Der einfühlsame Porträtist eines Lebensabends
Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 31.01.2012 1 Kommentar
Stewart O'Nan: Emily, allein; Thomas Gunkel (Übersetzung); 379 Seiten; Rowohlt, Reinbek 2012. ISBN: 978-3-498-05039-9
Emily, allein
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Sonntag Kirche, Montag Museum, Dienstag Frühstück im Eat’n Park und Mittwoch Putzfrau. Danach wird es schwierig. Aber nur für Emily. Für uns dagegen ist es von Anfang bis Schluss eine Lustpartie. Und das ist das eigentliche Wunder: Da schleichen wir im Schneckentempo neben einer wackligen Witwe her, schleppen uns mit ihr durch lange Tage, fallen mit ihr in die riesigen schwarzen Löcher in ihrer Agenda – und sind dabei so gespannt, als wärs ein Krimi von Elizabeth George! «Emily, allein» hat eine Menge Beobachter, die ihr buchstäblich nicht von der (Buch-)Seite weichen.
Keine Langeweile, keine Klischees
Im Grunde geht es uns beim Lesen von Stewart O’Nans vierzehntem, jetzt auf Deutsch vorliegendem Roman so wie Emily am Montag in der rappelvollen Van-Gogh-Ausstellung: Wider Erwarten sind wir hin und weg. In der Scaife Hall rennen zwar alle zu Van Goghs «Sonnenblumen», Kinder lärmen, Erwachsene rempeln, und Emilys Herz fühlt sich klamm an wie eine tote Qualle; doch plötzlich explodiert vor ihren Augen blau ein Stück Himmel im grauen, nasskalten Pittsburgh. «Monatelang hatte sie vom Frühling geträumt. Hier war er in seiner ganzen knalligen Frische»: im satten Aquamarin, in der zarten, weissen Mandelblüte, in der warmen Sonne, von der Vincent van Goghs Mandelzweigbild singt. «Sie konnte sich keinen grösseren Beweis für die Kraft der Kunst vorstellen.»
Wir uns auch nicht: Zwar lässt ja, vor der Lektüre, schon das Sujet des Romans schlimme Langeweile und noch schlimmere lärmige und rempelnde Klischees befürchten – eine alte Dame von achtzig Jahren, die in der abgewirtschafteten Stahlstadt Pittsburgh in ihrem viel zu grossen Haus lebt, allein bis auf den altersschwachen Spaniel Rufus. Dass das Buch zudem eine Sequel ist – Sequels stehen ohnehin unter Generalverdacht –, und noch dazu eine Sequel von «Abschied von Chautauqua», diesem fein ziselierten Familienroman, den ausgerechnet O’Nans Frau einmal als sein «Big Boring Book» bezeichnete, lässt auch unser Herz klamm werden. Aber der Schriftsteller hat das Grau dieses Greisenlebens so leuchtend gemalt, dass es zu strahlen scheint wie der blaue Mandelblütenhimmel. «Emily, allein» ist ein grosser, ein richtig grosser Beweis für die Kraft der Kunst.
Anekdoten winziger und wuchtiger Probleme
In vielen kleinen Kapiteln mit vielen kurzen, klaren Sätzen fächert O’Nan ein Altfrauenleben auf, folgt dem Kalender von November bis Ende Juli. Dabei geht er alles genau und unsentimental durch – so wie Emily die alten Sachen im Keller, von denen sie sich nach und nach trennt, mal mit Bedauern, mal mit einem kräftigen Boxschlag. Was ist geblieben von den Beziehungen zu ihren Kindern Margaret und Kenneth? (Viel Distanz, aber auch Treue.) Und zu den Enkeln? (Noch mehr Distanz, aber auch unkompliziertere Liebe.) Und zu den toten Eltern? (Ach.) Welche Freundinnen leben noch? (Wenige.) Wie lange schnauft der fette Rufus noch zu Emilys Füssen? (Das weiss keiner.) Was ist das Haus noch wert, wie hat sich die Nachbarschaft verändert? Sind die Strassen gefährlich? Ist die Gartenarbeit noch machbar? Wie anstrengend ist ein Einkauf? Lohnt sich die Anschaffung eines neuen Autos noch? Wie soll das eigene Begräbnis ablaufen?
All diese winzigen und wuchtigen Probleme des Best Agings packt der 1961 in Pittsburgh (!) geborene Romancier in anschauliche Anekdoten. Wie Emily sich beispielsweise auf den Weihnachtsbesuch von ihrer diffizilen Tochter und deren beider Kinder vorbereitet – wie sie die Kleenex-Boxen im Haus verteilt, die volle dort, die halb volle da, wie sie Einkaufslisten macht, mit der Putzfrau diskutiert, sich mit ihrer Schwägerin bespricht, die Fahrt zum Flughafen plant –, protokolliert Stewart O’Nan ohne Weichzeichner, aber dennoch mit dem Ohr am Herzton dieses Aktionismus.
Leiser und luzider
Die täglichen Minidramen fügen sich zum knapp 400-seitigen subtilen Maxiporträt von Emily und ihrer Generation, die zu Sparsamkeit und Ehrlichkeit und – auch das – einer gewissen Missgunst erzogen wurde, die stramm republikanisch wählt und sich vor den Selbstverwirklichungsfanfaren ihrer Post-68er-Kinder die Ohren zuhält: Americana à l’anglaise, trockengespottete Nostalgie. Formal betrachtet ist «Emily, allein» ausserdem ein Porträt von Stewart O’Nan selbst, der zunehmend die Zwischentöne zelebriert und lieber den «öden Vogel» zeichnet als den bunten, den «gewöhnlichen Charakter in einer gewöhnlichen Situation, wie Yates». Sagt der uramerikanische Autor, der Richard Yates posthum 1999, mit einem Essay aus der Versenkung geholt hat.
Der Stephen-King-Fan O’Nan, der mit King zusammen ein Buch verfasst hat (übers Bostoner Baseballteam Red Sox), wird immer leiser, immer luzider. Einst rasten Teenager mit aufheulendem Motor in den Tod («The Night Country», 2003); später schilderte der Romancier den stillen Schrecken, der nach dem lauten Schrecken kommt – das Zerbrechen einer Familie nach dem Verlust einer Tochter («Songs for the Missing», 2008). Einst kamen alle Mitglieder der Familie Maxwell zu Wort («Wish You Were Here», 2002); nun hat bloss Emily eine Stimme, und der Titel «Emily, alone» (2011) erhält so eine zusätzliche Bedeutung. Das hat etwas von dem afrikanischen Traubenbaum im Winter, den Emily bei der Blumenausstellung anstarrt: Auf den ersten Blick kahl und knollig und kaputt; aber darunter verbirgt sich ein wunderbarer Baum. Die Aussteller haben an den Stamm ein Schild gehängt mit der Aufschrift: «Ich bin nicht tot, ich ruhe bloss.» Emily findet diese Art Witz gar nicht komisch, weil er ungemütlich nah an ihr eigenes Lebensgefühl heranrückt. Aber man darf vermuten, dass ihr Schöpfer beim Schreiben verstohlen gelacht hat.
Wir jedenfalls lachen ein bisschen und weinen ein bisschen, während wir uns auf den ersten 180 Seiten mit Emily in eine Panik vor dem Gott des Gemetzels hineinsteigern, der über Weihnachten herrscht – jenem Familienfest, das sie trotzdem nicht ohne die lieben Verwandten verbringen möchte. Emilys zweiter Fixstern ist Ostern, der dritte eine Woche in den Sommerferien, wo sich die Familie in einem Ferienhaus trifft. Zwischendrin hört Emily klassische Musik am Radio, besucht Billigbuffets mit ihrer Schwägerin, bringt den Hund zum Tierarzt, wird selbst krank, müht sich mit dem Auto ab, geht zu Beerdigungen, besucht das Grab ihres Mannes und, nach langer Überwindung, das ihrer Eltern. Der Tod sitzt ihr im Nacken und ist doch so weit weg, als wäre sie ein neugeborenes Baby. Wie bei uns; und wir lachen und weinen noch ein wenig mehr. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.01.2012, 11:34 Uhr
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1 Kommentar
Ausgezeichnete Rezension! Es wurde aber auch Zeit, dass Stewart O'Nan als der erkannt wird, der er seit vielen Jahren und Romanen ist: Als ganz grosser Schriftsteller. Selten hat ein Buch mehr berührt als "Songs for the Missing" (dt. Alle, alle lieben dich). Übrigens: Auch The Night Country ist nicht lärmig, sondern tiefgründig und trotz der kargen Sprache geradezu ergreifend. Antworten



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