niemanden, der das eine coole Idee fand.
Was wird nach den drei Sendungen in guter Erinnerung bleiben?
Das Erlebnis als Ganzes. Es hat über fünf Wochen hinweg menschlich wahnsinnig gut gepasst – und das über die einzelnen Chorgrenzen hinaus. Es war kein Konkurrenz-Getue spürbar. 95 Prozent aller Teilnehmer genossen einfach eine gemeinsame gute Zeit.
Mit wem genoss es der Berner Sandee-Chor im Speziellen?
Wir verstanden uns sehr gut mit Gustav und seinen Freiburgern sowie mit dem Chor von Noemi Nadelmann. Die Nacht vor unserer letzten Sendung verbrachten wir mit Gustav und dessen Leuten an der Bar im Hotel, wo mein Chor untergebracht war. Es hatte dort fünf Gitarren, wir haben bis in die frühen Morgenstunden zusammen gesungen. Rückblickend war dies ein schöner Abschiedsabend.
Apropos Abschied. Werden Sie Ihre 20 Sängerinnen und Sänger weiterhin treffen?
Ja klar! Am Dienstag treffen wir uns in unserem Probelokal im Thuner Kirchgemeindehaus. Wir werden zudem schön Essen gehen und planen gar, zusammen nach Venedig zu fahren. Bezahlen wir «dä Seich haut säuber» (eine Reise nach Venedig winkt dem Gewinner-Chor der TV-Show, Anm. der Red.).
Und? Wird es auch gemeinsame Auftritte geben?
Wir haben zwei, drei Anfragen für einen Chorauftritt erhalten. Die werden noch geprüft.
Kann sich für die Sänger dank der TV-Präsenz ein Türchen zum Musikgeschäft auftun?
Ich habe heute morgen schon zwei Anfragen von Bands erhalten, die Sänger aus meinem Chor für den Background-Gesang verpflichten möchten. Es hat wirklich sackstarke Stimmen in meinem Team. Da wäre es geradezu ein Jammer, würden sie nicht weitersingen.
Und wie geht es für Sandee alias Sandra Moser weiter?
Nächsten Sonntag habe ich bei «Kampf der Chöre» meinen Soloauftritt als Künstlerin. Dann werde ich wieder «gah bügle» und viel Musik machen – ohne Plan und Ziel. Ich lasse mich treiben, gönne mir eine kreative Pause. Mein fünftes Sandee-Album ist nicht für 2011 geplant. Ich habe noch Anderes vor, mal sehen.
(Thuner Tagblatt)
Erstellt: 09.11.2010, 10:18 Uhr
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