Evoque – der «Baby Boomer»
Von Dieter Liechti. Aktualisiert am 01.10.2011 17 Kommentare
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Seit mehr als 22 Jahren arbeitet der Berner Stephan Vögeli (53) bereits für die britischen Traditionsmarken Jaguar und Land Rover, seit 14 Jahren als Managing Director in der Schweiz. Trotzem ist der passionierte Golfer – «auf dem Green bin ich ein Anfänger» – in diesen Tagen besonders aufgeregt. Denn Land Rover hat mit dem Range Rover Evoque sein neustes Modell lanciert.
Was bei VW und Konsorten zum Alltag gehört, wird bei den Briten gefeiert wie eine Geburt. «Das ist auch verständlich», erklärt Vögeli. «In über 40 Jahren ist das erst das dritte Modell von Range Rover.» Von einer «unbefleckten Empfängnis» kann im Falle des Evoque allerdings keine Rede sein: Die Briten spielten in den vergangenen Jahren so virtuos auf der PR-Klaviatur wie der chinesische Piano-Superstar Lang Lang auf einem Flügel.
Nur 4,35 Meter lang
Dabei geht es beim Evoque nicht etwa um «lang», sondern um kurz – denn das dritte Modell der noblen Offroadmarke ist mit einer Länge von 4,35 Metern deutlich kleiner als der Range Rover Sport (4,78 Meter) und vor allem als der Range Rover mit seinen imposanten 4,97 Metern. Kein Wunder also, dass der Neuling schon lange vor seiner offiziellen Präsentation als «Baby-Range» durch die Gazetten und Autoforen dieser Welt geisterte und schon lange vor seiner offiziellen Präsentation zu einem der meistdiskutierten Autos wurde.
Denn bereits die Präsentation der Studie LRX im Frühjahr 2008 in Detroit sorgte bei den Fans der Marke für Aufregung und bei der Konkurrenz für Stirnrunzeln. «Einen Range Rover mit diesem kompakten Format und vor allem mit dieser progressiven Coupéform und den drei Türen hat damals wohl niemand erwartet», erinnert sich Vögeli an den spektakulären Auftakt der Mission «Evoque».
Mehr als 500 «Blindverkäufe»
Dabei wählten die mittlerweile unter indischer Flagge arbeitenden Briten einen ganz eigenen Weg: Während die meisten Hersteller mit ihren Studien nur Lüste – oder Ängste – wecken, blieb die spektakuläre und polarisiernde Form der Studie LRX auf dem Weg in die Serie unangetastet. «Das ist wohl der wichtigste Punkt in dieser Erfolgsgeschichte», bestätigt Vögeli. «Denn auch heute noch sind Emotionen der wichtigste Entscheidungsgrund beim Kauf eines Autos. Erst wer sich vom Design angesprochen fühlt, interessiert sich danach für die technischen Werte.»
Das macht Sinn. Und das kennen wir ja auch aus dem Liebesleben des Menschen. Doch wie kann der Managing Director nur eine Woche nach der Markteinführung des Evoque bereits von einer «Erfolgsgeschichte» sprechen? «Dafür gibt es schon mehrere Gründe», erklärt Vögeli. Zum einen nennt er die durchwegs positive und «immense Resonanz» von den Besuchern bei den Autoshows, zum andern die hervorragenden Kritiken in den Medien weltweit, und nun – «und vor allem» – die Bestellungseingänge.
«Wir haben alleine in der Schweiz bis heute mehr als 500 Range Rover Evoque verkauft, ohne dass die Kunden das Auto jemals fahren konnten», staunt Vögeli. «Das waren Kunden, die das Auto bestenfalls an einer Messe gesehen haben und dort mal reingesessen sind. Das ist ein enormer Vertrauensbeweis in die Marke.» Und das tut den Briten gut, denn bis Ende August lag man bei den Immatrikulationen 7,7 Prozent hinter den Zahlen des Vorjahres zurück.
Der Benziner macht das Rennen
Doch dank dem boomenden «Baby-Range» darf sich Vögeli auf ein tolles Endergebnis 2011 freuen. «Wir werden selbstverständlich alle verfügbaren Exemplare des Evoque – total 600 Stück – in diesem Jahr verkaufen und damit zum zweiten Mal in unserer Geschichte die 2000er-Marke in der Schweiz übertreffen.» Und für das kommende Jahr sind die Ziele noch ehrgeiziger: Alleine der Evoque soll bei uns mindestens 1500-mal verkauft werden.
Allerdings müssen die Käufer je nach Modell schon heute mit Wartefristen von bis zu 7 Monaten rechnen. «Die Nachfrage übertrifft weltweit alle Erwartungen», so Stephan Vögeli. «Wir können pro Jahr aber maximal 100 000 Evoque bauen.» Nicht erwartet hat man bei Land Rover auch den Umstand, dass sich rund 70 Prozent der Kunden nicht für das 3-türige und trendige Coupé entscheiden, sondern für den praktischeren 5-Türer. Und auch bei der Motorisierung wurden die Strategen von dem Verhalten der Kunden und Kundinnen (fast 50% Frauen) überrascht: nicht der sparsame Diesel ist beim kleinsten Range Rover der Renner, sondern der sportliche Benziner mit 240 PS.
Wird dieser Trend die Verbrauchsbilanz bei Land Rover – von 1999 bis 2010 haben die Briten ihren Flottenverbrauch halbiert und auf 9,3 Liter gesenkt – negativ verändern? «Im Gegenteil», so Stephan Vögeli. «Bei dem Benziner handelt es sich um einen sehr sparsamen 2-Liter-4-ZylinderMotor. Deshalb rechnen wir sogar damit, dass wir den durchschnittlichen Normverbrauch unserer Flotte (verkaufte Fahrzeuge) 2012 unter 8 Liter bringen werden.»
Und spätestens 2013 – das wird offiziell zwar (noch) nicht bestätigt – steht dann auch Range Rover unter Strom und bringt den Evoque als Teilzeitstromer. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.10.2011, 06:10 Uhr
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