«Roche und Co. sind nur ärgerlich»
Interview: Linus Schöpfer. Aktualisiert am 09.12.2011 8 Kommentare
Bad Sex in Fiction Award
Seit 1993 vergibt die britische Literaturzeitschrift «Literary Review» den Bad Sex in Fiction Award. Sie kürt so die schlechteste literarische Sexszene eines Jahres. Die «Gewinner» – unter ihnen auch so bekannte Autoren wie Tom Wolfe oder Norman Mailer – erhalten eine «halb-abstrakte Skulptur, die den Sex der 1950er-Jahre verkörpert» (Zitat BBC).
Milena Moser (*1963) wurde mit ihrem Bestseller «Die Putzfraueninsel» (1991) national bekannt. Ihr letzter Roman «Möchtegern» erschien 2010 bei Nagel & Kimche. Sie betreibt seit 2009 mit der Schriftstellerin Sibylle Berg in Aarau eine Schreibschule. (Bild: Keystone )
Catalin Dorian Florescu (*1967) gewann dieses Jahr mit seinem jüngsten Roman «Jacob beschliesst zu lieben» den Schweizer Buchpreis. Florescus Werdegang ist aussergewöhnlich: Der gebürtige Rumäne kam erst als 15-Jähriger mit seiner Familie in die Schweiz. (Bild: Keystone )
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«Zuerst klirrten die Gläser dann zweistimmig wir doch nichts ging in Scherben.»*
Frau Moser, Herr Florescu – finden Sie das erotisch? Moser: Klirren? Erotisch? Stellen Sie diese Frage im Ernst? Florescu: Wir wissen nicht einmal, ob damit eine erotische Szene gemeint ist. Es könnte auch ein Streit sein, darum die Scherben. Aber es ist eine schöne Formulierung, dass zwei Menschen «klirren», aneinandergeraten, in welcher Form auch immer. Es gibt auch ein Geräusch dazu. Aber ja, ein sanftes Anstossen und der Wink, dass dabei nichts zerbrach... Was dann? Man darf fantasieren.
«Es ist unmöglich, über guten Sex zu schreiben. Guten Sex kann die Fiktion nicht einfangen – wie sie einen Traum nicht einfangen kann», meint der britische Autor Martin Louis Amis. Stimmts? Moser: Absolut. Das ist ja eigentlich nur eine Erweiterung des ebenfalls sehr wahren Satzes über glückliche Familien. Das Glück zu beschreiben, ist nicht möglich. Florescu: Tatsächlich, und ich bemühe mich nicht einmal, die Realität imitieren zu wollen. Wozu denn? Ich beschreibe kaum Sexszenen, man kann nur scheitern, weil es oft nur peinlich berührt. Beim Traum aber wäre ich mir nicht so sicher: Wir Schriftsteller leben doch davon, dass wir Visionen in Sprache verwandeln.
Wann wird eine literarische Sexszene poetisch? Moser: Wenn sie auslässt. Andeutet. Florescu: Poesie passiert in der Literatur in der und durch die Sprache. Dann, wenn man nicht imitieren will, was das Leben sowieso besser kann, erhöht sich die Chance, dass man poetisch wird. Aber eine Garantie gibt es nicht. Manchmal muss man nur andeuten und den Hauptakt auslassen, manchmal eine überraschende Formulierung finden. Jedenfalls hilft es nicht, wenn man geschwätzig ist.
Welche Bedeutung oder Funktion haben Sexszenen in Ihren Büchern? Moser: Eine eher kleine, und wenn, dann meist eine katastrophale. Florescu: Keine wesentliche, das überlasse ich der Frau Roche und Co. In meinen Büchern geht es um den Kampf um Existenz, dabei kommt Liebe vor oder der Entzug von Liebe. Und es gibt einige Szenen, die Menschen wohl als erotisch empfinden, wenn ich wieder einmal die weiblichen Brüste ins Spiel bringe. Bei der Schilderung von Sex aber bin ich sparsam.
Wenn man die Verkaufszahlen und Phänomene wie Charlotte Roche betrachtet, wird klar, dass Autorinnen, die über Sex schreiben, auf ein ungleich grösseres Interesse stossen als ihre männlichen Pendants. Moser: Ist das eine Frage? Wir leben in prüden Zeiten. Frauen, die sich nicht-prüde geben, erregen Aufmerksamkeit. Logisch. Florescu: Wenn ich denke, wie viel gute Literatur auf ihre Leser wartet, oft vergeblich, dann sind Roche und Co. – egal welchen Geschlechts – nur ärgerlich. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie die Leser von der Person einer weiblichen Autorin stimuliert werden. Es gibt Wichtigeres zu tun in der Kunst. Und Kunst darf nie zu einer Ersatzbefriedigung verkommen. Dafür gibt es den Playboy.
Interessant ist auch, dass bis dato noch keine einzige Frau mit dem Bad Sex Award abgestraft wurde. Schreiben Frauen anders über Sex als Männer, besser? Moser: Wirklich interessant ist das nicht – es ist eine Form politischer Korrektheit. Florescu: Sie geben mir Rätsel auf. Vermutlich, aber was weiss ich schon? Ich bin ja nur ein Mann... wenn Sie mich verstehen...
Wann kippt Erotik in Pornografie? Moser: Wenn die Sexszene nicht der Geschichte dient, sondern umgekehrt. Florescu: Das ist sicher auch individuell bestimmt. Amerikanische christliche Fundamentalisten fallen schon in Ohnmacht, wenn sie öffentlich eine Brustwarze sehen. Ich habe eine amerikanische Bekannte, die im Ernst meinen Roman «Zaira» nicht zu Ende las, weil da mehrmals weibliche Brüste vorkamen. Andere brauchen schon den Marquis de Sade.
Wen würden Sie für den Bad Sex Award nominieren? Kennen Sie eine ausserordentlich plumpe, dumme Sex-Szene? Moser: Oh Gott, viele, meist überlese ich sie, manchmal lege ich gleich das ganze Buch weg. Florescu: Ich muss mir selber gratulieren, denn offenbar lese ich wirklich gute Literatur. Ich habe soeben verzweifelt meine Bibliothek angeschaut und mir fiel kein Titel ein.
Die Abschlussfrage ist klar: In welchem Buch befindet sich die beste Sex-Szene, die Sie kennen? Moser: «Jules et Jim» von Henri-Pierre Roché (auch sehr schön: die autobiografischen «Carnets 1» dazu). Florescu: In Jose Saramagos «Stadt der Blinden». Ein Häuflein Blinde lebt am Ende des Romans in einer Wohnung, angeführt von einer Frau, die als Einzige nicht erblindet ist. Sie treibt Wasser auf, damit sie sich alle waschen. Ein Alter steigt in die Badewanne und plötzlich spürt er, wie eine Hand ihn wäscht. Er und die junge Frau werden ein Paar. Saramago hat nicht den Fehler gemacht weiterzugehen. Chapeau!
*Das Gedicht stammt von Nobelpreisträger Günter Grass. Es heisst «Heftige Stösse» und findet sich im Gedichtband «Letzte Tänze» (2003). (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.12.2011, 12:12 Uhr
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8 Kommentare
Vielleicht täte es allen mal gut, Feuchtgebiete von Charlotte Roche zu lesen, statt nur vom Hörensagen darüber zu urteilen. Das Buch ist gut. Schlicht und einfach. Vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack, aber empfehlenswert. Das habe ich zwar nach all der negativer Kritik auch nicht geglaubt, aber es dann mal gelesen, um selber ein Urteil darüber abgeben zu können. Antworten
Es ist leider so. dass Porno- Trivial- Literatur, wie z.B "Feuchtgebiete"
von Ch. Roche - vor allem bei weiblichen Lesern Interesse findet.
Es scheint, dass sich da Frauen endlich etwas ent- tabuisieren möchten.
Sollen sie es ruhig, denn wir Männer tun das ja schon seit langem.
Nein, ich lese Bücher von diesem Niveau bestimmt nicht!
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