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Gefangen in der Weite des Web

Von Irina Eftimie. Aktualisiert am 11.10.2011

Zehntausende in der Schweiz sind onlinesüchtig– und trotzdem gibt es kaum Fakten zum Thema. Jetzt berichtet A.S.* aus der Region Thun über ihre Erfahrungen mit ihrem onlinesüchtigen Mann. Sie hat eine Selbsthilfegruppe gegründet.

Trotz der grenzenlosen Freiheit des Internet sind Süchtige im Netz gefangen.

Trotz der grenzenlosen Freiheit des Internet sind Süchtige im Netz gefangen.
Bild: zvg

60 Gruppen

In der Region Berner Oberland gibt es zurzeit über 60 Selbsthilfegruppen. Das Selbsthilfezentrum Berner Oberland in Thun vermittelt Betroffene und Angehörige in bereits bestehende Selbsthilfegruppen zu Themen wie somatische Krankheiten, schwierige Lebenssituationen, physische und psychische Beeinträchtigungen, Familie/Eltern/Partnerschaft und Sucht. Heidi Kaderli-Schläppi und Adrienne Scheurer-Villet unterstützen und beraten auch bei der Gründung neuer Gruppen und begleiten diese in der Startphase. Aktuell suchen betroffene Menschen Gleichbetroffene zu folgenden Themen: Angehörige Onlinesucht, sexueller Missbrauch in der Kindheit, Leben mit einem implantierten Defibrillator und Tinnitus.iek

Öffnungszeiten: Mi, 9–11.30/14– 16.30 Uhr. Do, 9–11.30 Uhr.
Marktgasse 17, 3600 Thun,
Tel. 033 221 75 76, E-Mail thun@selbsthilfe-kanton-bern.ch
www.selbsthilfe-kanton-bern.ch

In Deutschland sind gemäss aktuellen Zahlen acht Prozent der Bevölkerung onlinesüchtig. Laut Berner Gesundheit (Beges) waren 2006 in der Schweiz laut Schätzungen zwischen 70'000 onlinesüchtig und weitere sind 110'000 Personen stark gefährdet. Die Onlinesucht ist also relativ neu. Obwohl sie schon weit verbreitet ist, gibt es erst wenige wissenschaftliche Betrachtungen zum Thema. Gemäss Beges ist eine schweizweite Studie für 2012 in Planung.

«Wenn man bedenkt, dass jeder Süchtige eine Familie hat, die in irgendeiner Art ebenso involviert ist, dann gibt es noch viel mehr Betroffene», sagt A.S.* Sie lebt in der Region Thun und ist die Ehefrau eines Mannes, der an dieser Sucht leidet. Mit einer Selbsthilfegruppe für Angehörige möchte sie nun auf das Problem aufmerksam machen (vgl. Kasten).

«Fühlte mich als Störfaktor»

Kennen gelernt hat A.S. ihren Mann vor einigen Jahren im Internet. Sie führten eine Fernbeziehung, denn er wohnte in Deutschland, sie in Thun. Es schien alles perfekt zu sein: Ihm wurde eine Stelle als Manager in der Schweiz angeboten, und die beiden heirateten im September 2009. Doch bald wendete sich das Blatt.

«Mir fielen plötzlich Dinge auf, wie zum Beispiel, dass er nachts nicht im Bett war, abends oft erst sehr spät nach Hause kam oder nicht mehr ausgehen wollte, weil er angeblich noch am Computer arbeiten musste», sagt A. «Als ich ihn jedoch auf das Problem ansprach, stritt er alles vehement ab und gebrauchte die Arbeit als Vorwand.» Nach diesem Gespräch wurde A. misstrauisch.

«Er wurde immer nervöser, und ich fühlte mich als Störfaktor», sagt A.S. Sie wollte nicht mehr länger nur noch einen Verdacht hegen: «Irgendeinmal war dann Schluss: Ich stellte ihn zur Rede, und er gab zu, dass er seit 25 Jahren onlinesüchtig sei. Er unterzog sich dann einer ambulanten Therapie, doch diese neuartige Sucht sagte den Therapeuten nicht viel, und man ging nicht richtig mit dem Problem um. Zu Hause verspürte ich immer mehr einen Kontrollzwang, woraus sich eine Spirale aus Misstrauen und schlechten Gefühlen auf beiden Seiten entwickelte», sagt A.

Das Ehepaar schaffte also den Computer ab, und für eine Zeit schien es, als hätte sich die Situation normalisiert. «Plötzlich erwischte ich ihn mit einem kleinen Laptop. Ich sagte ihm, wenn er lieber mit dem Computer leben wolle als mit mir und meinen beiden Söhnen, dann solle er gehen. Der Süchtige lebte für kurze Zeit allein, doch dies brachte weitere Probleme mit sich: Er wurde depressiv und verfiel deshalb dem Alkohol.

Auf dem Weg zur Besserung

«Seither war er im Kriseninterventionszentrum KIZ des Inselspitals und hat sich einer Entzugskur in Meiringen unterzogen. Durch Verhaltenstherapien konnte seine Alkoholsucht schnell wieder unter Kontrolle gebracht werden, doch der Computer ist immer noch eine sehr grosse Gefahr», sagt A. «Mein Mann muss sich nun umschulen lassen, denn er kann nicht in die Nähe von Computern kommen. Während seiner Therapie hat er das Didgeridoo für sich entdeckt und möchte aus diesem Grund eine Schreinerlehre beginnen.» Leider habe er aber bis jetzt noch keine Lehrstelle gefunden, denn ein 47-Jähriger mit einer Sucht sei nicht unbedingt gesucht.

«Die Onlinesucht ist eine enorme Belastung, sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen. Leider werden wir anderen immer vergessen. Aus diesem Grund habe ich die Selbsthilfegruppe gegründet. Ich warte immer noch auf Leute, die mit ähnlichen Problemen kämpfen, denn ich weiss, es sind viele», sagt A.S.

Durch eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholsüchtigen lernte A. mit den Problemen ihres Mannes umzugehen, und sie hofft nun, mit der Gruppe für die Angehörigen von Onlinesüchtigen sich und anderen Menschen zu helfen.

*Name der Redaktion bekannt (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 11.10.2011, 15:01 Uhr

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