Yoga! Oje!
Von Simone Meier. Aktualisiert am 31.01.2012 3 Kommentare
Milena Moser: Montagsmenschen. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 2012, 395 S., ca. 30 Fr. Erscheint Ende Woche. (Bild: PD)
«Montagsmenschen»
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Ja, Milena Moser hat einen Platz in meinem Herzen. Weil sie heisst wie die berühmte Geliebte von Kafka. Also Milena, nicht Moser. Was damals, als ich noch Literatur studierte, durchaus Gewicht hatte in Sachen Sympathie. Und weil damals ganz einfach die Milena-Moser-Welle über die Schweiz brandete. Wo auch immer es eine Frau gab in einem Haushalt – also in fast jedem – war Milena Moser, die schöne Zürcherin, im Gespräch. Ob bei der Hausfrau, der Lehrerin, der Ärztin oder ihrer Sekretärin und natürlich auch bei den Literaturstudentinnen in der WG. Wir alle haben damals Milena Moser gelesen. «Die Putzfraueninsel», «Das Schlampenbuch», «Gebrochene Herzen oder «Mein erster bis elfter Mord».
Es waren Bücher, mit denen wir uns Nachmittage lang ins Bett legten oder in den Garten, und wenn wir uns wieder trafen und die Bücher eine Hand weiter wanderten, sagten wir: «Na ja, es ist jetzt literarisch vielleicht nicht ganz so raffiniert wie George Eliot oder Jane Austen, aber es ist brutal spannend, und noch nie hab ich von einer Frau so was Freches und Böses gelesen! Und es ist lustig! Wer schreibt in der Schweiz sonst schon lustig!» Wir waren alle Fans.
Männer wurden aus dem Weg geschafft
Denn Milena Moser war genau das Puzzleteil, das uns noch zum Glück gefehlt hatte. Sie war gewissermassen Girlie-Literatur, also «Chick Literature», avant la lettre. Zudem forderte sie in ihren Büchern eben nicht, wie die ganzen Engländerinnen und Amerikanerinnen es heute tun, dass am Ende eines weiblichen Selbstfindungstrips doch nichts anderes als ein Ehemann stehen müsse. Manchmal ergab sich ein Liebesglück, aber eher selten, denn häufiger standen die Männer dem Frauenglück im Wege und wurden daher ganz unzimperlich aus dem Weg geschafft. Also ermordet.
Es hatte sich bei Milena Moser ein schon beinahe kampffeministischer Impetus ganz mühelos in beste Unterhaltung verwandelt; es war virtuos angewandte Gender-Theorie, und es war ein bitterböses Vergnügen, das sich auch anderswo in die Bestsellerlisten frass: Ingrid Noll etwa, mit Jahrgang 1935 fast drei Jahrzehnte älter als Milena Moser (1963), veröffentliche 1991, also genau ein Jahr nach Milena Moser, ihren ersten Krimi «Die Häupter meiner Lieben». Böse Frauen waren eine Marktlücke.
Nur Martin Suter liegt vor ihr
Zudem wurde Milena Mosers «Putzfraueninsel» 1996 in Deutschland fürs Kino verfilmt, und welchem Schweizer Autor ist das in den letzten Jahren ausser Martin Suter und ganz am Rand Thomas Hürlimann schon passiert? Einer Schweizer Autorin ja schon gar nicht. Wahrscheinlich sogar noch nie. Ausser Johanna Spyri natürlich. Johanna Spyri, die wie Milena Moser und Martin Suter (der einzige Schweizer übrigens, der Milena Moser auf den helvetischen Bestsellerlisten zu überholen vermag) Unterhaltungsliteratur geschrieben hat. Also Literatur mit saftigen Handlungen, aber ohne grosse stilistische und philosophische Sperenzchen.
Ihre schreiberische Karriere hat die gelernte Buchhändlerin einst gemeinsam mit ihrem ersten Mann begonnen, dem Buchhändler René Moser (er leitet heute das Kino Xenix in Zürich): Sie gründete mit ihm «Sans Blague – Magazin für Schund und Sühne», veröffentlichte darin Kriminalgeschichten und eine «Anleitung zum Schreiben eines Schundromans». Ihre ersten Bücher erschienen im Zürcher Eigenverlag, der Erfolg war jedoch so schnell so bahnbrechend, dass Rowohlt anbiss. Und damit natürlich auch das deutsche Feuilleton. «Eine in jeder Hinsicht peinliche Angelegenheit» seien ihre Bücher, schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».
«Die Bitterkeit machte vieles unmöglich»
Sie hat sich die böse Kritik zum Glück nicht zu Herzen genommen, denn sie hat bei ihrem Vater, dem deutschen Schriftsteller und Dramatiker Paul Pörtner, gesehen, wie bitter das machen kann. In einem schönen, auf ihrer Website veröffentlichten Text mit dem Titel «Künstlerleben» schreibt sie dies: «Mein Vater erhielt nicht die Anerkennung, die er sich wünschte und die er zu verdienen glaubte. Die Bitterkeit, mit der ihn diese Tatsache erfüllte, machte vieles unmöglich. Zum Beispiel sein Schreiben. Er stocherte in der offenen Wunde, indem er sich zum Beispiel mit Max Frisch in der Kronenhallen-Bar verabredete und dann in einem Notizbüchlein notierte, wie oft er und wie oft der andere erkannt und angesprochen wurde. Diskrete Striche mit dem Bleistift: ‹Siebenundzwanzig zu eins›, sagte er dann, wenn er nach Hause kam.» Würde heute ein nicht sehr bekannter Schriftsteller mit Milena Moser in der Kronenhalle sitzen, er müsste wahrscheinlich notieren: «Dreihundertfünfundneunzig zu null.»
Denn Milena Mosers Erfolg ist stetig. Vielleicht nicht mehr so immens wie früher, denn wie gesagt, selbstbewusste Frauenunterhaltung ist zu einem riesigen Geschäft geworden. Und vielleicht sind Milena Mosers Fantasien heute ein ganz klein wenig von gestern. Schon fast nostalgisch muten sie an, die Kindheiten der Protagonisten ihres neuen Romans «Montagsmenschen», Kindheiten aus den 70ern, mit kreativen oder konservativen Vätern und frauenbewegten oder verhuschten Müttern, unglücklich allesamt, ohne grösseres Talent fürs Familiäre, viele davon Prototypen aus dem 68er-Fundus. Allerdings ist es dann wieder berührend, wie schwarz Milena Mosers Schwärze ist, wie tief das Unglücklichsein geht, aus dem heraus die Montagsmenschen kommen, wie vollkommen schief da alles gewickelt war bei der Elterngeneration, und wie sehr die erwachsenen Kinder jetzt um ein Glück kämpfen: für sich allein, für die Liebe, für ihre eigenen Kinder.
Jeder Gruppenmensch spinnt
Poppy zum Beispiel ist eine vollkommen verrückte, sozial verwahrloste Bloggerin, mehr Kellerassel als Frau, der es im Gefängnis wohler ist als draussen – tatsächlich eine geniale Figur, die von Anfang bis Schluss grosse Freude macht. Oder Marie, die nicht ganz schlanke Ärztin, die sich von ihrem egozentrischen Gatten, einem Fernseharzt und Frauenschwarm, verabschiedet. Ted, der liebe Lehrer, der sein Leben lang nur an zickige Weiber geraten ist. Nevada (ihre Schwester heisst Sierra), die Yogalehrerin, die plötzlich von multipler Sklerose heimgesucht wird.
Dass sie dabei ausgerechnet bei Milena Mosers Lieblingssport, dem Yoga, aufeinandertreffen, ist, wenn man Yoga nicht mag, ein Problem. Denn wenn die Figuren zu viel über Yoga nachdenken, werden sie irgendwie weich, nicht nur in den Gliedmassen. Der Trick: Man kann die Yoga-Traktate einfach überspringen. Und sich auf Poppy konzentrieren und den unheimlichen Herrn Bolliger, auf Maries Teenie-Stieftochter Stephanie oder auf die pädagogischen Versuche von Ted. Und auf die konsequent durchgezogene Behauptung, dass der Mensch, sobald er einer Gruppe angehört, zu spinnen beginnt. Sei es im Lehrerzimmer, unter Krankenschwestern oder Yoga-Fetischisten.
Eine mordende Frau gibt es in «Montagsmenschen» nicht, und die Sache mit der Pärliwirtschaft scheint Milena Moser heute wichtiger zu sein als früher. Aber die Stunden fliegen immer noch vorüber wie einst in diesem Abenteuerbuch für Hausfrauen, Lehrerinnen, Ärztinnen und ihre Sekretärinnen und feministische Ex-Studentinnen. Und deshalb hat Milena Moser einen Platz in meinem Herzen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.01.2012, 07:18 Uhr
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3 Kommentare
@ Ulrich Rusch - eventuell ist Ihnen auch noch aufgefallen, dass es sich bei diesem Beitrag um eine persönliche, witzige und gut geschriebene Rezension handelt. Schade, dass Sie sich geradezu talibanmässig auf das einzige und dazu unwesentliche "Haar in der Suppe" stürzen. Vielleicht hilft Ihnen Yoga... Antworten



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