So könnte ein Tag im Jahr 2020 aussehen
Von Mirjam Comtesse. Aktualisiert am 29.12.2011 6 Kommentare
Der Wecker klingelt. An diesem Morgen im Jahr 2020 tut er es 15 Minuten früher als vorgesehen. Ein Blick auf das Gerät verrät unserem Konsumenten der Zukunft – nennen wir ihn Max Morgen –, wieso: Auf der Strecke zu seinem Arbeitsplatz gibt es einen Stau. Der Wecker hat die Staumeldung aufgefangen und den Schluss gezogen, dass es besser wäre, mehr Zeit einzuberechnen. «Das Internet der Dinge» nennen Forscher diese Vision, in der Alltagsgegenstände untereinander vernetzt sind oder auf digitale Informationen zugreifen, um den Nutzern einen Mehrwert zu bieten.
Kühlschrank denkt mit
Max Morgen geht zum Kühlschrank. Das Gerät meldet ihm, dass die Milch gestern abgelaufen ist und dass er neue kaufen sollte. Funktionieren könnte dies über die RFID-Technologie (Radio-Frequenz-Identifikation). Dabei enthält ein kleiner Chip auf der Milchpackung Informationen wie Füllgewicht und Haltbarkeitsdatum. Ein solch «intelligenter Kühlschrank» könnte direkt neue Milch bestellen – und auch mit der Energie haushälterisch umgehen. Friedemann Mattern und Christian Flörkemeier von der ETH Zürich schreiben dazu: «Der smarte Kühlschrank mag dann stärker herunterkühlen, wenn der intelligente Stromzähler billige Energie signalisiert, die andere Haushaltsgeräte zurzeit nicht benötigen.» Noch einen Schritt weiter geht das IT-Unternehmen IBM: Es rechnet damit, dass wir für unser Eigenheim und damit auch für unseren Kühlschrank schon in fünf Jahren unter anderem die Energie nutzen werden, die wir beim Uns-Bewegen – etwa beim Joggen oder Velofahren – freisetzen. Kleine Akkus könnten auch die Energie sammeln, die durch die Abwärme unserer elektronischen Geräte entsteht oder durch das Wasser, das in unseren Leitungen fliesst.
Augenscan statt Passwörter
Nach dem Frühstück checkt Max Morgen seine Mails. Er muss dazu kein Passwort eintippen, denn laut IBM liegt die Zukunft in biometrischen Merkmalen. «Sprachidentifikation, Scans der Augennetzhaut oder Gesichtsmustererkennung werden dafür sorgen, dass wir nicht mehr ständig grübeln müssen», hält IBM fest. Dies erleichtert nicht nur den Alltag, sondern macht auch Missbrauch schwieriger.
Autofahrer wird überwacht
Nun muss Max Morgen dringend an eine Sitzung. Er steigt in sein Elektroauto. Mit dabei: seine Versicherung. Ein Gerät bewertet seinen Fahrstil und stuft ihn in eine Risikokategorie ein. Verhält sich Max Morgen zu riskant, fällt seine Police höher aus. Das Szenario ist mehr als Zukunftsmusik: Die US-Firma Progressive bietet ein Gerät namens Snapshot an, das die Lenker überwacht. Eine ähnliche Idee hatte die Axa Winterthur: Ihre Kunden können einen Crashrecorder einbauen, der bei einem Unfall feststellt, ob sie unschuldig sind. Verbunden mit dem Gerät ist ein Prämienrabatt für jugendliche Fahrer.
Später kehrt Max Morgen nach Hause zurück. Mit dem Bus fährt er zum Einkauf. Er muss kein Billett lösen, denn ein Chip – auf dem Handy oder einer speziellen Karte – meldet dem Transportunternehmen, welche Strecke er wie oft benutzt. Ende Monat erhält er dann die Rechnung für alle gefahrenen Strecken. Die SBB tüfteln unter dem Namen «Fast Track» – früher «Easy Ride» – seit Jahren an einem solchen System.
Freunde geben Einkaufstipps
Max Morgen betritt die Migros. Er loggt sich am Eingang mit seiner Kundenkarte ein, dann schnappt er sich einen elektronischen Einkaufswagen mit Bildschirm. Während er die Spaghetti in den Wagen legt, erscheinen auf dem Bildschirm Tipps für Rezepte – und für einen passenden Wein. Vielleicht ist das System gekoppelt mit einem sozialen Netzwerk. Dann erfährt Max Morgen, welche Sauce seine Freunde empfehlen. Jetzt will er einen Schokoriegel einpacken. Auf dem Bildschirm poppt eine Warnmeldung auf. Max Morgen ist Allergiker, und der Riegel enthält Erdnüsse. Im «Laden der Zukunft» in Regensdorf ZH prüfen die Forscher genau solche technologischen Möglichkeiten.
An einer Kasse anstehen wird Max Morgen kaum müssen: Schon während des Einkaufs hat das zentrale System alle Preise zusammengerechnet. Beim Bezahlterminal begleicht er seine Rechnung per Handy. Das ist nicht so weit von der Realität entfernt: Schon heute können Kunden ihre Artikel in einigen Migros- und Coop-Filialen selber einscannen.
Max Morgen hat genug eingekauft. Sein Konsumtag ist zu Ende. Am Abend liegt er zufrieden im Bett. Er hofft, dass sein Wecker ihn am nächsten Tag ein wenig später aus dem Schlaf reisst. (Berner Zeitung)
Erstellt: 29.12.2011, 13:02 Uhr
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