Michel Foucault stammt von Darwin ab
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 11.02.2009 1 Kommentar
Der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984): Auch die Geistesgeschichte wird von evolutionären Prozessen bestimmt. (Bild: Keystone)
Charles Darwin.
Philipp Sarasin, Professor für Neuere Schweizer Geschichte an der Universität Zürich, ist ein Kenner der französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. 2005 hat er beim Hamburger Junius-Verlag eine glänzende Einführung in das Werk Michel Foucaults (1926–1984) veröffentlicht. In seinem neuen, rechtzeitig zum Darwin-Jahr erschienenen Buch, «Darwin und Foucault», spinnt Sarasin diesen Faden weiter: Man könne, so seine Hauptthese, Foucault nur dann richtig verstehen, wenn man Charles Darwin (1809–1882) genau gelesen habe. Diese Behauptung belegt der Historiker eindrücklich, indem er die Theorien der beiden Wissenschaftler miteinander in Beziehung setzt.
Dass wir nicht von Gott abstammen, sondern vom Affen, ist nach Sigmund Freud die zweite grosse narzisstische Kränkung in der Geschichte der Menschheit (die erste war die Einsicht in die dezentrale Stellung der Erde im Universum, die dritte die Einsicht in die unbewusste Steuerung unseres Handelns). Mit der Freilegung des Stammbaumes hat Darwin nicht nur mit der Schöpfungsgeschichte, sondern mit der gesamten geistlich geprägten Geistes- und Kulturgeschichte gebrochen.
Religiöse und ideengeschichtliche Denkmodelle sahen sich auf einmal mit einer ernstzunehmenden Konkurrenz aus der Biologie konfrontiert. Die Art und Weise, wie sich die Lebensformen in den Jahrmillionen entwickelt haben, lässt sich aber nach Darwin nicht in die Zukunft fortschreiben – denn auch die Gesetze und Regeln sind den sich verändernden Macht- und Kräfteverhältnissen unterworfen. Der populistische Darwinismus unterscheidet sich von der Theorie seines Namensgebers insofern, als er eine Entwicklungs- und Fortschrittslogik suggeriert, die Darwin selbst nicht postuliert hat. Die Evolution ist also ein Prozess, der nicht aktiv gesteuert werden kann. Dass Geschichte richtungslos, aber zentral für das Verständnis des Menschen ist, diese Auffassung hat Michel Foucault von Darwin übernommen.
Im Reich des steten Wandels
«Die Geschichte ist der Grund, von dem aus alle Wesen zu ihrer Existenz und zu ihrem unsicheren Aufleuchten gelangen», heisst es in dem Buch «Die Ordnung der Dinge» (1966). Michel Foucault hat diesen Gedanken bei seiner Antrittsvorlesung am Collège de France 1970 noch präzisiert: «Das Wichtigste ist, dass die Geschichtsschreibung kein Ereignis betrachtet, ohne sich über die Variationen, die Wendungen und den Verlauf der Kurve zu fragen.» Vor dem Hintergrund des steten Wandels ist auch die am meisten zitierte Textstelle Foucaults zu verstehen, nach der der Mensch irgendwann verschwinden wird wie ein Gesicht im Sand am Meeresufer. Da es weder einen Ursprung noch ein Ziel gebe, auf das alles zulaufe, fehle der Menschheitsgeschichte jeglicher Sinn. So zufällig, wie der Mensch im Universum aufgetaucht ist, so zufällig werde er es auch wieder verlassen. Wo idealistische Denker ein Wesen oder eine Identität des Menschen zu erblicken glauben, herrsche nackte Kontingenz. «Dass an der Wurzel dessen, was wir erkennen und was wir sind, nicht die Wahrheit liegt und auch nicht das Sein, sondern die Äusserlichkeit des Zufalls», hat Foucault in seiner Arbeit «Nietzsche, die Genealogie, die Historie» festgehalten.
Mit solch ernüchternden und desillusionierenden Analysen avancierte Michel Foucault in den 70er-Jahren zum Stardenker nicht nur in Europa, sondern auch in den USA. Der existenzialistische Marxismus eines Jean-Paul Sartre war ihm genauso fremd wie die Psychoanalyse Freuds, die Ethnologie Lévi-Strauss' genauso wie die Sprachanalyse Lacans. Solche Theorien schienen ihm immer noch genährt von dem Versuch und der Versuchung, unser Dasein mit höheren Weihen zu versehen. Auf die klassischen Fragen der Philosophie nach dem Woher und Wohin antwortete er: «L'homme est un animal.» Der Homo sapiens markiert so eine Zwischenstation zwischen dem Tier, welches «kurz angebunden an den Pflock des Augenblickes» (Nietzsche) verharrt, und einer noch unbestimmten Zukunft.
Natur kennt keine Dialektik
Den grössten intellektuellen Gegner sah Foucault in Hegel. Dessen Werk ziele darauf ab, in einem nachmetaphysischen Zeitalter Sinn im Diesseits zu kreieren. Seine Geschichtsphilosophie sieht die Menschheit nach strengen dialektischen Gesetzen einem höheren, gottähnlichen Ziel zustreben. Michel Foucault kritisiert mit der argumentativen Hilfe Darwins: «In der Natur gibt es keine Dialektik. Wie Darwin hinreichend gezeigt hat, finden sich in der Natur zahlreiche antagonistische Prozesse, die nicht dialektisch sind. In meinen Augen lässt sich diese Hegelsche Formulierung nicht halten.» Genauso wenig wie der Marxismus, der das Geschichtsmodell Hegels in den Grundzügen übernommen und auf die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse übertragen hat: Karl Marx sah das Endziel der Menschheit in der klassenlosen Gesellschaft – eine Art spätes Paradies nach dem frühen Sündenfall. Damit hatte die Teleologie die Theologie abgelöst und die Philosophie die Religion.
Alle diese Ähnlichkeiten, Differenzen und Diskontinuitäten der europäischen Theoriegeschichte breitet Philipp Sarasin fein säuberlich aus. Es ist ein komplexes und kompliziertes Unterfangen, das die ganze Aufmerksamkeit des Lesers verlangt – ihn aber auch mit Einsichten und Erkenntnissen reich belohnt. So erscheint Foucaults «Archäologie des Wissens» in einem helleren Licht, wenn man das Buch mit der Genealogie Darwins verknüpft. Und die viel beschworene Differenz zwischen Natur und Kultur (nature/culture) erweist sich als eine künstliche: Auch in der Entwicklung des Geistes kommen Regeln und Gesetze der Naturgeschichte zur Anwendung. Wenn eine Auslegung solange gültig bleibt, bis sie widerlegt wird, ist das nichts anderes als eine Form von «survival of the fittest» bzw. von «struggle for life». Manche Deutungen unterliegen im Wettbewerb der Gedanken, weil sie unfähig sind, Realität angemessen zu spiegeln. Sie sterben dann aus wie Tiere, die sich nicht an die Umweltbedingungen anpassen können.
Damit zeigt Philipp Sarasin auch, dass die aktuelle Grundsatzdebatte um den scheinbaren Gegensatz «Biologismus versus Kulturalismus» in eine ideologische Sackgasse mündet. Die Grenzen zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften sind fliessend, und wer glaubt, dass diese Sphären sich klar voneinander trennen lassen, irrt. Bereits das Motto des Buches zeigt Sarasins Forschungsinteresse an. «Es besteht Freundschaft der Geschichte mit den Naturwissenschaften. Sie beide allein haben (oder können haben) ein objektives, absichtsloses Mitleben an den Dingen», schreibt der grosse Basler Gelehrte Jacob Burkhardt in seinen «Weltgeschichtlichen Betrachtungen» von 1868. Diese Denktradition will Sarasin in die Gegenwart retten, um die Hermeneutik, die Wissenschaft vom Verstehen, nicht preiszugeben zu Gunsten des rein naturwissenschaftlichen Erklärens. Man kann also die Erkenntnisse der Biologie akzeptieren, ohne die Bedeutung der Philosophie aufgeben zu müssen. Wie nah sich die beiden Disziplinen immer schon waren (und weiterhin sind), das zeigt die lesenswerte Untersuchung auf exemplarische Weise.
Philipp Sarasin: Darwin und Foucault. Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2009. 456 S., ca. 45 Fr.
Der Autor wird sein Buch am Mittwoch, 4. März, um 20 Uhr im Literaturhaus Zürich vorstellen (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.02.2009, 10:56 Uhr
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1 Kommentar
also ich glaube nicht, dass der rezensent das buch ganz gelesen hat. und wenn doch, dann hat er recht wenig davon verstanden. zuzustimmen ist ihm, dass der lange essay interessant ist. allerdings strapaziert sarasin die wahrheit [kleiner scherz] arg, wenn er seiner these zuliebe behaupten muss, foucault habe die (neo-)liberalen entwicklungen der letzten fünfzig jahre geliebt. Antworten






