Ein Land im Range-Rover-Rausch
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Irgendein Abend in Dubai: Im Minutentakt rollen auf der Palme von Jumeira, vor dem Burj al Arab oder der silbernen Nadel des Burj al Khalifa die teuersten Autos der Welt durchs Blickfeld. Ferrari, Lamborghini, Maybach, Bentley oder Rolls-Royce – als müssten die Scheichs die Klischees bestätigen, starten sie allabendlich zum automobilen Schaulaufen. Dabei wechseln die Supersportler je nach Mode und Modellzyklus, und auch bei den Luxuslimousinen herrscht eine gewisse Fluktuation. Doch ein Auto steht auf der Hotelvorfahrt wie der Fels in der Brandung: der Range Rover. Er ist der Liebling der Araber und am Golf fast so verbreitet wie der gleichnamige VW bei uns.
3 bis 6 Verkäufe pro Tag
«Nirgends auf der Welt gibt es mehr Range Rover pro Einwohner als in dieser Region», sagt Robin Colgan, der für die Briten das Geschäft im Mittleren Osten verantwortet. Selbst um den Hyde Park in London ist der Luxusliner unter den Geländegängern nicht so präsent wie in den Hochhausschluchten von Dubai.
Colgans wichtigster Mann am Golf ist Helal Hanei Helal Omar. Er ist Markenverantwortlicher des Generalimporteurs al-Tayer und der wahrscheinlich erfolgreichste Range-Rover-Verkäufer der Welt. Ganz genaue Zahlen will er zwar nicht nennen. Doch wenn man weiss, dass Land Rover von Marokko bis Oman pro Jahr rund 10 000 Fahrzeuge verkauft, davon etwa die Hälfte Range Rover sind und Omar zumindest eine 4-stellige Ziffer bestätigt, kann man sich vorstellen, wie wichtig Dubai für die Briten ist. Zwischen 1000 und 2000 Range Rover pro Jahr sollen es alleine im Hauptgeschäft in der Sheik Zayed Road sein, hört man aus der Zentrale in England. Also drei bis sechs Autos am Tag, und das sieben Tage die Woche.
Range Rover als Geschenk
«Dass wir so viele Autos verkaufen, liegt nicht nur an der langen Tradition der Marke hier in der Region, sondern auch an den Eigenheiten unserer Kultur», versucht sich Omar in einer Erklärung seines Erfolges: Ein Auto ist am Golf nicht nur ein Gefährt, sondern oft auch ein Geschenk. Deshalb kaufen die Scheichs neben den Flotten für die eigene Grossfamilie viele Autos auch als kleine Aufmerksamkeit für Freunde und Verwandte, zu Hochzeiten und anderen Gelegenheiten mit sozialer Verpflichtung. Da kommt offenbar einiges zusammen: «Manche unserer besten Kunden kaufen über 100 Range Rover pro Jahr, nur um sie zu verschenken», freut sich Omar.
Zwar sieht es bei ihm auf den ersten Blick aus wie in jedem anderen Autohaus der Welt – nur dass der Showroom in Dubai drei-, viermal grösser ist als beim Land-Rover-Händler in Zürich oder Bern und viele Kunden in der traditionellen Kleidung der Wüstensöhne auftreten. Aber das Geschäftsgebaren ist ein wenig anders. Wo Autos dieser Preisklasse in Europa meist finanziert oder geleast werden, spricht Omar von mindestens 50 Prozent Barzahlern. Und oft genug könne man das wörtlich nehmen, sagt der Verkaufschef.
Mit einem anderen Vorurteil macht er dagegen Schluss: Auch wenn dem Araber das Feilschen im Blut liege, werde bei al-Tayer nicht gehandelt. «Wir haben Festpreise und geben keine Rabatte», sagt Omar und kann sich diese Position sehr zum Neidwesen europäischer Autohändler offenbar auch leisten: «Wir kommen ohnehin kaum nach mit der Lieferung.»
Im Range zum Wüsten-Barbecue
Auch werden die Autos hier ganz anders genutzt als in Amerika oder dem Bündnerland. «Jeder kennt die Statistiken, wonach ein Geländewagen nie ins Gelände fährt», räumt Colgan ein. «Aber hier stimmt das nicht.» Denn der Ausflug in die Wüste gehört in Dubai zum Alltag: Man fährt zu seinen Kamelen, trifft sich mit seinen Freunden auf den Dünen zu Sandkastenspielen für grosse Jungs oder macht mitten im sandigen Nirgendwo ein Barbecue im Sonnenuntergang.
Ein halbes Jahrhundert nachdem der erste Land Rover in die Region geliefert wurde, haben die Briten das längst verinnerlicht und tragen dem auch bei der Entwicklung Rechnung. Deshalb gibt es ein spezielles Wüstenprogramm im elektronischen Terrain-Response-System, und deswegen gibt es vor den Toren der Stadt ein eigenes Testzentrum. «Jedes neue Modell muss sich hier bewähren, bevor es in Produktion geht», erläutert Colgan. Davon profitieren die Kunden in aller Welt, ist der Brite überzeugt: «Wenn die Prototypen hier im August durchhalten, wenn die Temperatur auf über 50 Grad steigt und die Luftfeuchtigkeit bei 100 Prozent liegt, dann kann ihnen der Sommer auch sonst nirgends etwas anhaben.» Omars Kunden kennen sich mit den Autos zwar oft besser aus als seine Verkäufer, doch das Klischee vom verwöhnten Exzentriker erfüllen nur die wenigsten.
Gerade mal zehn Prozent der Fahrzeuge werden individuell zusammengestellt, der Rest kauft von der Stange, erläutert der Topverkäufer. Dass man dabei gerne mal die Sitzheizung weglässt und sich am Golf auch keine Lenkradheizung verkaufen lässt, versteht sich von selbst. Und der hohe Anteil an weissen Autos wird auch nicht überraschen. Bemerkenswert ist dagegen die Vorliebe für Folierungen, von der Omar erzählt. Während optisches Tuning eher angesagt sei und schrille Farben den Sportwagen vorbehalten bleiben, sind auffallend viele Range Rover im Mattlook beklebt. Und jedes Jahr im Dezember treiben es die Kunden besonders bunt. Denn zum Nationalfeiertag hüllen sie ihre Autos in die Landesfarben, lassen sogar die Porträts ihrer Potentaten aufs Blech pappen und fahren im Konvoi durch die Stadt, erzählt Omar und zeigt bizarre Bilder von solchen Range-Rover-Paraden.
Zum 5. Mal die Nummer 1 der Welt
Obwohl Omar alleine noch immer halb so viele Range Rover verkauft wie beispielsweise alle deutschen Händler zusammen, hat auch er schon bessere Zeiten gesehen. «Vor ein paar Jahren konnte die Ausstattung gar nicht üppig genug sein, und natürlich wurden immer die stärksten Motoren bestellt.» Heute dagegen verkauft er wieder mehr Motoren mit Sauger als mit Kompressor, und es geht auch mal ohne Wurzelholz oder das imposante Rear-Seat-Entertainment. Die Zeichen der Krise? «Nennen wir es mal eine Anpassung an die globale Wirtschaftslage», sagt Omar. Ganz so schlimm kann die Sache aber tatsächlich nicht sein. Sonst würde Omars Arbeitgeber al-Tayer demnächst nicht zum fünften Mal in Folge als erfolgreichster Land-Rover-Händler der Welt ausgezeichnet. Und sonst hätte es nicht einen derartigen Run auf den neuen und kompakten Range Rover Evoque gegeben.
Der Evoque wird eingeflogen
«Als die ersten Fotos kursierten, haben hier am Golf alle den Wagen belächelt», räumt Colgan ein. Zu klein, zu schwach und für die Wüste nicht zu gebrauchen. Doch seit das Auto auf der Messe stand und vorher im Sand fotografiert wurde, hat sich die Meinung gedreht: Die ersten Scheichs haben ihn bestellt, und plötzlich wollen ihn alle haben. Und zwar so schnell wie möglich, so Verkaufschef Omar: «Weil vielen Kunden nicht einmal die 21 Tage für den Schiffstransport abwarten wollen, lassen sie die Autos extra aus England einfliegen – für einen Aufpreis von mindestens 10 000 Dollar . . .» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.01.2012, 10:03 Uhr
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