Smarties auf Rädern
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Der Ferrari-Fahrer auf der Autobahn Richtung Wädenswil gibt noch einmal richtig Gas, als er Reinhard Müller sieht, der mit 90 Stundenkilometern auf der rechten Spur vor sich hin tuckert. Dabei fährt der 62-Jährige ein Cabrio, es ist knallrot, genau wie der Ferrari. Trotzdem kann Müller mit diesem protzigen Geröhre nicht mithalten. Sein Auto knattert und klappert, es ist der Stinkbolzen, die Gehhilfe, der Duroplastbomber, die Rennpappe, der Arbeiter-undBauern-Mercedes – ein Trabant 601, Jahrgang 1963.
Mit ihm ist Müller unterwegs zum Sommerplausch des Trabantclubs Schweiz, dessen Präsident er ist. Rund 20 Trabi-Fans werden sich auf dem Werkhof in Wädenswil treffen zu Bier und Wurst, danach steht die Besichtigung des Bergwerks Horgen auf dem Programm. Müller ist froh, wenn er die Autobahn verlassen kann; der Bremsweg ist länger als bei modernen Autos, viele überschätzen die Geschwindigkeit eines Trabants. Dazu setzt die Sommerhitze dem Kunststofflenkrad zu. Es sondert dann jeweils eine merkwürdige Flüssigkeit ab. Das ist nicht weiter schlimm. In der DDR galt die Maxime: «Hast du Hammer, Zange, Draht, kommst du bis nach Leningrad.»
Ein Traum in Duroplast
Der Trabant – er ist das zum Symbol gewordene Auto der untergegangenen DDR. 34 Jahre lang, von 1957 bis 1991, war er der treue Gefährte im realsozialistischen Alltag, das Resultat einer Politik, welche die Gesellschaft auf Gleichheit und Mittelmass trimmte. Ein Trabant war dem anderen so ähnlich wie die durchschnittliche Plattenbauwohnung, die durchschnittliche Mode, der durchschnittliche Urlaub des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes. Das Modell 601 blieb über drei Jahrzehnte unverändert, vielversprechende Prototypen wurden nie realisiert, sie blieben Staatsgeheimnis. Doch gerade der Trabi ermöglichte es dem DDR-Bürger, sich über dieses verordnete Mass zu erheben und seine Individualität zu zeigen. Die Tristesse beflügelte die Fantasie, und so bastelte sich mancher seinen eigenen kleinen Traum zusammen.
Reinhard Müllers knallroter Trabant, der jetzt durch Wädenswil kurvt, war allerdings nie für den Normalbürger vorgesehen. Das Cabrio, genannt «Kübel», war auch nicht knallrot, sondern armeegrün und stand im Dienst des Arbeiterund-Bauern-Staats. «In diesen Kübeln», klärt Müller auf, «waren zum Beispiel die Grenzschützer bis 1989 unterwegs, entlang der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenzanlagen.» Ob ihm das keine Bauchschmerzen bereite, einen Wagen zu fahren, der zum Fuhrpark eines Unrechtsregimes gehörte.
Müller schiebt sich seine Mütze zurecht, bremst gekonnt vor dem Kreisel und schüttelt den Kopf. Seine Leidenschaft für die Trabis habe nichts mit Politik zu tun. «Unser Club ist politisch neutral.» Er ist wie jeder andere Oldtimersammler. Ihn interessiert der Mythos und natürlich die Technik, die hinter diesem Gefährt aus Duroplast, einer Mischung aus Baumwolle und Phenolharz, steckt. Der Zweitaktmotor zum Beispiel, 24 PS, 6,5 Liter auf 100 Kilometer. Oder dann dieses Öl-Benzin-Gemisch, ohne das kein Trabant in Bewegung zu bringen ist. Eigentlich, findet Reinhard Müller, während er in den Werkhof einbiegt, «ist dieses Auto ein Wunder». Und plötzlich stehen sie aufgereiht da, all die Trabis, in Brombeerrot und Schlammgrün, in Ockergelb und Himmelblau. Smarties auf vier Rädern.
Rollender Tempel der Ostalgie
Sie haben ihren Reini, wie sie Müller nennen, längst erwartet. Patrice, Otti, Sepp und Markus, sie hupen, sie winken. Wie kommen diese Schweizer eigentlich dazu, einen Trabant zu fahren? Für Ostalgie fehlt ihnen, könnte man meinen, der Bezug. Aber es ist erstaunlich, dass der Schweizer Trabantclub europaweit am meisten Mitglieder zählt. An die Hundert sind es mittlerweile, und ihre Zahl steigt langsam, aber stetig. Seit 2002 gibt es den Club. Ein harter Kern von «Trabologen» hat ihn damals gegründet. Die Objekte ihrer Begierde warteten in den Garagen Ostdeutschlands auf neue, liebevolle Besitzer. Viele von ihnen haben die DDR nie besucht, andere, wie Reinhard Müller, haben das verschwundene Land tatsächlich bereist. Sie waren fasziniert von diesen Wägelchen, die das Strassenbild beherrschten und fast geisterhaft um die Ecken huschten. Vielleicht überkam sie dieses Gefühl, das viele Buben haben, wenn sie vor einem Schaufenster mit niedlichen Modelleisenbahnen stehen. So einen Trabant mussten sie besitzen.
Auch Patrice wollte unbedingt einen. Er lehnt sich an seine 601er-Limousine in Eierschalenweiss und erzählt von seiner Brieffreundin, die er einmal drüben im Osten hatte, die aber nicht etwa von Zürich träumte, sondern von Havanna. Patrice legte bei seinem Trabi Wert auf Authentizität. Keine modernen Antennen, keine Holzverkleidung, keine Fantasiefarben. Sein Wagen ist ein rollender Ostalgie-Tempel. Im Innern baumelt ein DDR-Wimpel am Rückspiegel, und auf dem Armaturenbrett hat er ein Porträt von Sigmund Jähn angebracht.
Ersatzteile vom Nachbarn
Jähn war der erste Deutsche im Weltraum. Mit ihm kreiste auch das DDR-Sandmännchen in der Sojus-Kapsel um die Erde. «Es war nicht alles schlecht in diesem Staat», findet Patrice. «Die Menschen unterstützten sich in der Not. Der Trabi ist das beste Beispiel dafür.» Musste ein Ersatzteil her, ging man zum Nachbarn, der einem aushalf mit einem Seitenspiegel oder einer Antenne. Auf illegalen Märkten wechselten Tausende Trabis die Besitzer. Das war Recycling in DDR-Manier. Keiner wollte ernsthaft 14 Jahre warten, bis er endlich sein eigenes Auto bekam.
Nach dem Untergang der DDR weinten allerdings nur die wenigsten dem Duroplastbomber eine Träne nach. Annemarie ist eine der Deutschen im Trabantclub. Sie stammt aus Ost-Berlin und fuhr damals selbst einen Trabi. «Ich hätte mir nie träumen lassen, dass dieses Auto einmal ein Liebhaberobjekt werden würde.» Sie wollten das Ding loswerden, so wie sie das eingemauerte Leben losgeworden waren.
Reinhard Müller drängt zum Aufbruch. Die Gesichter der Trabologen hellen sich auf. Und dann rattert und knattert es los, eine Sinfonie der Zweitaktmotoren. Es geht durch die Dörfer der Pfnüselküste, die jetzt plötzlich mit einem blauen Qualm überzogen werden. Wo die Trabis hinkommen, da stinkt es – Benzin und Öl mit einer leichten Himbeernote. Es ist der Duft der DDR. Ein Skandal für Umweltschützer. Aber wer Reinhard Müller in diesem Moment mit Abgaswerten und Schadstoffen kommt, fühlt sich miesepetrig, weil er das Trabi-Feeling zerstört.
Udo Lindenberg fährt mit
Die Bestimmungen für die Einfuhr sind komplex und je nach Erstzulassung wieder anders. Bis Jahrgang 1987 können Trabis in der Schweiz zugelassen werden. Abgas- und Geräuschwerte werden genauestens geprüft. Über 80 Dezibel darf ein Trabi nicht dröhnen. Ferner darf die Ölbeimischung zum Benzin maximal 2 Prozent betragen, auch die Bremsen müssen oft nachgerüstet werden. Auf der anderen Seite sind für Trabis bis Jahrgang 1976 keine Sicherheitsgurten vorgeschrieben.
Doch das ist trockene Materie. Der Trabantclub geniesst seinen Auftritt. Die Passanten bleiben verwundert stehen. Kinder halten sich die Nase zu, ein Mann feuert die Trabis kumpelhaft an. Seine Freundin hakt sich bei ihm ein. «Was isch das dänn für es herzigs Autööli?» Reinhard Müller dreht die Musik lauter. Udo Lindenberg singt vom Sonderzug nach Pankow. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.09.2011, 22:05 Uhr
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