Rhetorik-Serie (3): Das erotische Kapital und die Politik
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 18.11.2010 30 Kommentare
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Rhetorik gehört zum Handwerk von Politikerinnen und Politikern. Rhetorische Brillianz macht Redner gross, stand von jeher aber auch im Verdacht, die Zuhörer zu manipulieren. In einer Serie beschäftigt sich Tagesanzeiger.ch/Newsnetz mit Rhetorik und fragt, wer der grösste Rhetor unter den Schweizer Politikern ist.
Umfrage
Unabhängig der politischen Gesinnung, welchen Schweizer Politiker erachten Sie als den besten Redner und Debattierer?
Moritz Leuenberger
Christoph Blocher
Doris Leuthard
Karin Keller-Sutter
Alexander Tschäppät
Bastien Girod
Simonetta Sommaruga
Christoph Mörgeli
Cédric Wermuth
Filippo Leutenegger
6170 Stimmen
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Stichworte
Politik hat ein schlechtes Image. Sie gilt als verlogen und Politiker stehen oft unter dem Verdacht der Rattenfängerei, die mit ihrer Rhetorik allen etwas vormachen. So tönte es gestern auch in den Kommentaren zum Rhetorik-Artikel. Überzeugungskraft sei kein Qualitätsmerkmal, sondern gefährlich, hiess es. Rhetorisch begabte Politiker hantierten mit «Schwertern, die in Watte gehüllt sind». Tatsächlich sind diese Vorwürfe so alt wie die Rhetorik selbst – und zeigen zugleich, dass auch Rhetorikkritiker nicht ohne Rhetorik auskommen. Immer schon stand die Redekunst im Verdacht, unredlich zu sein, die schwächere Sache als stärkere darzustellen und denen, die sie beherrschen, durch Täuschung zu Macht zu verhelfen. Entwickelt haben die Kunst der Überredung die Sophisten im spätantiken Griechenland, und Sophist bedeutet bis heute so viel wie Wortverdreher und Volksverführer.
Philosophie lässt sich vortäuschen. Redekunst nicht
Das kommt nicht von ungefähr, wie ein kleiner Blick ins politische Geschehen nahelegt. Der Beruf eines Politikers beinhaltet im Wesentlichen, andere zu repräsentieren und dabei gleichzeitig persönliche Ziele zu verfolgen. Dazu muss man andere für sich einzunehmen wissen, ihnen vermitteln, dass man ihre Interessen am besten vertreten kann – und tut gut daran, die persönliche Motivation hinreichend zu verschleiern. Genau dies, die Kunst zu überreden, schön zu reden, andere von den eigenen Ansichten zu überzeugen, war von jeher der Zweck der Rhetorik.
Gegen die skrupellose Verdrehung der Wahrheit brachte sich als Erster der Philosoph Plato in Stellung. Er bemängelte den fehlenden wissenschaftlichen Charakter der Rhetorik, bei der es eben nicht um das Gute und Gerechte gehe, sondern nur darum, dem grossen Haufen nach dem Maul zu reden. Nach Platos Vorstellung aber sollte die Rhetorik mit all ihrer Macht, das Publikum zu beeinflussen, in den Dienst der Wahrheit gestellt werden. Weil die Redekunst letztlich auch Seelenführung der Zuhörer sei, erfordere sie auch ein pädagogisches Ethos. Rhetorik ohne Philosophie sei wertlos. Oder eben Rattenfängerei.
Doch damals wie heute gibt es ein entscheidendes Problem bei aller Rhetorikkritik. Genauso, wie man nicht nicht-kommunizieren kann, ist Rhetorik immer dann im Spiel, wenn sich jemand mitteilt. Wer sie beherrscht, erhöht ganz einfach seine Chance, auch gehört zu werden. Ein weiteres Problem erkannte der römische Rhetoriker Quintilian: «Philosophie kann man simulieren. Redekunst nicht.»
Blend-Effekte
Und so berufen sich grosse Redner von Barack Obama bis Christoph Blocher auf dieselbe Rhetorik, die Platons Schüler Aristoteles systematisierte und die die grossen römischen Redner wie Cicero und Quintilian perfektionierten. Von ihnen kann man bis heute lernen, wie man eine überzeugende Rede konzipiert, wie man die richtigen Argumente findet und sie überzeugend anordnet. Danach folgt die sprachliche Ausgestaltung und schliesslich das Auswendiglernen der Rede und ihr mündlicher Vortrag – wobei es heute natürlich zu jedem einzelnen Punkt ausführliche Literatur gibt.
Besonders Letzteres, also die Präsentation ist in der medialen Informationsgesellschaft, die den Rednern immer weniger Zeit und Raum für Argumente zur Verfügung stellt, zunehmend wichtiger. Wo das Verbale an Boden verliert, gewinnt nämlich die nonverbale Kommunikation an Bedeutung – also die stimmlichen, mimischen und gestischen Mittel, Haltung und Blick des Redners, seine persönliche Präsenz und seine Körpersprache. Darunter fallen auch die sogenannten Blend-Effekte. Wenn beispielsweise Micheline Calmy-Rey sich für ihren Besuch in Teheran mit einem Kopftuch schmückt oder Ueli Maurer sich in Jerusalem ein Käppi überzieht, dann würde mit diesen Accessoires von den Inhalten abgelenkt, sagt Rhetorikexperte Klaus J. Stöhlker. Doch wer dauerhaft erfolgreich sein wolle, müsse die Regeln kennen – Blend-Effekte wirkten nur kurzfristig, so der Experte.
Das erotische Kapital
In eine ähnliche Richtung geht das sogenannte «Erotic Capital», das momentan ein grosses Thema in der politischen Rhetorik ist. Geprägt hat den Begriff die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Catherine Hakim. Sie beschreibt es als «schwer greifbare Mischung aus Sexappeal, äusserer Schönheit und sozialer Attraktivität. Wesentlich ist, dass das erotische Kapital nicht einfach mit angeborener Schönheit gleichgesetzt wird, vielmehr handelt es sich um eine Art «Ausstrahlung», eine schwer fassbare Qualität, die sich nicht über Geschlecht, Alter oder konventionelle Schönheit definiert. Vielmehr geht es dabei um die soziale Präsentation, die über Kleidung und Stil funktioniert. Vom erotischen Kapital lebt zum Beispiel eine Politikerin wie Doris Leuthard, so Stöhlker. So bestehe beispielsweise grosse Ähnlichkeit zwischen Leuthard und Evelyne Widmer-Schlumpf. Eigentlich seien sich die Politikerinnen sehr ähnlich, sowohl inhaltlich als auch im Sprachduktus, also wie sie eine Sache erklären, sich bemühen, etwas zu verdeutlichen. Die Verpackung aber sei ganz anders. Leuthard habe eine gewaltige Strahlkraft entwickelt, bespiele ihr «erotisches Kapital» voll.
So gezielt Politiker auf ihre Wirkung bedacht sind, ist es dennoch falsch, die Kritik nur bei der Rhetorik beziehungsweise den Sendern einer Nachricht anzusetzen. Denn wie geschickt ein Politiker auch reden mag, das Publikum lässt sich weit mehr durch dessen Image beeinflussen, als durch das, was er tatsächlich sagt. Dies ergab ein Experiment des Image-Forschers Christian Fichter von der Uni Zürich. Dafür bat er SP-Parteipräsident Christian Levrat und SVP-Präsident Toni Brunner einen identischen Text vorzutragen und zeichnete das Ganze auf. Später wurden die Videos 200 Passanten vorgespielt, welche die Botschaft der Politiker bewerten und politisch einordnen mussten. Die Befragten ordneten die Inhalte eindeutig dem politischen Flügel zu, welchem der jeweilige Redner angehörte – obschon es sich dabei um ein und denselben Text handelte, den übrigens die CVP verfasst hatte. Dasselbe Experiment wurde auch mit Zeitungsartikeln durchgeführt. Ein Text im Layout des «Blicks» wurde als boulevardesk beurteilt, derselbe Text im Layout der NZZ bezeichneten die Leser als ausgewogen und seriös. Das Image eines Politikers beeinflusst die Wahrnehmung stärker als die Fakten, so der Schluss, den die Forscher zogen.
Wer ist der talentierteste Rhetoriker im Schweizer Polit-Zirkus? Stimmen Sie oben ab. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.11.2010, 13:06 Uhr
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30 Kommentare
Der Titel der Umfrage hätte lauten sollen: Wer sind die besten Demagogen im Land? Dann macht es Sinn, dass Blocher auf Platz 1 landet. Er befindet sich in guter Gesellschaft mit Mörgeli, der Platz 2 verdient hätte. Poltern, ausrufen, den politischen Gegner beschimpfen, oft unter der Gürtellinie, sind noch keine Markenzeichen und schon gar keine Qualifikation für gute Rhetorik. Antworten
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