Bern neu gründen auf Chinesisch
Von Jürg Steiner, Stefan von Bergen. Aktualisiert am 31.12.2011
Cool? Steiner/von Bergen vor der Hochhauskulisse von Pudong. (Bild: svb)
Shanghai Unplugged
Ni hao, Shanghai. Frühmorgens machen ganze Gruppen auf der busy Nanjing-Road ungerührt Tai-Chi. Finden wir cool. Aber Meyer-Burger-Manager Wayson Li blickt durch sein Brillengestell ohne Gläser und sagt: «Tai-Chi machen nur ältere Leute.»
In einer Apotheke an der hippen Huaihai-Road wird frischer Ginseng präpariert. Finden wir cool. Aber Übersetzerin Shu Shu Dai, 24, sagt: «Traditionelle chinesische Medizin ist für ältere Leute. Sie wirkt so langsam.»
Shanghaier tragen Nike, G-Star, Abercrombie&Fitch. Wir kaufen bei Li Ning ein, der Kleiderlinie des chinesischen Turners. Er expandiert gerade in den Westen. Dank uns ist er schon in Bern. Finden wir cool.
Nächster Teil der Shanghai-Reportageserie: Wie sich Berner Firmen im Grossstadtdschungel schlagen.
Fast nie lässt Guan Yetong das Display seines Smartphones aus den Augen. Pausenlos beantwortet er Anrufe und SMS, surft online. Trotzdem ist er voll präsent. Er argumentiert, witzelt, stichelt.
Souverän bewegt er sich gleichzeitig in zwei Welten. Guan, knapp 40, ist Stadtplaner, ein Staatsbeamter, aber kein Apparatschik. Er ist flexibel, eloquent, initiativ. Er gehört zur jungen chinesischen Avantgarde, die etwas bewegen will in der 20-Millionen-Boomtown Shanghai.
Guan steht am Ufer des Hungapu-Flusses, der in Bogen durch Shanghai fliesst wie die Aare durch Bern, aber ein paar Kilometer später nicht in den niedlichen Wohlensee fliesst, sondern in den gewaltigen Yangtse und dann ins Ostchinesische Meer. Im Rücken von Guan glänzt die weisse Lupu Daqiao, eine der grössten Bogenbrücken der Welt, im Shanghaier Dunst. Wie mächtige Klammern halten mehrere Monsterbrücken über den Huangpu die aus allen Nähten platzende Megacity zusammen.
Weicher, wärmer, westlicher
Guan blinzelt in die bleiche Sonne. Jetzt drückt er dezidiert einen Anrufer weg, denn er will etwas Wichtiges sagen. Weit weist sein Arm über die Hochhausreihen zu seiner Rechten hinaus: «Hier, an der Wasserfront, geben wir Shanghai ein neues Gesicht. Wir konzipieren eine neue City, die wir nicht CBD – Central Business District – nennen, sondern EBD.» E steht für ecological und emotional.
Man könnte auch sagen: Hier, am Ufer des Huangpu, soll Shanghai weicher werden. Wärmer. Westlicher. Und grüner.
Shanghais Bild in der westlichen Welt ist das eines unnahbaren Stadtmonsters, das ameisenhaft arbeitende Chinesen in einem uns unheimlichen Tempo wachsen lassen. Eines ungebändigten Hochhausdschungels aus kühlen Glas- und Betonfassaden, dem Ruheoasen und Rückzugsorte fehlen. Eines seelenlosen Molochs, der von Business, Business und Business lebt, aber sicher nicht von Lebensqualität, Nachhaltigkeit oder Müssiggang.
Einmal Bern pro Jahr
Zahlen verfestigen dieses Bild. Um 32 Personen pro Stunde wächst Shanghai derzeit pro Stunde, haben Experten der London School of Economics ausgerechnet. Macht eine Zunahme um 280000 Personen pro Jahr – um fast die gesamten Einwohner der Agglomeration Bern. Shanghais mittlere Bevölkerungsdichte beträgt 6400 Personen pro Quadratkilometer, ungefähr doppelt so viel wie in westeuropäischen Grossstädten. Im engen schweizerischen Mittelland leben gerade 400 Personen pro Quadratkilometer.
Mit der Wucht einer Flutwelle drängen in Shanghai kommerzielle Bürowolkenkratzer bezahlbare Wohnungen aus dem spektakulären Zentrum in smogvernebelte Satellitenstädte. Bewohner werden umgesiedelt, Altbauquartiere in frenetischem Takt niedergerissen, umgepflügt und als teure Hochhaus-Reihenplantagen wieder aufgebaut.
Gegen diesen Druck der von Chinas kommunistischer Führung Mitte der 90er-Jahre entfesselten Marktkräfte, hat man den Eindruck, ist in einer Megacity wie Shanghai kein Kraut gewachsen. Aber Guan Yetong gestikuliert elastisch mit dem Smartphone und beruhigt: «Wir bekommen es in den Griff.»
Misstrauische Chinesen
Guan arbeitet in leitender Position im Planungsamt des zentralen Shanghaier Stadtdistrikts Xuhui (ausgesprochen: Schu-hui), in dem rund 800000 Menschen leben – und dessen Bevölkerung so rasant wächst wie sonst nirgends in Shanghai. Zu diesem brummenden Distrikt gehört eine gut 8 Kilometer lange Uferzone am Huangpu, ein früheres Industriegebiet gleich gegenüber dem Gelände der Welt-Expo 2010. Hier wollen Guan und seine Leute nun mit einer planerischen Grosstat das Antlitz des neuen Shanghai und damit das Selbstverständnis der an die Spitze strebenden Weltmacht China prägen.
In Xuhui will Shanghai nicht mehr nur fleissig, diszipliniert und chinesisch sein, sondern: weltläufig, grosszügig, selbstbewusst, ökologisch. Und so cool wie der Planer Guan selber.
Wenn es um Qualität und Style geht, misstrauen Chinesen dem Chinesischen und orientieren sich am Westen, den sie gerade wirtschaftlich an die Wand spielen. Xuhuis XXL-Planungszone, die ungefähr von Köniz bis ins Wankdorf reichen würde, heisst deshalb Shanghai Corniche – Corniche, wie in französischen Küstenstädten, in Marseille oder Nizza, die imperiale Uferpromenade genannt wird.
Chinesischer Realitätstest
Am Huangpu-Ufer von Xuhui bedeutet die Anlehnung an europäische Städtebautraditionen aber keine Rückbesinnung auf einen gemächlicheren Wachstumskurs. Im Gegenteil. Der für dieses Prestigevorhaben verantwortliche Planer Guan Yetong versteht Shanghais Corniche als urbanes Laboratorium, in dem der globale Fundus an städtebaulichem Wissen einem Realitätstest unterzogen wird – an der chinesischen Wachstumseuphorie.
Durchgestylte Kulisse
Der erfahrene Londoner Städteplaner Peter Verity hat 2008 den Designwettbewerb für dieses «weltweit grösste zusammenhängende Stadterneuerungsgebiet» gewonnen und überwacht seither, wie in Xuhui «eine Stadt in der Stadt entsteht». Etwa 400000 Menschen sollen hier dereinst leben, arbeiten, sich vergnügen und erholen. Hinter einer riesigen, spektakulär gestalteten Uferzone mit Kulturpalästen, Erholungsarealen und unterirdisch verlegten Strassen erhebt sich eine gestufte, durchgestylte Hochhauskulisse, in der unter anderem Institute für biomedizinische High-End-Forschung untergebracht sind, aber auch internationale Schulen, die Familien aus aller Welt anziehen.
Alles, was man braucht, ist – ganz anders als im heutigen Shanghai – in Fussgängerdistanz: Shops, grosszügige Grünanlagen, Sporteinrichtungen – und für die, die kurz wegmüssen, ist ein grosser Helikopter-Airport für Shuttleflüge vorgesehen. Die Menschen leben in Minergiehäusern. In Xuhui wird der Smog-Koloss Shanghai CO2-neutral.
Reiche, ambitionierte Menschen aus aller Welt und mit ihnen das Kapital internationaler Investoren zieht es an die Shanghai Corniche, weil hier die Zukunft stattfindet. New York, London, Paris waren gestern. Der erneuerte Westen findet im Fernen Osten statt, made in China – nur grösser und ohne bremsende Mitsprache von Anwohnern und Stimmbürgern. Das ist die Vision, an der in Xuhui gebaut wird.
Wachstum ohne Grenzen
Planer Guan bittet jetzt in ein offenes Golffahrzeug, er will auf einer Rundfahrt über das Areal zeigen, wie real die Vision der Corniche schon ist. Sie scheint weit weg. Die magistral angelegte Uferpromenade ist praktisch menschenleer, als ein einsamer Jogger vorbeitrabt, spottet Guan nur, das müsse ein Westler im Fitnesswahn sein. Bewegung gibt es fast nur bei den alle paar hundert Meter postierten Wachhäuschen, vor denen das Sicherheitspersonal mechanisch salutiert, als wir vorbeirollen. Spektakuläre Architektur fehlt (noch), und auf dem Hungapu fährt ein Frachtschiff hinter dem anderen, alle vollbeladen mit Kohle, um Shanghais Hunger nach fossilen Brennstoffen zu stillen. Die grüne Megacity existiert erst auf Videoanimationen.
Shanghai Corniche ist in Guans Kopf viel weiter als in der Realität, und im Westen würde sie wohl als grössenwahnsinniger Papiertiger abgetan. Den smarten Planer irritiert das nicht im Geringsten. Er weiss: In Xuhui entsteht ein europäisch gestaltetes Schaufenster, hinter dem als Motor eine chinesische Strategie für das urbane Wachstum Shanghais steht. Verglichen mit ihr, wirkt das schweizerische Raumkonzept mit seiner Metropolitan- und Hauptstadtregion wie eine Playmobil-Anleitung.
Chinesische Planer müssen nicht mit demokratischen Debattierern und ökologischen Bedenkenträgern rechnen. Kompromisslos schliessen sie Gebiete wie die Shanghai Corniche mit generösen Infrastrukturbauten an die pulsierenden Wachstumspole der Weltwirtschaft an.
Bis 2020 etwa wird der Tiefseehafen Yangshan in Etappen realisiert, ein Gigant, für den eine Insellandschaft mit kilometerlangen Piers für Containerriesen zubetoniert wird, die mit einer 30 Kilometer langen Autobahnbrücke ins Meer hinaus mit Shanghai verbunden sind.
Wunsch nach Kritik
Auffangen will Shanghai diesen Entwicklungsschub mit dem «Plan 1966», der die Siedlungsexpansion in die Agglomeration steuert. Die Zahlenkombination 1966 bedeutet, dass um 1 grosses Stadtzentrum 9 Grossstädte gebaut werden (mit je rund 600000 Einwohnern), im nächsten Ring entstehen 60 Kleinstädte (mit je 50000 Einwohnern) und den äussersten Ring bilden 600 regionale Zentren, die an den Grossraum Shanghai angeschlossen werden.
Das ist Bern neu gründen in chinesischen Dimensionen – aber ohne lähmende Kleinkriege um Gemeindegrenzen, Steuerfüsse und Dorfidentität.
Planer Guan bittet jetzt im mondänen Restaurant Ambrosia im historischen Stadtteil von Xuhui zum Lunch. Er ist bestens gelaunt und möchte nun über die Preise von Schweizer Luxusuhren reden. Eine Breguet hat es ihm angetan.
Wir aber wollen wissen, wie die Zusammenarbeit von Xuhui und Bern, die Distriktpräsident Mao Ming Gui vor einem Jahr bei seinem Besuch bei Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher vereinbarte, in die Shanghai Corniche einfliessen wird. Guan hat von der Bern-Connection noch nie gehört, aber spontan findet er Gefallen daran. Jeglicher Austausch mit dem Westen, ob Know-how, Ideen oder Personen, sei für die Weiterentwicklung Shanghais wichtig, sagt er. Dazu gehöre auch Kritik.
Was meinen Xuhuis Bewohner zu den Ausbauplänen? Nun gut, sagt Guan, wer in einer Grossstadt lebe, müsse Dichte, Tempo, Veränderung akzeptieren. «Wir informieren die Menschen. Ihnen ist klar, dass es in ihrem Interesse ist, was wir machen. Wir schaffen die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg, der ihr Leben angenehmer macht.»
Neujahrsbotschaft an Bern
Unsere Dolmetscherin Ellen Xu ist beeindruckt von Guans urbaner Vision für Xuhui. Sie fragt sich höchstens, ob die einseitige Ausrichtung auf die globale Upperclass Shanghai nicht austauschbarer, abgeschliffener, flacher mache. Und die Stadt damit dem wirtschaftlichen Erfolg ihre Unverwechselbarkeit, Eigenständigkeit, ihren Charakter opfere.
Das könnte man als guten Rat zum neuen Jahr aus Xuhui nach Bern verstehen. zeitpunkt@bernerzeitung.ch
> (Berner Zeitung)
Erstellt: 31.12.2011, 11:53 Uhr
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