Dieser Stern glüht auf Sparflamme
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Mit einem Tank durch halb Europa? Mit einem Stadtflitzer mag das ja klappen. Aber mit einem luxuriösen SUV von Barcelona nach Stuttgart? Kein Problem, verspricht Mercedes für die neue M-Klasse. Weil die Schwaben den Geländewagen auf Diät gesetzt haben, einen kleinen 4-Zylinder-Diesel montieren und das Auto im Windkanal geglättet wurde, soll der ML 250 Bluetec mit einem Normverbrauch von 6,0 Litern zum sparsamsten SUV im Segment avancieren. Bestellt man für 119 Euro den XLTank mit 93 statt 70 Litern, reicht das für mehr als 1500 Kilometer – theoretisch. Wir wollten wissen, ob das auch in der Praxis klappt.
Zum Start ein Schock
Kurz hinter der Stadtgrenze von Barcelona stehen wir an der Raststätte, machen den Tank voll und schauen gespannt auf den Bildschirm des Navis: 1248 Kilometer liegen bis Stuttgart vor uns, dummerweise meldet der Bordcomputer das Gegenteil – weil die Fotofahrten auf den Ramblas und am Olympiastadion alles andere als sparsam waren, reicht der Sprit rein rechnerisch nicht einmal für 1000 Kilometer. Das kann ja heiter werden.
Doch es dauert nur ein paar Minuten, schon steigt die Reichweite an, klettert auf 1100, 1200, 1300 Kilometer und gipfelt in der Nähe der französischen Grenze bei 1479 Kilometern – dabei haben wir da schon fast 200 Kilometer hinter uns. Der Verbrauch liegt allerdings noch deutlich vom Idealwert entfernt: 6,9, 6,8 ganz kurz mal 6,7 zeigt der Bordcomputer auf dem Weg durch die französische Nacht.
2,2 Liter, 4 Zylinder, 500 Nm
Dass unter der Haube nur ein 4-Zylinder mit nur 2,2 Litern Hubraum arbeitet, haben wir da längst vergessen. Der Motor läuft leise und kultiviert, bringt den Wagen mit 500 Nm Drehmoment überall flott in Fahrt und kommt beim Tempolimit von 110 km/h kaum aus dem Drehzahlkeller heraus: 1500, höchstens mal 2000 Touren braucht es, um ein 2 Tonnen-SUV in Schwung zu halten. Dass der sparsame 4-Zylinder den Wagen auch in 9 Sekunden auf Tempo 100 wuchten könnte, muss man ihm auf dieser Strecke einfach glauben. So ist es kein Wunder, dass die neue Verbrauchsgrafik auf dem Navi-Monitor eine sehr flache Kurve zeigt, die meist sogar noch unter sechs Litern bleibt. Und sonderlich langsam sind wir trotzdem nicht und schaffen einen 100er-Schnitt.
In der Camargue bläst uns der Gegenwind die Sparflamme beinahe aus: Zwar hat Mercedes die M-Klasse mit dem cW-Wert von 0,32 zum strömungsgünstigsten SUV in seinem Segment gemacht. Doch wenn das SUV frontal durch einen Sturm fährt, ist selbst die beste Aerodynamik machtlos. «Bei 50 km/h Gegenwind sind Tempo 120 so schwer wie 170, und der Verbrauch geht eben nach oben», entschuldigt sich der Entwickler auf dem Beifahrersitz und schaut bange auf die Tanknadel, während der Bordcomputer wieder einen Mittelwert von 6,9 Litern zeigt.
Warten auf den Warnton
Danach braucht es sehr viele Kilometer das Rhonetal hinauf, bis sich die Werte normalisieren. Halbstundenweise gewinnen wir ein Zehntel, haben 6,8, 6,7 und ganz kurz mal 6,6 Liter auf der Anzeige und rollen ganz gemütlich Richtung Nordosten. Den Tempomat haben wir irgendwo zwischen 120 und 130 gesetzt und kämpfen gegen die aufsteigende Monotonie. Klar sind die Sitze bequem, das Fahrwerk ist langstreckentauglich und die M-Klasse extrem leise. Doch bei der Halbzeit auf der Höhe von Lyon sehnt man sich trotzdem nach dem Ziel und wirkt so matt, dass man förmlich auf den Warnton des neuen Attention-Assists wartet, der serienmässig in der M-Klasse eingebaut ist.
Doch ein Stau holt uns zurück ins Hier und Heute. Auf der Route National geht es um Lyon herum, dann weiter Richtung Jura und Elsass. Bei Besançon haben wir die Hälfte unseres Sprits verfahren, bei Mulhouse ist noch ein gutes Drittel im Tank und in Strassburg stehen wir wieder im Stau. Der Bordcomputer nimmt das gelassener als wir: Weil die neue M-Klasse serienmässig eine Start-Stopp-Automatik hat, lässt er sich die 6,5 Liter nicht nehmen. So ist das Ziel zum Greifen nahe und der dichte Verkehr am Grenzübergang bei Rastatt stört jetzt auch nicht mehr, zumal jetzt immer öfter sogar die 6,4 auf dem Monitor aufflackert. Erst die A8 zwischen Karlsruhe und Stuttgart stellt uns jetzt noch einmal auf eine Probe. Nicht, weil sie verstopft ist, sondern weil wir hier ausnahmsweise einmal freie Fahrt hätten. Als hätte man zwei Seelen in der Brust, müssen wir uns zwischen Fahrspass und Sparspass entscheiden.
Geiz ist geiler als Fahrspass
Doch nach den über 1000 Kilometern hat der Bleifuss keine Chance: Zu gross ist der Stolz auf die Sparsamkeit, zu geil der Geiz, als dass man jetzt mit ein paar nutzlosen Sprints alles aufs Spiel setzen wollte. Als Kompromiss drücken wir den Tempomaten auf 130 hoch und erlauben uns zum Überholen auch mal 140, 150 Sachen und rollen am Ende nach genau 13:12 Stunden und 1269 Kilometern an einer Tankstelle neben der Mercedes-Hauptverwaltung in Möhringen vor. Der Bordcomputer zeigt einen Wert von 6,4 Litern und eine Restreichweite von 191 Kilometern. Nach dem Tanken gewährt uns der Taschenrechner sogar noch einen Bonus: 80,2 Liter hat sich die M-Klasse für den Weg von Barcelona nach Stuttgart gegönnt. Geteilt durch 1269 Kilometer ist das ein Schnitt von 6,3 Litern. Nicht ganz so gut wie auf dem Prüfstand, aber dafür in der Praxis erprobt. Und mit ein bisschen mehr Zurückhaltung hätten wir wahrscheinlich sogar das geschafft. Die Zeiten des Saufens sind für diesen SUV dank Downsizing also offenbar vorbei. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.07.2011, 00:58 Uhr
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